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Das Dorf der verschwundenen Kinder

Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:

Über dieses Buch
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
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Am ersten Tag gab’s einen richtigen Wolkenbruch, dann wurde er zum Dauerregen, der manchmal etwas nachließ, aber nie ganz aufhörte. Wir hörten, daß sie drüben in Dendale die letzten Abrißarbeiten vornahmen, alle großen Stücke abtransportierten, die Stromleitungen kappten und so Sachen, und als das alles erledigt war rissen sie die Gebäude mit Bulldozern ein. Es war scheint’s egal, ob die Häuser später unter Wasser kamen oder nicht – die Wasserbehörde wollte nix stehenlassen, was die Leute in Versuchung führen könnte, drin rumzuwühlen.

Also wurden zur Vorbereitung für die Flutung vom Tal unsere Schule, das Pub, die Kirche, Häuser, Scheunen, Schuppen, einfach alles niedergewalzt. Der Damm war so gut wie fertig, die Bäche sprudelten, aus dem Neb sickerte das Wasser wie aus ’nem löchrigen Eimer, und der White Mare’s Tail bewegte sich wieder mit aller Kraft, so daß unser Seefast wieder seinen alten Pegelstand hatte. Oben am Black Moss-Sattel zwischen dem Neb und Beulah Height wurde der neue Bergsee immer weiter und tiefer und wartete darauf, ins Tal gelassen zu werden.

All das schnappte ich auf, wie Kinder so was eben aufschnappen, indem sie bei den Erwachsenen rumhängen, Mund zu, Ohren offen. Es gab keine Chance, irgendwas davon selber zu sehen. Wie alle anderen, wurde auch ich davor gewarnt, in die Nähe von Dendale zu gehen. Einerseits war es so, daß unsere Mams und Dads immer noch Angst vor Benny Lightfoot oder dem Nix oder wem auch immer hatten, der die drei Mädchen geschnappt hatte. Andererseits glaube ich, sie wußten, wie sehr es ihnen weh tun würde, die alten Häuser niedergewalzt und überschwemmt zu sehen, sie dachten, das würde uns Kindern genauso gehen.

Nur, was mich anging, irrten sie sich gewaltig. Mir gefiel es in Danby ganz gut, und ich hab mich schnell eingelebt. Und als im September die Schule wieder losging, stellte ich fest, daß Mr. Shimmings, der Lehrer mit der Augenklappe, gar keine Augenklappe mehr hatte. Er hatte sie bloß getragen, weil er sich bei einem Unfall ein Auge verletzt hatte und es zudecken mußte, bis es wieder gesund war. Und er hatte auch keinen zersplitterten Rohrstock, sondern bloß einen Gehstock, weil er humpelte, wegen demselben Unfall. Genau gesagt, war er richtig nett, und er und Miss Lavery verstanden sich gleich ganz gut.

Ich hab ganz vergessen zu erzählen, daß Miss Lavery von der St. Michael’s Schule übernommen wurde, und obwohl ich nicht mehr in ihre Klasse ging, blieb sie immer stehen und redete mit mir, wenn wir uns mal begegneten.

Immer wieder sah man Gesichter aus Dendale. Mr. Hardcastle arbeitete wie mein Vater auf Mr. Pontifex’ Land. Die Telford-Brüder hatten ihre Tischlerei in Danby neu eröffnet, wobei ich hörte, daß es hauptsächlich Madges Onkel war, der das Geschäft leitete, weil Joe (das ist ihr Vater) dazu nicht in der Lage war. Die Wulfstans waren wieder in die Stadt gezogen, verkauften da dann aber auch alles und zogen nach London. Von Tante Chloe hat nie wieder jemand was gesehen, aber Mr. Wulfstans Firma war hier oben, und er kam immer mal wieder her und man erzählte, daß er immer oben an den Bergen rumlief und hoffte, irgendeine Spur von Mary zu finden. Außerdem hieß es, daß seine Anwälte die Polizei verklagen, weil sie ihre Arbeit nicht richtig gemacht hat, aber es kam nix dabei raus.

Was Benny Lightfoot angeht, der war spurlos verschwunden. Seine Oma machte ganz schön Radau, weil sie nicht aus dem Tal weg wollte, und verbarrikadierte sich in ihrer Hütte, als es soweit war. Sie gingen rauf, um in Ruhe mit ihr zu reden, aber sie war nirgends zu sehn, und da haben sie die Tür eingebrochen und gesehen, daß sie von der ganzen Aufregung einen Schlag bekommen hatte. Also kam sie ins Krankenhaus. Sie wäre wahrscheinlich in irgendeinem Heim gelandet, wenn nicht eine Nichte aus der Nähe von Sheffield aufgetaucht wäre, um sie bei sich aufzunehmen.

