Der Findling
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Der Findling». Краткое содержание книги:
- Ich möchte, Marquise, Sie ersuchen, mir mit Ihrem Gedächtniß zu Hilfe zu kommen.
- Ich höre.
- Sind wir nicht gestern gegen drei Uhr nachmittags hier vom Schlosse weg nach Newmarket und zu unserm Attorney, Herrn Laird, gefahren?«
Der Attorney ist der bevollmächtigte Rechtsanwalt, der seinen Auftraggeber bei den Civilgerichten des Vereinigten Königreiches vertritt.
»Gewiß, gestern. Nachmittag, antwortete Lady Piborne.
- Erinnere ich mich recht, so hat Graf Ashton, unser Sohn, uns im Wagen begleitet?
- Ganz recht, Marquis, er nahm einen Platz auf dem Vordersitze ein.
- Die beiden Lakeien standen doch hinter uns auf dem Wagen?
- Ja wohl, wie das ihre Pflicht ist.
- Gut denn, antwortete Lord Piborne, der seine Uebereinstimmung durch eine leichte Kopfbewegung zu erkennen gab, dann, Marquise, erinnern Sie sich wohl auch, daß ich ein Portefeuille bei mir führte, das die Papiere betreffs des Rechtsstreites enthielt, der uns mit dem Kirchspiele bevorsteht?
- Jenes ungerechten Processes, den man die Kühnheit, die Unverschämtheit hat, uns aufzunöthigen! setzte Lady Piborne mit bezeichnender Geberde hinzu.
- Dieses Portefeuille, fuhr Lord Piborne fort, enthielt nicht allein sehr wichtige Documente, sondern auch eine Summe von hundert Pfund in Banknoten, die für unsern Sachwalter bestimmt war.
- Sie erinnern sich an alles ganz genau, Marquis.
- Sie wissen auch, Marquise, wie alles zugegangen ist. Wir sind in Newmarket angekommen, ohne die Kalesche verlassen zu haben. Laird hat uns an der Schwelle seines Hauses empfangen. Ich zeigte ihm sofort die Schriftstücke und erbot mich, das Geld bei ihm zu deponieren. Er hat darauf geantwortet, daß er für jetzt weder des einen noch des andern bedürfe, unter dem Hinzufügen, daß er selbst nach dem Schlosse kommen werde, wenn es Zeit sei, gegen die Anmaßungen des Kirchspiels aufzutreten.
- Gegen die schmählichen Anmaßungen, die früher als Attentate auf die grundherrlichen Rechte betrachtet und bestraft worden waren.«
Hiermit sprach die Marquise nur eine Auffassung aus, der der Marquis in ihrem Beisein oft ganz gleichlautenden Ausdruck gegeben hatte.
»Daraus ergiebt sich, nahm Seine Lerrlichkeit wieder das Wort, daß ich mein Portefeuille behalten habe, daß wir bald wieder in den Wagen gestiegen sind und das Schloß gegen sieben Uhr, als es bereits zu dunkeln anfing, erreicht haben.«
Der Abend war finster gewesen, denn der Vorgang fiel noch in die letzte Aprilwoche.
»Jenes Portefeuille, berichtete der Marquis weiter, das ich bestimmt in die rechte Brusttasche meines Pelzes gesteckt habe, kann ich nun nicht mehr finden.
- Vielleicht haben Sie es bei der Heimkehr auf den Tisch Ihres Cabinets gelegt?
- Das vermuthete ich auch, Marquise, habe aber vergeblich unter meinen Papieren danach gesucht.
- Seit gestern ist doch niemand hierher gekommen?
- Doch. John. mein Kammerdiener. dem kann ich aber vertrauen.
- Es ist immer klug, die Leute im Verdacht zu haben, erwiderte Lady Piborne.
- Uebrigens wär' es möglich, fuhr der Marquis fort, daß mein Portefeuille hinter ein Kissen in der Kalesche geglitten wäre.
