Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
Die Berichterstatterin der Nowaja gaseta Anna Politkowskaja wurde am 7. Oktober 2006, dem 54. Geburtstag von Wladimir Putin, im Eingang zu ihrem Wohnhaus in Moskau erschossen. Ein schlimmeres Geschenk hätte Putin zu seinem Feiertag nicht erwarten können. Außerdem wurde der Mord genau am Vorabend des Staatsbesuchs des russischen Präsidenten in Deutschland verübt – es war eine wichtige Reise, bei der WWP über die Schaffung eines paneuropäischen Zentrums für die Distribution von russischem Gas verhandeln wollte, unseres Exportschlagers Nummer eins. Überflüssig, daran zu erinnern, dass das Vorhaben platzte – und zwar vor allem wegen des skandalösen Todes der Journalistin. Viele Vertreter des deutschen Establishments wollten den Staatsbesuch sogar ganz absagen.
Putin verkündete damals ungeschickt, politisch unkorrekt und taktlos, dass ihm der Tod Politkowskajas viel mehr geschadet habe als ihr Leben und ihre professionelle Tätigkeit. Auch wenn der russische Präsident seine Worte äußerst undiplomatisch gewählt hatte, kann man nicht umhin, sie im Kern als zutreffend anzuerkennen. Natürlich ist WWP der Letzte, der am Tod Politkowskajas ein Interesse gehabt haben könnte.
Was war also wirklich geschehen? Eine genaue Antwort auf diese Frage gibt es bis heute nicht, die Strafverfolgung in Russland ist in eine Sackgasse geraten, wie es bei der Aufdeckung von folgenreichen Verbrechen in der Russischen Föderation oft der Fall ist. Aufmerksamkeit fordern alle Umstände in Zusammenhang mit Leben und Wirken von Anna Politkowskaja.
Die Beobachterin der Nowaja gaseta hatte sich in den letzten Jahren vor allem mit der Untersuchung von Verbrechen in Tschetschenien und im Tschetschenien-Krieg befasst. Wichtiges Objekt ihrer Untersuchungen war das tschetschenische Staatsoberhaupt Ramsan Kadyrow gewesen. Dieser ist heute einer der Schlüsselfiguren in der russischen Politik (darunter der gesamtnationalen, nicht nur der kaukasischen). Damals war er neu in seiner Führungsposition und hatte mit Schweiß und Blut (im direkten wie im übertragenen Sinne) versucht, in die Fußstapfen seines Vaters Achmat Kadyrow zu treten, einem ehemaligen Mufti und Anführer Tschetscheniens, der am 1. Mai 2004 durch eine ferngesteuerte Sprengladung in einem Stadion der Stadt Grosny ums Leben gekommen war.
Kurz vor Politkowskajas Tod bestellte Kadyrow ein Rechtsgutachten über die Möglichkeit einer gerichtlichen Verfolgung der Journalistin aufgrund von Diffamierung und Verleumdung des jungen tschetschenischen Staatsoberhaupts. Von einer juristischen Firma bekam er eine negative Antwort: Offiziell und streng im Rahmen des Gesetzes sei es nicht möglich, die Beleidigerin zu belangen.
Im Weiteren wurde bekannt, dass Anna Politkowskaja 2005/2006 viel mit Kadyrow-Gegnern in Tschetschenien und Umgebung verkehrte. Dabei deckte sie einige Namen von Personen auf, die versuchten, Ramsan loszuwerden, und zwar um selbst seinen Platz einzunehmen. Das konnte der brutalste Lenker des russischen Kaukasus seinen Gegnern nicht verzeihen. Diese wiederum hatten allen Grund, Frau Politkowskaja wegen ihrer unnötigen Offenheit und ungehemmten Verbreitung von Informationen zu grollen. Und das umso mehr, als im Nordkaukasus die Blutrache bevorzugtes Mittel zur Klärung von Beziehungen und zur Konfliktlösung darstellt. Deswegen bin ich nach wie vor der Auffassung, dass in der fernen Zukunft und unter nicht-totalitären Bedingungen (wenn Stalin’sche Methoden nicht mehr möglich sein werden) die islamischen Regionen des Kaukasus – Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan – nicht mehr zu Russland gehören können. Sie sind eine andere Zivilisation, und das muss man irgendwann anerkennen.
Der ehemalige Major des russischen Geheimdiensts und Offizier des Personenschutzes von Boris Beresowski, Alexander Litwinenko, starb Ende November 2006 in einer Londoner Klinik nach einer Vergiftung mit radioaktivem Material – Polonium. Viele verdächtigten den Ex-Offizier der Kreml-Garde Andrei Lugowoi der unmittelbaren Vorbereitung des Verbrechens; er war in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre Beresowskis Leibwächter gewesen.
