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Das Dorf der verschwundenen Kinder

Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:

Über dieses Buch
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
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»Es war eins dieser Lieder über tote Kinder. Mahler. Aber auf Englisch, und sie hat ohne Yorkie-Akzent gesungen.«

»Ah, ihre ›Kindertotenlieder‹-CD. Hab ich gehört. Sehr interessant.«

Der Dicke lachte.

»Hat dir nicht besonders gefallen, wie?«

»Wie kommst du darauf?«

»Ich hab da diesen Kollegen, Peter Pascoe – du erinnerst dich vielleicht an ihn, Ellie Pascoes Mann –, der ist mächtig kulturbeflissen, mit Studium und so. Ich hab versucht, es ihm abzugewöhnen, aber das ist wie Malaria, wenn man’s mal hat, bleibt’s im Blut, und du weißt nie, wann der nächste Anfall kommt. Na ja, und bei ihm und seinesgleichen ist mir aufgefallen, wenn die mal was nicht mögen, es aber unhöflich oder unpassend ist, das direkt zu sagen, dann sagen sie: es ist sehr interessant.«

Cap Marvell schmunzelte und sagte: »Da hast du uns mal wieder festgepinnt wie die Schmetterlinge, Andy. Aber du hast recht. Die Übersetzung fand ich nicht überragend, und ihre Stimme ist meiner Meinung nach noch nicht reif für diese Lieder.«

»Warum hat sie sie dann ausgesucht? Oder eher: warum hat die Plattenfirma sie sie aussuchen lassen?«

»Was Elizabeth für Gründe hat, weiß ich nicht. Aber die Plattenfirma … na ja, es ist ein recht unbekanntes Label, zu unbedeutend, um jemand Berühmtes zu kriegen, also konzentrieren sie sich auf junge Hoffnungsträger, lassen sie für drei oder vier Platten unterschreiben und hoffen, daß sie bis zur dritten oder vierten berühmt geworden sind. Elizabeth hat großes Potential. Nach dem Konzert geht sie nach Rom, wo sie von Claudia Albertini unterrichtet wird, einer der besten Gesangslehrerinnen in Europa. Ich nehme an, sie hat sich auf stur gestellt und der Plattenfirma gesagt, daß sie nur unter Vertrag geht, wenn sie mit den ›Kindertotenliedern‹ anfangen kann. Und die Firma entschied dann, es sei das Risiko wert. Vor allem, wo sie sie in ihrer eigenen Übersetzung singt.«

»Wieso?«

»Es wird darüber geredet. Alles, was Interesse weckt und Reklame kriegt, ist gut. Man muß immer noch gut sein, um berühmt zu werden, aber wenn man gut und interessant ist, schafft man es viel schneller an die Spitze. Wie Nigel Kennedy in den Achtzigern.«

»Hat der nicht auch angefangen, komisch zu reden?«

»Ja, stimmt. Und du könntest recht haben«, sagte Cap. »Beryl meinte, sie hat in der Schule so gesprochen, um ihre Individualität zu betonen; du weißt schon: ›Ich bin zwar adoptiert, aber von niemandem abhängig.‹ Aber jetzt, wo sie ihre Karriere startet, kann es natürlich auch eine Image-Sache sein. Ich weiß nicht. Wie ich schon sagte, ich kenne das Mädchen eigentlich gar nicht. Aber die Lieder am Mittwochabend zu singen scheint mir keine gute Wahl.«

»Wegen Lorraine Dacre, meinst du?«

»Genau. Und auch musikalisch. Ich habe sie noch nie ohne die ursprüngliche Orchesterbegleitung gehört. Sandel ist eine gute Pianistin, aber da geht auf jeden Fall was verloren.«

Ein Telefon klingelte. Es dauerte eine Weile, bis Dalziel merkte, daß es in seiner eigenen Tasche war.

»Verdammt«, sagte er. »Diese Dinger lassen einen nie in Ruhe, nicht mal beim Scheißen. Hallo! Wieldy, was ist los? Warten Sie, ich kann Sie kaum versteh’n.«

Er stand auf, sagte zu Cap: »Den Bierpegel hab ich mir gemerkt« und verließ das Nebenzimmer.

Als er zurückkam, sagte sie: »Das war ja nicht lang. Ich hab dein Bier kaum angerührt.«

Er trank das zweite Glas leer, warf einen traurigen Blick auf das dritte und sagte: »Ich muß geh’n.«

»Immer noch Arbeit vor Vergnügen?«

»Bei dieser Arbeit, ja«, erwiderte er düster. »Sie haben jemanden verhaftet. Nur zum Verhör, nichts Definitives, aber ich muß hin. Tut mir leid.«

»Natürlich mußt du gehen«, sagte sie. »Andy …«

Sie zögerte. Sie hatte damit gerechnet, vor dem Abschied mehr Zeit für Verhandlungen über eine mögliches späteres Treffen zu haben. Sie hatte sich noch nicht entschieden, wie sie die Sache angehen sollte, aber jetzt war keine Zeit für Spielchen.

