Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Als sie an diesem Vormittag von ihrem Pferd stieg, um wie gewohnt ein Stück zu gehen, lächelte Rob sie an.
»Fahrt mit mir in meinem Wagen!«
Sie machte keine Umstände. Diesmal war sie nicht verlegen, sondern empfand nur tiefe Freude darüber, dass sie neben ihm saß.
Er griff hinter den Sitz und zog einen Lederhut hervor, doch es war die Kopfbedeckung der Juden.
»Wo habt Ihr den her?«
»Ihr heiliger Mann in Tryavna hat in mir geschenkt.«
Marys Vater warf ihm in diesem Augenblick einen so mürrischen Blick zu, dass sie zu lachen begannen.
»Es wundert mich, dass er Euch gestattet, mich zu besuchen«, meinte Rob.
»Ich habe ihn davon überzeugt, dass Ihr arglos seid.«
Sie blickten einander unbefangen an. Sein Gesicht war schön, trotz der entstellenden gebrochenen Nase. Wie gelassen seine Züge auch bleiben mochten, der Schlüssel zu seinen Gefühlen waren seine Augen, die tiefblickend, ruhig und irgendwie älter wirkten, als er war. Sie ahnte in ihnen eine große Einsamkeit, die zu der ihren paßte. Wie alt er wohl war? Einundzwanzig? Zweiundzwanzig? Erschrocken merkte sie, dass er von dem Ackerland sprach, durch das
sie zogen.
»...zumeist Obst und Weizen. Hier muss der Winter kurz und mild sein, denn das Getreide steht schon hoch«, sagte er gerade, aber sie wollte sich die Vertrautheit, die in den letzten Augenblicken zwischen ihnen entstanden war, nicht rauben lassen. »An jenem Tag in Gabrovo, da habe ich Euch gehaßt.« Ein anderer Mann hätte vielleicht protestiert oder zumindest gelächelt, er aber reagierte nicht.
»Wegen der blonden Frau. Wie konntet Ihr mit ihr gehen! Ich habe auch sie gehaßt.«
»Vergeudet Euren Haß nicht auf uns beide, denn sie war bedauernswert, und ich habe nicht mit ihr geschlafen.
Als ich Euch gesehen hatte, konnte ich sie nicht mehr anrühren.«
Sie zweifelte nicht daran, dass er die Wahrheit gesprochen hatte, und ein warmes, triumphierendes Gefühl begann in ihr zu wachsen wie
eine Blume.
Jetzt konnten sie über Unwesentliches sprechen, über ihre Route, über die Art, wie die Tiere angetrieben werden mussten, damit sie durchhielten, darüber, wie schwer es war, Brennholz zum Kochen zu finden. Sie saßen auch den ganzen Nachmittag nebeneinander und sprachen ruhig über alles, nur nicht über die weiße Katze und sie beide, doch seine Augen sagten ihr wortlos ganz andere Dinge.
Sie wusste es. Sie hatte aus mehreren Gründen Angst, aber es gab auf der ganzen Erde keinen Platz, der ihr lieber gewesen wäre als der neben ihm auf dem unbequemen, schwankenden Wagen unter der glühenden Sonne, und sie verließ Rob erst gehorsam, wenn auch zögernd, als der entschiedene Ruf ihres Vaters sie schließlich dazu zwang.
Dann und wann kamen sie an kleinen Herden von schmuddeligen Schafen vorbei, doch ihr Vater hielt immer an, um sie zu prüfen, und er
befragte mit Seredys Hilfe die Besitzer. Die Hirten wiesen jedes Mal darauf hin, dass er für wirklich gute Schafe nach Anatolien Weiterreisen müsse.
Anfang Mai waren sie nur noch eine Wochenreise von der Türkei entfernt, und James Cullen konnte seine Erregung nicht mehr verbergen. Seine Tochter war zwar ebenfalls erregt, aber sie gab sich alle Mühe, dies vor ihm zu verheimlichen. Obwohl sie immer wieder die Möglichkeit fand, dem Baderchirurgen einen Blick zuzuwerfen oder ihn anzulächeln, zwang sie sich, ihn zwei Tage hintereinander zu meiden, denn wenn ihr Vater ihre Gefühle erriet, würde er ihr vermutlich befehlen, sich von Rob Cole fernzuhalten. Eines Abends, als sie nach dem Essen aufräumte, erschien Rob in ihrem Lager. Er nickte Mary höflich zu, ging geradewegs auf ihren Vater zu und hielt ihm eine Flasche Brandy als Versöhnungsgabe hin. »Setzt Euch«, sagte ihr Vater zögernd. Aber nachdem die beiden Männer gemeinsam getrunken hatten, wurde ihr Vater freundlicher, zweifellos weil es angenehm war, kameradschaftlich zusammenzusit-zen und auf englisch zu plaudern, und auch weil es schwer war, Rob Cole gegenüber reserviert zu bleiben. Es dauerte nicht lang, bis James Cullen dem Besucher erzählte, was er vorhatte. »Ich habe von einer Schafrasse im Osten gehört, deren Tiere mager sind und einen schmalen Rücken haben, deren Schwänze und Hinterbeine jedoch so fett sind, dass das Schaf, wenn die Nahrung knapp wird, von den aufgespeicherten Reserven leben kann. Die Lämmer haben ein seidiges Vlies von seltenem, ungewöhnlichem Glanz. Wartet einen Moment, ich zeige es Euch!« Er verschwand im Zelt und kam mit einem Hut aus Lammfell heraus. Das Vlies war grau und dicht gelockt.