Sowohl in Russland als auch im Westen verbreitete sich augenblicklich die Auffassung, die russischen Geheimdienste stünden hinter dem Mord – die allmächtige Lubjanka, die sich für Litwinenkos »Verrat«, sein Überlaufen auf die Seite des damals längst in Ungnade gefallenen Beresowski und für seine Flucht nach Großbritannien, hatte rächen wollen. Diese Version ist bis zum heutigen Tag aktuell und wird von dem Umstand erhärtet, dass Lugowoi bald nach Litwinenkos Tod als Hätschelkind der russischen Macht galt, da er 2007 Abgeordneter und 2008 sogar Vize-Sprecher der Staatsduma wurde, der ersten Kammer des russischen Parlaments.
Aber es gibt dabei auch noch einige auffallende Widersprüche und Unstimmigkeiten.
Erstens wurde Major Litwinenko – das sage ich in voller Überzeugung – von der Lubjanka nie übermäßig ernst genommen. Man hielt ihn weder für gefährlich noch für schädlich. Zwar war er ein zorniger und umtriebiger Mensch, aber nicht sonderlich helle.
Zweitens ist die Mordwaffe merkwürdig – das Polonium. Es hinterließ Spuren an vielen Orten von London, einschließlich der Sushi-Bar Itsu, wo sich Litwinenko im November 2006 mit Lugowoi und dessen Partner Juri Kowtun traf. Sehen so etwa heutzutage Vergiftungen aus? Die Geheimdienste bedienen sich normalerweise nicht nachweisbarer Gifte, die beim Opfer einen schweren Infarkt oder Schlaganfall hervorrufen. In solchen Fällen ist es sogar für erfahrene Spezialisten in den besten Labors einigermaßen schwer, die wahre Todesursache festzustellen. Das altertümliche Polonium wurde jedoch benutzt, um erst recht die Aufmerksamkeit auf das Verbrechen zu lenken und deutlich auf den Auftraggeber hinzuweisen – die Geheimdienste. Als angeblich abgeschriebenes radioaktives Material, das schreckliche grüne Spuren hinterlässt, hergestellt in irgendeinem Geheimbetrieb im tiefen Russland.
Drittens ist vielen aufgefallen, dass Andrei Lugowoi 2006 immer noch eine private Überwachungsstruktur leitete, die in ziemlich enger Verbindung zum einflussreichen jüdischen Geschäftsmann georgischer Abstammung Badri (Arkadi) Patarkazischwili steht – dem Partner von Boris Beresowski, der sich ebenfalls zu diesem Zeitpunkt in London niederließ. Patarkazischwili (der im Februar 2008 starb) unterhielt seinerseits engen Kontakt mit einigen georgischen kriminellen Autoritäten, die von den spanischen Behörden der Geldwäsche und des ungesetzlichen Erwerbs von Immobilien in ihrem Land beschuldigt wurden.
Viertens arbeitete Litwinenko mit den Rechtsorganen Spaniens zusammen. Das wurde auch von spanischer Seite zugegeben. Und er hatte vorgehabt, gegen jene kriminelle Autoritäten vor Gericht auszusagen. Die Aussage des ehemaligen Majors der Lubjanka hätte Patarkazischwilis Freunden und Geschäftspartnern das Leben erheblich erschweren und ihre Haftstrafen verlängern können.
Es ergibt sich also im Ganzen ein recht interessantes Puzzle mit vielen verschiedenen Elementen – ein reich gedeckter Tisch für die unterschiedlichsten Hypothesen. Nur unser Held Wladimir Putin tritt im Zusammenhang mit dem Mord an Litwinenko nicht in Erscheinung. Schaut man genau hin und urteilt logisch und gibt man sich nicht den augenblicklichen gesellschaftspolitischen Emotionen hin, kann man auch nicht die geringste Spur seiner Beteiligung an dieser seltsamen Polonium-Vergiftung entdecken.
Boris Beresowski war 1996 bis 1998 der wohl einflussreichste Geschäftsmann Russlands und (neben Tschubais) einer der Architekten des skandalösen Siegs von Boris Jelzin bei den Präsidentschaftswahlen 1996. Er war der Ideologe des politischen Kreml-Blocks »Einheit« vor den Parlamentswahlen 1999 (auf der Basis von »Einheit« entstand 2002 die berüchtigte Partei »Einiges Russland«). Im Jahr 2000 verließ er Russland – vorgeblich wegen einer Auseinandersetzung mit Putin, faktisch jedoch kann man davon ausgehen, dass die Familie von Boris Jelzin seiner Exzentrik, Extravertiertheit und des übermäßigen Redeflusses des Oligarchen überdrüssig geworden war.