Der Findling
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Der Findling». Краткое содержание книги:
Die Zahl solcher jungen Gentlemen von hoher Geburt, die trotz ihrer Distinguirtheit später als klägliche Schwachköpfe durchs Leben wandern, zeigt zwar entschieden Neigung zur Abnahme. Noch giebt es deren aber genug, und der Graf Ashton Piborne gehörte unzweifelhaft zu dieser Sorte.
Er hörte jetzt von dem Verluste des Portefeuilles und erinnerte sich, daß Mylord, sein Vater, dasselbe in der Hand gehabt hatte, als er aus dem Hause des Sachwalters zurückkam, und daß er es bei der Abfahrt von Newmarket nicht in die Tasche gesteckt, sondern hinter sich auf den Wagensitz gelegt habe.
»Sind Sie Ihrer Sache sicher, Graf Ashton? fragte die Marquise.
- Ja, Milady, und ich glaube nicht, daß das Portefeuille habe aus dem Wagen fallen können.
- Dann hätte es sich also, meinte Lord Piborne, noch darin befinden müssen, als wir am Schlosse wieder eintrafen.
- Und man kommt zu dem Schlusse, daß es einer der Diener unterschlagen hat,« setzte Lady Piborne hinzu.
Dieser Ansicht war natürlich auch Graf Ashton. Er hatte gar kein Vertrauen zu solchen »Kerlen«, die immer spionieren, wenn sie nicht gar stehlen - und beides meist zusammen thun -die man das Recht haben sollte, wie einst die Leibeigenen Großbritanniens, nach Belieben auszupeitschen. Woher er etwas von »Leibeignen in Großbritannien« gehört hatte, das mochte der Himmel wissen. Er beklagte nur, daß der Marquis und die Marquise ihm keinen eignen Kammerdiener oder wenigstens einen Groom zugetheilt hatten, der würde schon die Hand des Herren zu fühlen bekommen haben u. s. w.
Das hieß rein herausgesprochen, und um eine solche Sprache zu führen, mußte man das blaue Blut der Piborne's in den Adern haben.
Die Verhandlung lief also darauf hinaus, daß das Portefeuille gestohlen, und zwar von einem der Diener gestohlen sein werde, daß darüber eine Untersuchung angestellt und jeder, auf dem der geringste Verdacht haften bleibe, sofort der Polizei überwiesen werden müsse, da dem Lord Piborne das Recht der hohen und niedern Gerichtsbarkeit abging.
Der Graf Ashton drückte also auf den Knopf der Klingel, und wenige Augenblicke später erschien der Schloßverwalter vor ihren Herrlichkeiten.
Dieser Herr Scarlett, der Intendant des Lord Piborne, war der richtige Scheinheilige, eine schmeichlerische, katzenbuckelnde Persönlichkeit, der immer den grundehrlichen Mann spielte und von der Dienerschaft des Hauses bestens gehaßt wurde, da er seine Untergebenen zwar ohne Aufbrausen und Anmaßung, doch im Grunde schlecht behandelte.
Vor dem Marquis, der Marquise und dem Grafen Ashton erschien er die Unterwürfigkeit selbst, wie der niedrigste Kirchendiener vor dem ersten Geistlichen seiner Parochie.
Jetzt erzählte man ihm den Vorfall. Das Portefeuille war ohne Zweifel auf ein Sitzpolster im Wagen gelegt worden, wo es sich doch hätte wiederfinden müssen.
Das war auch die Meinung Scarlett's, schon weil es die des Lord und der Lady Piborne war. Bei der Rückkehr des Wagens hatte er, der sich in respectvoller Entfernung von dessen Thür hielt, bei der Dunkelheit natürlich nicht sehen können, ob das Portefeuille an der vom Marquis bezeichneten Stelle lag.
Wenn Scarlett auch der Gedanke kam, die Brieftasche hätte auf die Landstraße hinaus gefallen sein können, so hütete er sich doch, das auszusprechen, da auf den Lord Piborne damit der Vorwurf der Unachtsamkeit gefallen wäre; er begnügte sich vielmehr mit der Bemerkung, daß das Portefeuille selbstverständlich hochwichtige Schriftstücke enthalten haben werde, und zwar schon deshalb, weil es die Ehre hatte, einer so vornehmen, wichtigen Persönlichkeit, wie dem Schloßherrn, zu gehören.
»Es liegt auf der Hand, versicherte dieser, daß hier eine Fundunterschlagung stattgefunden hat..
