Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Aber Jona erschauerte bei einem anderen Gedanken. Wenn Gott gerecht war, warum opferte er die Juden Iberiens?
Er wußte, was sein Vater und Rabbi Ortega auf eine solche Frage geantwortet hätten. Sie hätten gesagt, daß der Mensch Gottes Beweggründe nicht in Frage stellen dürfe, weil er den größeren Plan Gottes nicht kenne. Aber wenn zu diesem größeren Plan die Verbrennung von Menschen als Opfergaben gehörte, dann stellte Jona Gott in Frage. Für einen solchen Gott wagte er nicht Tag für Tag das gefährliche Spiel, Ramon Callico zu sein. Er tat es für Abba und die anderen, für die guten Dinge, die er in der Tora gelernt hatte, Visionen eines gnädigen und tröstenden Gottes, eines Gottes, der sein Volk zwar in die Verbannung schickte, es aber letztendlich ins Gelobte Land führte.
Wenn er die Augen schloß, konnte er sich vorstellen, daß er selbst Teil dieser Karawane in der Wildnis war, einer aus einer Schar von Juden, einer Vielzahl von Juden. Er sah sie jeden Abend in der Wüste ihr Lager aufschlagen, hörte sie gemeinsam vor der Bundeslade und den Heiligen Gesetzestafeln beten...
Jona wurde aus seinen Tagträumen gerissen, als die länger werdenden Schatten Angel sagten, daß es Zeit für das Nachtlager war. Sie banden die acht Tiere unter einigen Bäumen an, und dann nahmen sich die vier Männer die Zeit, um zu pinkeln und zu furzen und die Sattelmüdigkeit aus den Gliedern zu schütteln. Anschließend sammelten sie Holz und entzündeten ein Feuer, und als ihre Grütze anfing zu simmern, sank Angel auf die Knie und befahl den anderen, es ihm gleichzutun, damit sie das Vaterunser und das Ave-Maria beten konnten.
Jona gehorchte als letzter. Unter dem finsteren Blick des Waffenmeisters kniete er sich in den Staub und fügte sein Stammeln den müden, gemurmelten Worten von Paco und Luis und den lauten, barschen Gebeten von Angel Costa hinzu.
Am nächsten Morgen brach Costa gleich beim ersten Tageslicht mit seinem Bogen auf. Als sie die Maultiere beladen hatten, kehrte er mit vier Tauben und zwei Rebhühnern zurück, die sie rupften, während sie, eine Spur aus Federn hinter sich lassend, langsam dahinritten. Nach einer Weile hielten sie an, um die Vögel auszunehmen und auf grünen Zweigen über einem Feuer zu braten.
Costa jagte jeden Morgen und brachte neben einer Vielzahl von Vögeln manchmal auch einen Hasen oder zwei mit, so daß sie während ihres Ritts nie Mangel an frischer Nahrung litten. Sie reisten ohne Unterbrechung, und wenn sie anhielten, mieden sie jede Zwistigkeit, wie Fierro es ihnen befohlen hatte.
Elf Tage verbrachten sie im Sattel, bevor sie eines Abends, als sie das Lager aufschlugen, im verlöschenden Licht in der Ferne die Mauern von Tembleque erblickten. Am nächsten Morgen verließ Jona noch in der Dunkelheit das Feuer und badete in einem kleinen Bach, bevor er die neuen Kleider anzog, die Fierro ihm gegeben hatte. Keine Jungfrau, dachte er dabei verbittert, wird je ihr Geschlecht sorgfältiger vor Blicken verbergen, als ich es tue. Als die anderen aufwachten, neckten sie ihn, weil er es nicht erwarten konnte, sich fein herauszuputzen.
Er dachte daran, wie er mit seinem Vater zu dieser Burg geritten war.
Als sie sich dem Tor näherten, antwortete Angel auf den lauten Anruf des Wachpostens mit ebenso lauter und selbstbewußter Stimme.
»Wir sind Handwerker aus der Waffenschmiede Manuel Fier-ros in Gibraltar und bringen das neue Schwert und die neue Rüstung des Grafen Fernan Vasca.«
Als man sie einließ, sah Jona, daß der Verwalter nicht derselbe Mann war wie damals, doch was er sagte, klang ähnlich in seinen Ohren.