All das kriegte ich so mit, aber es kümmerte mich nicht weiter. Dendale und die Hitze, und Jenny und Madge und Mary, die verschwunden waren, das alles schien Meilen und Jahre entfernt zu sein. Wir hatten ein Cottage ganz nah bei der Schule, am Ortsrand von Danby, und für einen Städter wäre das wohl das reinste Landleben gewesen, für mich war es nach Low Beulah wie mitten in der Stadt, mit neuen Leuten jeden Tag und neuen Straßen und Häusern.

Ich glaube, der Wechsel tat meiner Mam anfangs auch gut. Sie kam mir viel lebhafter vor und fand ein paar neue Freundinnen und ging sogar hin und wieder mit ihnen aus. Meinem Dad ging’s eine Zeitlang auch besser. Er war so was wie Aufseher der Schafhirten für Mr. Pontifex, und ich hörte, wie Mam irgend jemandem erzählte, wenn er keinen Ärger macht und den Mund hält, würde er Stirps End bekommen, wenn der derzeitige Pächter in den Ruhestand geht, was an Mariä Verkündigung oder spätestens zum Mittsommer passieren sollte. Mein Dad sagte immer, er wüßte nicht, ob es viel Sinn hätte, noch mal von vorn anzufangen, und ich wußte, er meinte damit, weil ich doch bloß ’n Mädchen bin. Und vielleicht ist das der Grund, warum es mir in der Zeit nicht viel ausmachte, daß ich kurze Haare und fast immer Arbeitshosen oder Jeans tragen mußte, weil ich dachte, daß ich vielleicht doch noch für ’n Jungen durchgehen und den Hof später übernehmen könnte.

Klingt blöd, ich weiß, aber das dachte ich eben. Und ich versuchte, überhaupt nicht mehr an Dendale zu denken, und wie gesagt, kurze Zeit später kam es mir so weit weg vor wie London, und ich hätte nicht im Traum daran gedacht zurückzugehen, wenn es nicht wegen Bonnie gewesen wäre.

Bonnie hatte der Umzug wohl am meisten mitgenommen, und wenn es nicht in einer Tour geregnet hätte, wäre er wahrscheinlich überhaupt nicht in unser neues Haus reingegangen. Er tigerte immer ganz unruhig herum. Wenn ich ihn mit in ein Zimmer nahm, wollte er raus. Und wenn ich ihn rausließ, wollte er wieder rein. Und was immer er wollte, er schrie so lange, bis er es bekam, und das ging meinem Dad ganz schön auf die Nerven. Er hatte Bonnie sowieso noch nie leiden können, also sah ich zu, daß sie einander nicht in die Quere kamen.

Dann, eines Abends, ging alles schief. Mein Dad kam durch die Hintertür in die Küche, und Bonnie flitzte zwischen seinen Beinen durch und brachte ihn beinah zum Stolpern.

Er fluchte und trat mit seinem Stiefel nach ihm und erwischte Bonnie genau an den Rippen.

Unser Kater stieß einen schrillen Angstschrei aus und schoß durch die Tür nach draußen. Ich schrie auch, und meine Mam kam, um zu sehen, was los war.

»Es ist Bonnie«, schluchzte ich. »Dad hat ihn getreten, und jetzt ist er weggelaufen.«

»Stimmt das?« fragte meine Mam.

»Dieses blöde, verfluchte Vieh«, schimpfte mein Dad. »Ist zu nix nütze. Ich hoffe, den seh ich nie wieder. Alles, was nicht nützlich ist, ist es verdammt noch mal nicht wert, daß man es durchfüttert.«

Da mußte ich noch mehr weinen, und nicht nur um Bonnie.

Mam versuchte, mich zu trösten, und sagte, Bonnie würde schon wiederkommen, wenn er merkt, daß er draußen bloß ganz naß wird. Und sogar mein Dad, der sich vielleicht ein bißchen schuldig fühlte, meinte, es würde alles wieder gut werden und Bonnie würde ihm morgen früh schon wieder zwischen die Füße laufen.

Aber das tat er nicht. Keine Spur.

Ich heulte das ganze Frühstück über und den ganzen Weg zur Schule. Erst hat das niemand gemerkt, wir waren ja alle so naß, und ein paar Tränen fielen da gar nicht auf. Es war ein richtig übler Tag, wo es so doll regnete, daß der Regen von unten wieder nach oben sprang und die Luft voller wirbelnder Regentropfen war, so daß man nicht über den Schulhof gucken konnte. Aber als wir drinnen waren und langsam trocken wurden, da merkten meine Freundinnen dann, daß ich weinte, und fragten mich, was los wäre. Sie waren alle ganz lieb zu mir, aber einer von den Jungs, Joss Puddle, dessen Vater das »Holly Bush« in Dendale gehörte, sagte: »Weiß gar nicht, warum du so heulst. Ich kann mir denken, wo er ist. Der wird nach Hause gelaufen sein.«

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