- Das müßte einer der Lakeien entdeckt haben, und wenn er die hundert Pfund Sterling nicht für eine gute Prise ansah.
- Ach, die hundert Pfund, unterbrach sie Lord Piborne, von denen will ich nicht viel reden; doch die Familienpapiere, die unsre Rechte gegenüber dem Kirchspiel nachweisen.
- Gegenüber dem Kirchspiel, pah!« sagte Lady Piborne.
Man hörte es, daß das Herrenhaus ans ihrem Munde sprach
und daß sie die Insassen des Kirchspiels als untergeordnete Vasallen ansah, deren Ansprüche ebenso bedauernswerth, wie respectwidrig waren.
»Wenn wir nun, aller Gerechtigkeit zum Hohne, fuhr sie fort, diesen Proceß verlieren sollten.
- Und wir verlieren ihn ganz sicher, erklärte Lord Piborne, wenn wir jene wichtigen Acten nicht vorzulegen im Stande sind.
- So würde das Kirchspiel in Besitz der hundert Acres Wald kommen, die an den Park grenzen und seit den Plantagenets zur Domäne der Piborne's gehört haben?
- Ja, Marquise.
- Das wäre abscheulich!
- Abscheulich, wie alles, was den Feudalbesitz in Irland antastet, jene Ansprüche der Home-rulers, die Ueberlassung des Grund und Bodens als Eigenthum des Bauern, die ganze Erhebung gegen den Landlordismus!. O, wir leben in einer seltsamen Zeit! Wenn der Lordlieutenant nicht bald Ordnung schafft, indem er die Rädelsführer der Landliga aufknüpfen läßt, weiß ich nicht. oder weiß ich vielmehr nur zu gut, wie das enden wird.. «
Da öffnete sich die Thür des Cabinets, auf deren Schwelle ein junger Mann erschien.
»Ah, Sie sind es, Graf Ashton?« unterbrach sich Lord Piborne.
Der Marquis und die Marquise hätten es niemals versäumt, ihrem Sohne diesen Titel zu geben, der alle von seiner Geburt ihm auferlegten Pflichten hätte zu vernachlässigen gefürchtet, wenn er darauf nicht antwortete: - Ich wünsche Ihnen guten Tag, Mylord, mein Vater!« Dann trat er auf Milady, seine Mutter, zu, der er würdevoll die Hand küßte.
Der junge Gentleman von vierzehn Jahren hatte ein regelmäßiges, doch recht ausdrucksloses Gesicht, dessen Züge gewiß auch später an Lebhaftigkeit und Intelligenz nicht gewannen. Er war ja der natürliche Abkomme eines Marquis und einer Marquise, die sich, gut zwei Jahrhunderte hinter ihrer Zeit zurückgeblieben, jedem Fortschritte des modernen Lebens abhold erwiesen - zwei Typen aus der Periode der Cromwell, waschechte, unbelehrbare Tories alten Schlages. Der Instinct der Rasse bewirkte schon, daß dieser Knabe sich etiquettengerecht verhielt, daß er Graf blieb vom Scheitel bis zu den Zehen, obwohl ihn die Marquise sehr verwöhnt hatte und die Dienerschaft des Schlosses »abgerichtet« war, sich allen seinen Launen zu fügen. So besaß er keine, der für dieses Alter charakteristischen Eigenschaften, weder die ungebundene Beweglichkeit des Körpers, noch die Wärme des Herzens oder den Enthusiasmus der Jugend.
Es war so ein junger Herr, der in allen, die ihm nahe kamen, nur tief unter ihm Stehende sah, dem das Mitgefühl für die Armuth abging, der zwar in allen Zweigen des Sports - dem Reiten, Jagen, Wettrennen, dem Croquett und Lawn-Tennis -schon recht bewandert, sonst aber erschreckend unwissend war, trotz des halben Dutzends von Hauslehrern, die sich vergeblich mit ihm abgemüht hatten.