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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Ich wage zu behaupten, dass die Theorie der Militärokratie ein ausgemachter Bluff ist, der sich aus gewissenlosen Manipulationen von statistischen Angaben speist.

Erstens ist es eine recht zweifelhafte Herangehensweise, die Zugehörigkeit eines staatlichen Funktionärs zur Militärkaste auf Grundlage von Lücken in seiner Biografie festzustellen. Typisch sind solche »Leerstellen« in CVs für Menschen mit einer kriminellen Bilanzgeschichte und keineswegs für solche mit gigantischen Geheimdienst­erfahrungen. Außerdem ist nicht erkennbar, dass sich im modernen Russland die Abkömmlinge des KGB-Systems der UdSSR für ihre Vergangenheit überaus schämen und gezwungen sind, wichtige Details ihrer Biografie zu verschweigen.

Zweitens haben im Unterschied zur Türkei von Atatürk, dem faschistischen Spanien oder einigen Länder Lateinamerikas die »Menschen mit Schulterklappen« des sowjetischen und postsowjetischen Russlands nie eine einheitliche Körperschaft mit gemeinsamen Interessen und einem standardisierten ethischen Kodex gebildet. Die Geheimdienste standen dem Innenministerium stets feindlich gegenüber, und jede dieser Strukturen hasste eigentlich das Militär, also das System des Verteidigungsministeriums Russlands. Sowohl die kommunistische als auch die postkommunistische politische Leitungsebene hetzte traditionell und bewusst die verschiedenen Zweige und Abteilungen der staatlichen Gewaltorgane gegeneinander auf, um zu verhindern, dass sie gemeinsam und solidarisch Anspruch auf die reale Macht erheben oder sich in kritischen Situationen illoyal verhalten. Man erinnert sich noch gut daran, wie im Oktober 1993, als Boris Jelzin den Obersten Sowjet der RSFSR auflöste, sich das damalige Ministerium für Staatssicherheit (der Rechtsnachfolger des KGB en miniature) eines Sturms des Parlamentsgebäudes, das Tausende von Menschen umringten, vorsichtig und höflich enthielt.

Dafür wurde der Befehl blutig und tadellos – unter Panzerbeschuss – vom Militär ausgeführt, das Jelzins Vertrauter, der Verteidigungsminister General Pawel Gratschow, befehligte. Die verschiedenen Strukturen sind also nicht imstande, eine wie auch immer geartete einheitliche Lobby zu bilden, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Und von einer »Militärokratie« als einem umfassenden Entscheidungssystem zu sprechen ist zumindest amüsant.

Drittens lässt sich die Anzahl von Militärpersonen innerhalb des Staatsapparats nicht mithilfe von Durchschnittswerten bestimmen. Wenn zum Beispiel im Verteidigungsministerium die »Menschen mit Schulterklappen« 90 Prozent der Belegschaft ausmachen (was durchaus natürlich ist) und im Landwirtschaftsministerium 10 Prozent, heißt das dann etwa, die Hälfte des Agrarsektors befindet sich unter der Fuchtel von Abkömmlingen von Armee und Geheimdiensten?

Viertens war unter Wladimir Putin nicht nur ein Zustrom von Vertretern des militärischen Milieus in staatliche Ämter zu beobachten, sondern auch ein Weggang, und zwar oftmals bei den oberen Etagen des Verwaltungsmechanismus. Im Verteidigungsministerium von Anatoli Serdjukow (2007–2011) zum Beispiel befanden sich innerhalb der Leitung der Militärbehörde nicht selten Vertreter ziviler Herkunft (einschließlich des Ministers selbst), zu deren zentralen Aufgaben durchaus nicht die Erziehung der demoralisierten Armee und des entmilitarisierten Volkes zu einem Samurai-Geist gehörte, sondern die Erlangung der Kontrolle über die Finanzflüsse zur Deckung des maß- und bodenlosen Militärbedarfs. Damit kamen sie auch bedingt zurecht, bis sie mit begründeten Anschuldigungen schwerer Korruption konfrontiert wurden (die Herzensdame und Vertraute Anatoli Serdjukows, Jewgenija Wassiljewa, befindet sich bis heute unter Hausarrest, und einige andere einflussreiche Leute aus Serdjukows Umkreis sitzen ganz banal in einem russischen Gefängnis).

