Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Als sie sich umdrehte, sah Jona, daß es Lucia Martin war, die er einst als Junge geliebt hatte. Ihr Blick huschte an ihm vorbei und wieder zu ihm zurück. Doch sie blieb nicht stehen, sondern ging mit ihrem Korb verbrannter Brote davon.
Langsam ritt er die schmale Straße hinunter, denn er wollte sie nicht überholen. Doch kaum hatte er die Häuser und die neugierigen Augen hinter sich gelassen, als sie hinter einem Baum hervortrat.
»Bist du es wirklich?« fragte sie.
Er wußte genau, was er eigentlich tun müßte, nämlich leugnen, sie zu kennen, sich mit einem Lächeln über das Mißverständnis höflich von ihr verabschieden und davonreiten. Aber er stieg ab.
»Wie ist es dir die ganzen Jahre ergangen, Lucia?«
Mit freudig aufgerissenen Augen faßte sie nach seiner Hand. »Ach, Jona. Ich kann kaum glauben, daß du es wirklich bist. Wohin bist du denn verschwunden, und warum, wo du doch der Sohn meines Vaters hättest sein können? Mein Bruder?«
Lucia war das erste weibliche Wesen, das er je nackt gesehen hatte. Sie war ein süßes Mädchen gewesen, das wußte er noch gut, und bei der Erinnerung schlug sein Herz schneller. »Ich wollte nicht dein Bruder sein.«
Seit drei Jahren sei sie verheiratet, erzählte sie ihm schnell, ohne seine Hand loszulassen. »Mit Tomas Cabrerizo, dessen Familie am anderen Ufer des Flusses Weingärten besitzt. Erinnerst du dich nicht mehr an Tomas Cabrerizo?«
Jona konnte sich undeutlich an einen mürrischen, steinewerfenden Jungen erinnern, der immer die Juden verspottet hatte.
»Ich habe zwei kleine Töchter und bin schon wieder guter
Hoffnung. Jeden Tag bete ich zur Heiligen Jungfrau, daß es ein Sohn wird«, sagte sie. Sie sah ihn erstaunt an, musterte sein Pferd, seine Kleidung und seine Bewaffnung. »Jona. Jona! Jona, wohin hat es dich verschlagen? Wie lebst du?«
»Frag lieber nicht«, erwiderte er sanft und wechselte das Thema. »Dein Vater ist wohlauf?«
»Mein Vater ist vor zwei Jahren von uns gegangen. Er war immer kerngesund, doch eines Morgens war er tot.«
»Oh. Möge er in Frieden ruhen«, sagte Jona voller Bedauern. Benito Martin war immer sehr freundlich zu ihm gewesen.
»Möge seine Seele bei unserem Heiland ruhen.« Sie bekreuzigte sich. Ihr Bruder Enrique sei in den Dominikanerorden eingetreten, erzählte sie voller Stolz.
»Und deine Mutter?«
»Meine Mutter lebt noch. Aber geh nicht zu ihr, Jona. Sie würde dich verraten.«
Lucias Frömmigkeit jagte ihm Angst ein. »Und du wirst mich nicht verraten?«
»Damals nicht und heute nicht!« Tränen traten ihr in die Augen, dennoch starrte sie ihn wütend an.
Er sah ein, daß er sich nun losreißen mußte. »Geh mit Gott, Lucia.«
»Mit Gott, du Freund meiner Kindheit.«
Er zog seine Hand weg, doch eine letzte Frage konnte er sich nicht verkneifen. »Mein Bruder Eleasar - hast du ihn je wieder hier gesehen?«
»Nie.«
»Und du hast auch nie etwas gehört, wo er sich aufhalten könnte oder wie es ihm ergangen ist?«
Sie schüttelte den Kopf. »Kein Wort über Eleasar. Über keinen von deiner Sippe. Du bist der einzige Jude, der zurückgekehrt ist, Jona.«
Jona wußte, was er jetzt tun und wen er suchen mußte, wenn er sich vor Lavera retten wollte.