- Sagen wir gleich: ein Diebstahl, wenn Eure Herrlichkeit gestatten.
- Jawohl, ein Diebstahl, Herr Scarlett, und zwar einer, bei dem es sich nicht allein um eine nicht unbeträchtliche Geldsumme, sondern auch um Schriftstücke handelt, die alte Rechte unsrer Familie gegenüber dem Kirchspiele nachweisen.«
Wer die Physiognomie des Verwalters nicht gesehen hat, bei dem Gedanken, daß das Kirchspiel sich unterfange, überhaupt ein Recht gegen das vornehme Haus der Piborne's geltend zu machen - eine Unverschämtheit, die zur Zeit, wo Familienprivilegien noch geachtet wurden, ganz unmöglich gewesen wäre - nein, wer die Indignation des Herrn Scarlett nicht beobachtet hat, das Zittern seiner halb zum Himmel erhobnen Hände und seine auf die Erde gesenkten Blicke, der vermag sich gar keine Vorstellung zu machen, bis zu welchem Grade so ein Mucker seine heuchlerischen Grimassen zu vervollkommnen vermag.
»Doch wenn ein Diebstahl ausgeführt worden ist. sagte er endlich.
- Wie. nur wenner ausgeführt worden wäre? fiel die Marquise näselnden Tones ein.
- Verzeihen Ihre Herrlichkeit, beeilte sich der Verwalter hinzuzusetzen, ich wollte sagen, da ein solcher vorliegt, so kann er ja nur.
- Durch einen unsrer Leute begangen worden sein! fiel ihm Graf Ashton ins Wort und fuchtelte dazu, ganz nach Feudalherrenart, mit der in der Hand gehaltenen Reitgerte.
- Herr Scarlett, nahm Lord Piborne wieder das Wort, wird untersuchen, den oder die Schuldigen zu entdecken und mittelst Affidavits die Intervention des Gerichtes herbeizuführen, da es einem nicht einmal mehr auf eignem Grund und Boden gestattet ist, selbst Gerechtigkeit zu üben.
- Und wenn meine Ermittelungen zu keinem Ziele führen, fragte der Verwalter, was gedenken Eure Herrlichkeit dann zu thun?
- Dann wird die gesammte Dienerschaft verabschiedet, Herr Scarlett; hören Sie? Alle Leute!«
Nach dieser Entscheidung zog sich der Verwalter zurück, worauf auch die Marquise wieder ihre Gemächer aufsuchte und der Graf Ashton sich zu seinen Hunden im Park zurückbegab.
Scarlett mußte sich sofort mit der ihm übertragnen Aufgabe befassen, obgleich er nicht zweifelte, daß das Portefeuille während der Fahrt von Newmarket nach dem Schlosse aus dem Wagen gefallen sein werde. Da seine Herrschaft aber einmal die Constatierung eines Diebstahls verlangte, so wollte er das thun. daß er einen Dieb entdeckte, so wollte er einen solchen ermitteln, und hätte er auch einen beliebigen Diener durch Auslosung bestimmen sollen.
Nun mußten Lakeien, Kammerdiener und Kammerfrauen, der Küchenchef, die Kutscher und die Stallburschen vor dem gestrengen Schloßverwalter erscheinen. Natürlich betheuerten alle ihre Unschuld, und obwohl Scarlett sich über die Angelegenheit schon seine Ansicht gebildet hatte, ersparte er den Leuten doch nicht die verletzendsten Vorwürfe und drohte, sie der Polizei auszuliefern, wenn das Portefeuille nicht wieder zum Vorschein käme. Es war ja nicht allein eine Summe von hundert Pfund Sterling entwendet worden, sondern der oder die Diebe hatten auch Documente unterschlagen, die die Rechte des Lord Piborne in einem schwebenden Processe nachwiesen. Wie leicht konnte es ja einem der Leute einfallen, seinen Herrn zu Gunsten des Kirchspiels benachtheiligen zu wollen! Vielleicht wurde dieser gar bezahlt. Nun, wenn es gelang, die Hand auf den Uebelthäter zu legen, so durfte dieser auf eine Spazierfahrt nach den Strafanstalten der Insel Norfolk rechnen, denn Lord Piborne war mächtig genug, und einen so großen Herrn zu bestehlen galt etwa ebenso viel, als sich am Besitzthum eines Mitglieds des Königshauses zu vergreifen.