Fünftens gibt es keinerlei Grundlage für die Behauptung, die Oligarchie sei in den 1990er-Jahren verschwunden oder habe ihren Einfluss im Land eingebüßt. Zu den einflussreichsten russischen Geschäftsleuten unserer Zeit gehören: Roman Abramowitsch (Ex-Sibneft), Oleg Deripaska (Chef von RUSAL und des Energiegiganten E+), Michail Fridman (Gruppe Alfa-Konsortium), Viktor Wekselberg (Präsident des Fonds Skolkowo, der berufen ist, bei Moskau ein Silicon Valley zu schaffen), Wagit Alekperow (Chef des Ölgiganten Lukoil), Wladimir Potanin (Kontrollaktionär von Norilsk Nickel), Michail Prochorow (Chef der Holding ONEKSIM und der politischen Partei »Bürgerplattform«), Wladimir Lissin (wichtigster russischer Stahlproduzent von Novolipetsk Steel), Alexei Mordaschow (Severstal), Suleiman Kerimow (Hauptaktionär der Bank von Moskau und der WTB Bank, informelle zentrale Figur der größten Gruppierung mit Einfluss auf den Nordkaukasus insgesamt und die Republik Dagestan im Besonderen) und schließlich der laut Nachrichtenmagazin Forbes reichste Mann der Russischen Föderation, der Hauptaktionär der Holding Metalloinvest und Eigner einer Reihe von Aktiva in der Telekommunikation, Alischer Usmanow.

Sie alle sind Abkömmlinge der Jelzin-Zeit, der Periode der ursprünglichen Privatisierung der größten Objekte des sowjetischen »sozialistischen Eigentums«. Ja, natürlich haben sich bereits auffällige Vertreter der Putin-Rotte unter sie gemischt: Gennadi Timtschenko (Begünstigter des weltweit viertgrößten Energietraders Gunvor), die Brüder Arkadi und Boris Rotenberg, Igor Setschin (Präsident der Ölfirma Nummer eins in Russland Rosneft). Das könnte auch gar nicht anders sein: Der Wechsel eines Staatsoberhaupts zieht immer eine bestimmte Rotation der Wirtschaftselite nach sich.

Besonders in Russland, wo Besitz und Macht eng miteinander verwachsen sind (der Autor dieses Buches schlägt den Begriff »Besitzmacht« vor, der die organische Einheit und Untrennbarkeit der Begriffe in der heutigen Russischen Föderation unterstreicht). Aber: Die »alten Oligarchen« herrschen immer noch über die »neuen«, sowohl in ihrer Zahl als auch hinsichtlich ihrer Gesamtressourcen des politisch-administrativen Einflusses. Und im Jahr 2001, das Frau Kryschtanowskaja als Meilenstein im Schicksal des postsowjetischen Großkapitals auf dem russischen Territorium bezeichnet, war auch noch Michail Chodorkowski am Ruder, der reichste Mann im damaligen Russland (dessen Vermögen Forbes auf 7 Milliarden Dollar schätzte). Von einem Einbruch des Jelzin’schen Megabusiness auf armselige 15 Prozent kann also nicht annähernd die Rede sein.

Was können wir also über den Ursprung der offenkundig marktschreierischen Theorie der »Militärokratie« sagen? (Möge mir Olga Kryschtanowskaja verzeihen, die trotz allem ein ganz gescheiter Kopf ist.)

In den Jahren 2003 bis 2007 kämpfte die Familie von Boris Jelzin (im engeren wie im weiteren Sinne des Wortes) aktiv mit den »Neuputinianern« um die Kandidatur des Präsidentennachfolgers 2008. »Familienkandidat« war Dmitri Medwedew – als Gegengewicht zu Sergei Iwanow und Michail Fradkow, die Putin von verschiedenen Leningrader Kameraden empfohlen worden waren. Schließlich wurde bekanntlich Medwedew der Nachfolger, die Familie hatte gesiegt. Doch bis zu einer endgültigen Entscheidung musste der Familienkreis den Westen mit einer »Geheimdienstrevanche« erschrecken, um Putin einsichtig zu machen gegenüber der Unausweichlichkeit der Wahl eines Nachfolgers mit dem Image eines zutiefst liberalen Bürgers (erinnern Sie sich nur an die Aussage des ehemaligen Präsidenten und jetzigen Ministerpräsidenten der Russischen Föderation: »Freiheit ist besser als Unfreiheit«). Genau dafür war die »Kryschtanowskaja-Doktrin« notwendig.

Es war kein Zufall, dass die Leiterin der Lehranstalt für Eliten der Russischen Akademie der Wissenschaften 2008 nach Medwedews Inthronisierung Mitglied der Kremlpartei »Einiges Russland« wurde und 2012 nach Putins Rückkehr auf den Thron die Partei verließ. Dabei kann man bei ihr keine Vorliebe für die Opposition feststellen. Heute leitet sie einen gewissen »Klub der Besten« – eine Vereinigung von sozial und finanziell aktiven Frauen, die der Partei »Einiges Russland« zugeneigt sind, aber (wegen der verminderten Autorität und Popularität der »Machtpartei«) ihren Hang nicht immer zu Schau stellen möchten. Politische Morde

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