»Feinste Qualität«, erklärte er eifrig. »Das Vlies bleibt nur bis zum fünften Lebenstag des Lammes so gelockt, dann ist das Fell nur noch gewellt, bis das Tier zwei Monate alt ist.«
Rob begutachtete den Hut und versicherte James Cullen, dass dies ein feines Fell sei.
»Und ob es das ist«, sagte Cullen und setzte den Hut auf, worauf sie alle drei lachten, weil es eine warme Nacht und so ein Pelzhut doch für den Schnee gedacht war. Cullen trug ihn wieder ins Zelt, dann saßen sie zu dritt vor dem Feuer, und Marys Vater ließ die Tochter
ein- oder zweimal aus seinem Glas trinken. Es fiel ihr schwer, den Brandy hinunterzuschlucken, doch hinterher kam ihr die Welt sicherer vor.
Donner grollte und erschütterte den rötlichen Himmel, Wetterleuchten brachte sekundenlang Helligkeit, so dass sie Robs männliche Gesichtszüge sehen konnte, doch die empfindsamen Augen, die es so schön machten, waren ihren Blicken entzogen.
»Ein merkwürdiges Land, in dem es donnert und blitzt wie bei uns und doch nie ein Tropfen Regen fällt«, meinte ihr Vater. »Ich erinnere mich gut an den Morgen, an dem du zur Welt kamst, Mary Margaret. Auch damals blitzte und donnerte es, aber dazu fiel dichter schottischer Regen, als hätten die Himmel sich geöffnet und würden sich nimmer schließen.«
Rob beugte sich vor. »War das in Kilmarnock, wo Eure Familie ihre Besitzungen hat?«
»Nein, es war in Saltcoats. Ihre Mutter war eine Tedder aus Saltcoats. Ich hatte Jura in das alte Haus der Tedders gebracht, weil sie sich während der Schwangerschaft sehr nach ihrer Mutter sehnte. Sie feierten und umsorgten uns wochenlang, so dass wir zu lange blieben. Jura wurde von den Wehen überrascht, und daher kam Mary dort zur Welt statt in Kilmarnock wie eine richtige Cullen. Sie wurde im Haus ihres Großvaters geboren, von dem aus man einen Blick auf den Firth of Clyde hat.«
»Vater«, unterbrach Mary ihn sanft. »Master Cole interessiert sich nicht für den Tag meiner Geburt.«
»Im Gegenteil«, widersprach Rob. Er stellte Fragen über Fragen an ihren Vater und hörte ihm geduldig zu.
Sie betete, dass es nicht wieder blitzte, denn ihr Vater sollte nicht sehen, dass die Hand des Baderchirurgen auf ihrem nackten Arm lag. Seine Berührung war leicht wie ein Flaum, aber ihr Körper bestand nur noch aus erwachten Gefühlen und Gänsehaut, als hätte sich die Zukunft angekündigt, oder als wäre die Nacht kühl.
Am u. Mai erreichte die Karawane das Westufer der Arda, und Karl Fritta beschloss, dort einen Tag zu lagern, damit die Wagen instandgesetzt und damit bei den Bauern der Umgebung Vorräte gekauft werden konnten.
Cullen nahm Seredy mit und bezahlte einen Führer, der sie
über den Fluss in die Türkei bringen sollte, denn ungeduldig wie ein Junge konnte er es nicht erwarten, die Suche nach den Schafen mit den breiten Schwänzen zu beginnen.
Eine Stunde später bestiegen Mary und Rob den ungesattelten Rappen und entfernten sich vom Lärm und dem Durcheinander. Als sie am Lager der Juden vorbeikamen, beobachtete sie der magere Junge. Es war Simon, der als Robs Lehrer füngierte. Er versetzte einem der anderen grinsend einen leichten Rippenstoß, um ihn auf die Vorbeireitenden aufmerksam zu machen.
Mary war das gleichgültig. Ihr war schwindlig, vielleicht infolge der Hitze, denn die Morgensonne glich einem Feuerball. Mary schlang die Arme um Robs Brust, um nicht vom Pferd zu fallen, schloss die Augen und lehnte den Kopf an seinen breiten Rücken. In einiger Entfernung von der Karawane kamen sie an zwei mürrischen Bauern vorbei, die einen mit Brennholz beladenen Esel führten. Die Männer starrten sie an, erwiderten aber ihren Gruß nicht. Vielleicht waren sie von weit hergekommen, denn es gab in dieser Gegend keine Bäume, nur weite Felder. Niemand arbeitete auf ihnen, weil die Aussaat längst vorüber, das Getreide jedoch noch nicht reif war. Als sie zu einem Bach kamen, band Rob das Pferd an einen niederen Busch. Sie zogen die Schuhe aus und wateten durch die blendende Helle. Zu beiden Seiten des spiegelnden Wassers befanden sich Weizenfelder, und er zeigte ihr, dass die hohen Halme den Boden beschatteten, so dass er einladend dunkel und kühl war.