Langsam ritt er durch die Stadt. Die Mauer um das jüdische Viertel stand noch, aber die Tore waren weit geöffnet, und in allen Häusern lebten Christen. Die Kathedrale Toledos überragte alles.
So viele Menschen.
Es konnte durchaus sein, daß ihn jemand hier auf der plaza mayor hinter der Kathedrale wiedererkannte, so wie Lucia es getan hatte. Bei dem Gedanken an sie wurde ihm bewußt, daß sie ihn in diesem Moment bereits verraten haben konnte. Vielleicht griffen schon jetzt die grausamen Finger der Inquisition nach ihm, wie ein Mann die Hand ausstreckt, um eine Fliege zu fangen. Auf dem Platz wimmelte es von Soldaten und Mitgliedern der Stadtwache. Jona zwang sich, langsam zu reiten, doch niemand würdigte ihn mehr als eines flüchtigen Blickes.
Einem zahnlückigen Jungen versprach er eine Münze, wenn er auf sein Pferd aufpaßte.
Das Portal, durch das Jona die Kathedrale betrat, trug den Namen »Tor der Freude«. Als Junge hatte er sich gefragt, ob es das Versprechen seines Namens auch einlöste, doch jetzt empfand er keine Verzückung. Vor ihm tauchte ein Mann in zerlumpter Kleidung die Hand in ein Becken und beugte das Knie. Jona wartete, bis niemand mehr zu sehen war, und huschte dann in die Kathedrale.
Es war ein riesiger Raum mit hohem Kreuzgewölbe, gestützt von steinernen Säulen, die das Kircheninnere in fünf Schiffe unterteilten. Wegen ihrer Größe wirkte die Kathedrale fast leer, doch es befanden sich viele Menschen darin, auch viele Geistliche in schwarzen Roben, und ihre vereinten Gebete stiegen hallend in die Höhe. Jona fragte sich, ob all die Stimmen, die in Kathedralen und Kirchen in ganz Spanien zu Gott erhoben wurden, sein eigenes furchtsames Stimmchen, mit dem er zu Gott betete, übertönten.
Er brauchte lange, bis er das Hauptschiff der Kathedrale durchmessen hatte, doch den Mann, den er suchte, sah er nicht.
Als er, blinzelnd im hellen Licht, wieder ins Freie trat, gab er dem Jungen die versprochene Münze und fragte ihn, ob er einen Mönch mit einem Buckel auf dem Rücken kenne.
Das Grinsen des Jungen verschwand. »Ja. Das ist der, den man Bonestruca nennt.«
»Und wo kann ich ihn finden?«
»Im Haus der Dominikaner vielleicht, da gibt's genügend von denen«, antwortete der Junge achselzuckend. Schmutzige Finger schlossen sich um die Münze, und er rannte davon wie gehetzt.
Bei einem behelfsmäßigen Ausschank - drei Planken, die man über Fässer gelegt hatte - kehrte Jona ein, trank sauren Wein und beobachtete das Haus des Dominikanerordens auf der anderen Straßenseite. Nach einer Weile verließ ein Mönch das Haus und sehr viel später zwei heftig disputierende Priester.
Als Fray Lorenzo de Bonestruca schließlich auftauchte, näherte er sich dem Haus, anstatt es zu verlassen. Jona sah ihn schon von weitem und erkannte ihn sofort an seiner großen schlanken Gestalt, deren obere Hälfte leicht zur Seite verschoben war. Weil er sich bemühte, sehr aufrecht zu gehen, zog sein Buckel ihm Kopf und Schultern nach hinten.
Er betrat das Haus und blieb so lange, daß Jona den Wirt bitten mußte, ihm noch einmal Wein in seinen Becher zu schenken, den er allerdings ohne Bedauern stehenließ, als der Mönch wieder aus dem Tor trat und die Straße hinunterging. Jona folgte ihm langsam auf dem Pferd, in weitem Abstand, jedoch so, daß er ihn nicht aus den Augen verlieren konnte.