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Das Dorf der verschwundenen Kinder

Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:

Über dieses Buch
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
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Pascoe sah die beiden eine ganze Weile mit ausdruckslosem Gesicht an, dann sagte er langsam: »Ich bin mir nicht sicher …«

»Tja, ich bin mir absolut sicher«, bellte der Anzug. »Das waren Sie. Und Sie haben mich beleidigt …«

»Nein«, erwiderte Pascoe und ballte die Fäuste. »Ich meine, ich bin mir nicht sicher, wen von Ihnen ich zuerst schlagen soll.«

Der Anzug trat einen Schritt zurück, die Uniform einen halben.

Ellie stellte sich schnell dazwischen.

»Um Himmels willen«, sagte sie aggressiv. »Unsere Tochter ist da drin …«

Ihre Aggressivität ließ nach, verschwand. Sie holte tief Luft und versuchte es erneut.

»Unsere Tochter ist … Rosie ist …«

Zu ihrer Überraschung mußte sie feststellen, daß es selbst für sie keine Worte mehr gab. Und keinen Raum außer dem kleinen Krankenzimmer, das das kostbare Leben ihrer Tochter beherbergte. Und vor allem gab es keine Zeit mehr.

Sie saß in einem Wartezimmer und starrte auf ein Poster, das die Vorzüge des Patientenvertrages verkündete. Peter war auch da, aber nach ein paar fruchtlosen Unterhaltungsversuchen gaben sie sich keine Mühe mehr zu reden. Warum reden, wenn alle Worte gesagt waren? Die Purlingstones waren nicht da. Vielleicht saßen sie in einem anderem Raum. Vielleicht brachten sie eine auf wundersame Weise genesene Zandra nach Hause. Wie auch immer, es war ihr egal. Ihr Schmerz, ihre Freude bedeuteten ihr nichts. Nicht jetzt. Nicht in dieser hilflosen, hoffnungslosen, endlosen Gegenwart.

Etwas geschah. Ein Geräusch. Peters Handy. Sollte die Zeit etwa wieder beginnen?

Er hob es ans Ohr. Formte etwas mit den Lippen. Dii. Ell. Dalziel. Der dicke Andy. Sie erinnerte sich an ihn wie in einem Traum. Überfüttert, alt, belanglos. Peter redete mit ihr. »Alles in Ordnung?« Sie nickte. Warum nicht? Er sagte: »Ich geh nach draußen.«

Im Korridor hob Pascoe das Handy wieder ans Ohr, was eine überflüssige Geste war, da Dalziel ihn in voller Lautstärke anbrüllte: »Hallo! HALLO! Sind Sie da? Dieses nutzlose Scheißding …«

»Ja, ich bin da«, sagte Peter.

»Ach ja? Wo ist da? In irgendeiner verdammten Kohlengrube?«

»Im Zentralklinikum«, antwortete Pascoe. »Rosie ist hier. Sie sagen, daß sie vielleicht Meningitis hat.«

Es herrschte Stille, dann erklang ein gewaltiges Krachen, als schlage eine Faust auf etwas Hartes, und Dalziels Stimme erklärte finster: »Das werd ich nicht zulassen!«

An wen oder was er seine Äußerung richtete, war unklar. Es folgte noch einmal Stille, diesmal aber kürzer, dann sprach er wieder mit seiner alltäglichen sachlichen Stimme.

»Pete, sie wird wieder okay. Ist ’n kleines zähes Luder, wie ihre Mam. Sie wird’s schaffen, keine Sorge.«

Es war vollkommen unlogisch, aber irgendwie tröstete ihn diese direkte Beteuerung ohne tonloses Mitleid und Detailfragen mehr als jede Versicherung eines qualifizierten Arztes.

Er sagte: »Danke. Sie ist … bewußtlos.«

Er merkte, daß er das Wort »Koma« nicht aussprechen konnte.

»Das ist das beste«, entgegnete Dalziel voll ehrlicher Überzeugung. »Eine Auszeit, um wieder zu Kräften zu kommen. Pete, hören Sie, wenn ich was tun kann, irgendwas …«

Auch dies war kein konventionelles Hilfsangebot. Pascoe hatte den Eindruck, wenn er andeutete, das Krankenhaus tue nicht genug, daß der Direktor sich in einem Verhörzimmer wiederfände und ein Angebot bekäme, das er nicht ausschlagen könnte.

»Das ist nett von Ihnen«, sagte er. »Gab es einen bestimmten Grund, warum Sie angerufen haben, Sir?«

»Nein, nix. Na ja, genau gesagt, haben wir einen Verdächtigen. Ich bin grad auf dem Weg nach Danby. Wahrscheinlich wird’s aber nix. Hören Sie, Pete, vergessen Sie den Fall … tja, das brauch ich Ihnen wohl nicht mehr zu sagen. Aber … haben Sie irgendwas rausgefunden, das ich wissen sollte und das mir kein anderer sagen kann?«

»Ich glaube nicht«, antwortete Pascoe. »Nobby Clark kann Ihnen alles über … oh, warten Sie, ich habe für morgen früh neun Uhr ein Treffen mit Jeannie Plowright im Sozialamt ausgemacht. Es geht um Mrs. Lightfoot, die Großmutter. Da gibt’s ein paar Aussagen, daß Benny gesehen wurde, Clark kann Sie darüber informieren, und ich dachte, die alte Dame ist der einzige Mensch, mit dem er vielleicht Kontakt aufnehmen könnte, wenn sie noch lebt, was ich bezweifle, und wenn er da ist, was ich aber noch mehr bezweifle. Ist wahrscheinlich das beste, es abzusagen, wenn Sie einen besseren Strohhalm haben.«

»Nein, wir belassen es dabei, bis wir mehr wissen. Pete, ich melde mich wieder. Denken Sie dran: wenn ich was tun kann … Und liebe Grüße an Ellie. Sagen Sie ihr …«

Und Dalziel, mit seinem Füllhorn voll Worten, schien ausnahmsweise einmal sprachlos.