»Andy, es gibt noch viel zu sagen«, fuhr sie fort. »Versprich, daß du mich anrufst. Oder noch besser: komm vorbei. Du weißt, ich habe immer reichlich Tofu im Kühlschrank.«

Diese Anspielung auf ihren vegetarischen Speiseplan ließ ihn schmunzeln.

»Abgemacht«, sagte er. »Bis dann.«

Er eilte hinaus und ließ vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben ein unangetastetes Bier auf dem Tisch zurück.

Sie zog es zu sich herüber und nahm einen Schluck.

Kein Abgrund überbrückt, dachte sie. Aber eine Brücke begonnen, auch wenn sie erst einmal nur aus Pontons bestand, die sich in Wellen und Gezeiten hoben und senkten und einen riskanten Übergang von einer Seite zur anderen versprachen.

Vierzehn

Das erste Tor, das Pascoe am Krankenhaus erreichte, trug das Schild: »Nur Ausgang«.

Pascoe wendete und brauste die Auffahrt zum aufragenden grauen Gebäude hinauf.

Neben dem Haupteingang war ein freier Parkplatz mit dem Schild »Direktor«. Pascoe scherte knapp vor einem rückwärtsfahrenden Jaguar SJS dort ein. Er stieg aus, knallte die Tür zu und rannte los. Durch das geöffnete Fahrerfenster des Jaguar rief ein Mann erbost: »He Sie! Das ist mein Parkplatz.«

»Scheiß drauf«, rief Pascoe über die Schulter, ohne sein Tempo zu drosseln.

Da er schon mal hiergewesen war, kannte er sich gut aus. Er ließ den Lift links liegen und rannte die Treppen bis zum dritten Stock hinauf. Es kostete ihn keine Mühe. Er keuchte nicht einmal, so als hätte sein Körper das Bedürfnis zu atmen eingestellt. Am Ende der Kinderstation war ein Wartezimmer. Durch die geöffnete Tür sah er Ellie. Er trat ein, und sie fiel ihm in die Arme.

»Wie geht es ihr?«

»Sie machen ein paar Tests. Sie sagen, es könnte Hirnhautentzündung sein.«

»O Gott! Wo ist sie?«

»Erste Tür links, aber sie sagen, wir sollen warten, bis sie uns sagen …«

»Bis sie uns was sagen? Daß es zu spät ist?«

»Peter, bitte. Derek und Jill sind auch hier …«

Jetzt erst bemerkte er die Purlingstones, die sich auf dem Sofa umklammerten. Der Mann versuchte zu lächeln, doch es wollte nicht recht gelingen.

Pascoe versuchte es gar nicht erst.

Er löste sich aus Ellies Umarmung und ging aus dem Wartezimmer geradewegs durch die erste Tür links.

Es war ein kleines Krankenzimmer mit nur zwei Betten. In dem einen sah er den Blondschopf der kleinen Zandra Purlingstone.

Im anderen lag Rosie.

Ein Haufen Ärzte und Schwestern stand herum. Ohne sie zu beachten, ging Pascoe zum Bett und nahm die Hand seiner Tochter.

»Rosie, Liebes«, sagte er. »Daddy ist hier. Ich bin hier, mein Liebling. Ich bin hier.«

Für den Bruchteil einer Sekunde schien es ihm, als würden die dunklen Wimpern zucken und die dunklen, fast schwarzen Augen im Wiedererkennen aufleuchten. Dann waren sie wieder ruhig, und nichts deutete darauf hin, daß Rosie überhaupt atmete.

Jemand nahm ihn am Arm. Eine Stimme sagte: »Bitte, Sie müssen gehen. Sie müssen draußen warten. Bitte, lassen Sie uns unsere Arbeit tun.«

Dann sagte Ellies Stimme: »Komm mit, Peter. Um Rosies willen, komm mit.«

Er war wieder im Korridor. Die Tür wurde geschlossen. Seine Tochter verschwand aus seinem Blickfeld.

Er sagte zu Ellie: »Sie hat mich erkannt. Wirklich, das hat sie. Nur eine Sekunde lang. Sie weiß, daß ich hier bin. Sie wird wieder gesund.«

»Ja«, sagte Ellie. »Natürlich wird sie das.«

Zwei Männer kamen den Gang entlang. Der eine trug die Uniform des Sicherheitsdienstes, der andere einen elegant geschnittenen, leichten Leinenanzug.

Der Anzug sagte: »Das ist der Kerl. Ganz schön frech, Sie!«

Die Uniform sagte: »Entschuldigen Sie, Sir, aber Mr. Lillyhowe sagt, Sie haben Ihren Wagen auf seinem reservierten Parkplatz abgestellt.«

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