»Graf Vasca ist auf der Jagd in den Wäldern im Norden.« »Wann erwartet Ihr ihn zurück?«
»Der Graf kehrt zurück, wann es ihm beliebt«, erwiderte der Mann mürrisch. Doch als er den Ausdruck sah, der in Angels Blick lag, schaute er sich schnell nach seinen eigenen Bewaffneten um, die an der Mauer aufgereiht standen. »Ich glaube nicht, daß er lange ausbleiben wird«, gab er dann widerstrebend zu.
Costa zog sich zurück, um sich mit seinen Männern zu besprechen. »Sie wissen jetzt, daß unsere Maulesel wertvolle Fracht geladen haben. Wenn wir mit Schwert und Rüstung von hier wegreiten, kann es sein, daß wir von diesen oder anderen Hurensöhnen überfallen und getötet und Schwert und Rüstung gestohlen werden.« Die anderen stimmten ihm zu, und Jona kehrte zum Verwalter zurück.
»Sollte der Graf Vasca bei unserem Eintreffen nicht anwesend sein, haben wir den Befehl, Schwert und Rüstung in seiner Schatzkammer zu hinterlassen und dafür eine schriftliche Bestätigung über die wohlbehaltene Ablieferung einzufordern«, sagte er.
Der Verwalter runzelte die Stirn, denn es gefiel ihm nicht, von diesen Fremden Befehle entgegenzunehmen.
»Ich bin sicher, daß der Graf schon ungeduldig auf die Rüstung wartet, die Meister Fierro für ihn angefertigt hat«, sagte Jona. Er brauchte nicht hinzuzufügen: Falls sie durch Eure Schuld verlorengehen sollte...
Der Verwalter führte sie in ein befestigtes Gewölbe, schloß mächtige Türen auf, deren Angeln dringend ein wenig Schmierfett benötigt hätten, und zeigte ihnen, wo sie die Rüstung und wo sie das Schwert ablegen sollten. Jona verfaßte die Empfangsbestätigung, aber der Verwalter war kaum des Lesens mächtig, und so dauerte es lange, bis Jona ihm beim Entziffern geholfen hatte. Paco und Luis sahen dem Jungen beeindruckt zu, aber Angel wandte den Blick ab. »Beeil dich, beeil dich«, murmelte er, denn er ärgerte sich über Jonas Fähigkeiten.
Schließlich kritzelte der Verwalter sein Zeichen.
Ganz in der Nähe fanden die Männer aus Gibraltar ein Wirtshaus. Sie alle waren froh darüber, daß sie sich in der Burg von Temble-que ihrer Verantwortung hatten entledigen können. »Gott sei Dank, daß wir alles gut hierhergebracht haben«, sagte Paco, und die Erleichterung in seiner Stimme sprach für alle vier.
»Jetzt will ich auf einem bequemen Lager schlafen«, sagte Luis.
»Jetzt will ich trinken«, verkündete Costa und schlug mit der Hand auf den Tisch, an dem sie bald darauf einen dünnen, sauren Wein tranken, aufgetragen von einer kleinen, drallen Frau mit müden Augen. Während sie ihre Becher füllte, strich Angel ihr mit dem Handrücken über den fleckigen Kittel, der ihren Hintern und ihre stämmigen Schenkel verhüllte, und als sie keinen Einspruch erhob, wurden seine Hände rasch forscher.
»Oh, wie hübsch du bist«, sagte er, und sie schenkte ihm ein gekünsteltes Lächeln. Sie war daran gewöhnt, daß Männer nach langen Wochen des Reisens zu ihr in das Wirtshaus kamen. Kurz darauf entfernten sich die beiden von den anderen Männern, um etwas abseits zu verhandeln. Jona sah ein hitziges Feilschen, gefolgt von einem Nicken.
Bevor Angel mit ihr davonging, kam er noch einmal zu den drei anderen zurück. »Dann treffen wir uns also in drei Tagen wieder hier im Wirtshaus, um nachzusehen, ob der Graf schon zurückgekehrt ist«, sagte er und eilte dann wieder zu der Frau.