»Ja«, sagte Pascoe. »Ich sag’s ihr.«

Er verharrte einen Augenblick ganz still, als ob die Uhren stehengeblieben wären und seine Bewegung sie wieder zum Ticken brächte. Eine Schwester ging an ihm vorbei, blieb stehen, drehte sich um und sagte: »Entschuldigung, Sir, aber hier drin bitte keine Handys benutzen. Sie können Störungen hervorrufen.«

»Störungen?« sagte Pascoe. »Ja. Natürlich. Tut mir leid.«

Er ging zurück ins Wartezimmer und legte seinen Arm um Ellies Schultern.

»Andy läßt dich schön grüßen. Er sagt, sie wird wieder okay.«

»Ach, wirklich? Wie schön! Das war’s dann wohl. Gehen wir nach Hause.«

»Ach, komm schon«, meinte er. »Wen hättest du lieber als Optimisten? Den Papst oder den Dicken?«

Sie brachte ein schwaches Lächeln zustande und sagte: »Gewonnen.«

»Ein Stockwerk tiefer gibt es eine Kaffeemaschine, schau, da steht’s. Laß uns hingehen und was trinken.«

»Und wenn inzwischen was passiert …«

»Es dauert nur eine Minute. Besser, als hier rumzusitzen … alles ist besser … Alles wird wieder gut, Liebling. Onkel Andy hat’s versprochen, du weißt.«

Die Tür ging auf. Eine Frau trat ein. Dr. Curtis. Sie war die Kinderärztin.

Sie kam gleich zur Sache.

»Ihre Tochter ist sehr krank. Ich fürchte, wir können jetzt bestätigen, daß es Meningitis ist.«

»Welche?« wollte Ellie wissen.

»Bakterielle.«

Das war die schlimmste der beiden Varianten. Selbst wenn er das nicht gewußt hätte, hätte Pascoe es an Ellies Gesichtsausdruck ablesen können.

Er legte seinen Arm um sie, aber sie entwand sich ihm. Sie suchte nach jemandem, den sie schlagen konnte, so wie es ihm bei dem Direktor und dem Sicherheitsmann gegangen war.

»Ellie …«

Sie drehte sich zu ihm um und schrie: »Was sagt Onkel Andy jetzt, hm? Was sagt der feiste Scheißkerl jetzt?«

Fünfzehn

Edgar Wield war mit sich zufrieden. Er hatte in Bixford die Durchsuchung arrangiert und Geordie Turnbull nach Danby gebracht, ohne bislang die Aufmerksamkeit einer dieser Aasgeier zu wecken, die sich Reporter schimpfen. Das einzig Negative war, daß Turnbulls Anwalt ebenfalls anwesend war und gerade mit seinem Klienten im einzigen Verhörzimmer der Polizeiwache saß.

Dann kam Nobby Clark und erzählte ihm von Pascoe.

Keine Einzelheiten. Nur daß Rosie im Krankenhaus lag. Wield wurde übel. Die Pascoes bedeuteten ihm viel, waren für ihn so was wie Familie, und zwar die einzige, die ihm geblieben war, seit seine Schwester emigriert war. Edwin … Edwin war etwas anderes. Er stand ihm näher, ja. Aber war er wichtiger? Nein, nur auf andere Weise wichtig. Er blickte zum Telefon. Er könnte anrufen und herausfinden, was passiert war. Doch er zögerte. Er versuchte zu ergründen, warum. Angst vor dem, was er vielleicht hören würde? Das gewiß. Aber da war noch mehr … Er horchte in sich hinein und stellte entgeistert fest, daß er sich irgendwie schuldig fühlte. Aber weswegen? War er so engstirnig, diese Störung seines neugewonnenen persönlichen Glücks übelzunehmen? Das wäre tatsächlich Grund genug, sich schuldig zu fühlen. Er hoffte inständig, daß dies nicht der Grund war. Aber wenn nicht das, was dann? Er dachte weiter nach, sah es deutlicher, konnte es dennoch nicht glauben. Mußte es schließlich aber. Er fühlte sich verantwortlich. Es war wie eine Ausweitung seiner Gefühle gegenüber dem Fall mit dem vermißten Kind. Irgendein zynischer, selbstverachtender Teil seiner Seele glaubte nicht daran, daß er glücklich sein durfte, und war deshalb überzeugt, daß für jedes Quentchen Glück, das er erlebte, jemand anders weniger bekam. Es war absurd – eine Art von Egozentrik, die ebenso widerwärtig war wie eitle Selbstsucht. Doch er zögerte noch immer, den Telefonhörer abzunehmen. Ihm war, als würde er sich damit zum Urheber aller schlechter Nachrichten ernennen, die ihn bei seiner Nachfrage erwarteten.

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