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Das Dorf der verschwundenen Kinder

Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:

Über dieses Buch
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
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Er brüllte: »Sergeant Clark!«

Und rannte auf den Wagen zu.

Zwölf

Als Wield und Novello in Bixford ankamen, mußten sie niemanden nach dem Weg fragen.

Über dem Schild, mit dem Bixford alle vorsichtigen Autofahrer grüßte, ragte eine Reklametafel für die GEORDIE TURNBULL LTD. – ABRISS & AUSHUB auf.

Die Tafel befand sich hinter einem hohen Sicherheitsdrahtzaun, der eine Fläche von etwa 4000 Quadratmetern eingrenzte. In der Mitte stand ein Bungalow, neben dem auf der einen Seite ein leuchtendgelber Bulldozer mit Turnbulls Namenszug in feuerroten Buchstaben und auf der anderen ein hellblauer Volvo Kombi geparkt war.

Er war weder staubig noch schmutzig und funkelte blitzblank im Sonnenlicht.

Novello fuhr durch das offene Tor und parkte neben dem Volvo.

Wield stieg aus, umrundete den Kombi bedächtig und spähte durch die Fensterscheiben. Novello marschierte zum Bungalow und drückte auf die Klingel. Kurze Zeit später wurde die Tür geöffnet. Ein kleiner, gedrungener Mann in Khaki-Shorts, Netzhemd und Espadrilles erschien. Sein strubbeliges blondes Haar war zerzaust, und er rieb sich gähnend die Augen, als sei er gerade aus dem Bett gestiegen. Bei Novellos Anblick jedoch hielt er mitten im Gähnen inne, bekam leuchtende Augen, und sein Begrüßungslächeln ließ in seinem runden, rotbackigen Gesicht die Sonne aufgehen.

»Aber hallo«, sagte er. »Hab grad ’n Nickerchen gemacht, aber dafür lohnt es sich aufzuwachen. Was kann ich für Sie tun, schöne Maid?«

Wenn er sprach, meinte man das Plätschern des Tyne zu hören.

»Sind Sie Mr. Turnbull?« fragte Novello, während ihr Blick auf seine unbekleideten, muskulösen Arme fiel, deren goldener Flaum die Sonnenwärme zu reflektieren schien.

»Ja, der bin ich. Möchten Sie dieser gesegneten Hitze entfliehen und Ihren Durst mit einer Dose Bier stillen? Oder Limonade, falls Sie gekommen sind, um über Christus zu sprechen.«

Sie mußte unwillkürlich zurücklächeln.

Es war erstaunlich. Binnen weniger Sekunden hatte sich Turnbull vom abstoßenden Primitivling mittleren Alters zum amüsanten knuddeligen Koala verwandelt. Es lag zum Teil an seinem strahlenden Lächeln, zum Teil auch an seinem unverhohlen bewundernden Blick, hauptsächlich wohl aber an seiner unzögerlichen Bereitschaft, ihr eine Erfrischung anzubieten, noch ehe er ihr Anliegen kannte. Auf seiner Türschwelle ist der Engländer ein von Natur aus mißtrauisches Wesen, das jederzeit das Schlimmste erwartet. Novello hatte im Verlauf ihres Berufslebens schon an viele Türen geklopft. Sie sah nicht besonders einschüchternd und überhaupt nicht (so hoffte sie zumindest) wie eine Polizistin aus. Doch die übliche Reaktion reichte von neutraler Wachsamkeit bis hin zu offener Feindseligkeit, und das, noch ehe sie sich vorgestellt hatte.

Nun zog sie ihren Dienstausweis hervor und sagte: »Detective Constable Novello. Können wir etwas plaudern, Mr. Turnbull?«

Eine Augenbraue zuckte zweifelnd nach oben, aber sonst gab es keine Veränderung in seinem sonnigen Willkommensgebaren, als er sagte: »Dann wird’s wohl Limonade sein, hm? Kommen Sie rein.«

Dann allerdings gab es eine Veränderung, wie der Schatten einer dünnen hohen Wolke, die so rasch über eine goldene Landschaft hinwegzieht, daß man sie kaum bemerkte.

»Mr. Turnbull.«

Wield war hinter sie getreten. Turnbull hatte ihn wiedererkannt, da war sie sicher. Und die Erinnerung war nicht angenehm. Es wäre interessant zu sehen, ob er die alte Bekanntschaft zugab oder eine Show abzog.

Doch noch ehe sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, drehte Turnbull sein Lächeln um ein weiteres Kilowatt strahlender und sagte: »Mr. Wield, stimmt’s? Aber natürlich stimmt das. Wir sind zwei vom gleichen Schlag, Sie und ich, Sergeant. Einmal geseh’n, nie vergessen.«

Es hätte beleidigend sein können, aber so, wie Turnbull es sagte, klang es fast wie das schmeichelnde Schulterklopfen eines Mannes, der überzeugt war, daß Äußerlichkeiten keine Rolle spielten.

Wield schüttelte die ausgestreckte Hand. »Eine lange Zeit seit Dendale.«

»Da haben Sie recht. Doch scheint es stets wie gestern, oder so ähnlich«, erwiderte Turnbull mit plötzlichem Ernst. »Kommen Sie rein. Drinnen ist es kühler.«

Das stimmte, teils bedingt durch den Schatten, hauptsächlich aber wegen der tragbaren Klimaanlage, die in der Wohnzimmerecke stand. Turnbull war nicht verheiratet, wie Novello von Bella erfahren hatte. Aber dieser Bungalow sah nicht so aus, als fehlte die helfende Hand einer Frau. Warum auch? Männer wie er hatten vermutlich eine ganze Liste mit ortsansässigen Damen, die nur darauf warteten, für ihn zu kochen, zu putzen und ihn rundum zu verwöhnen. Dieser Gedanke sollte eigentlich Empörung in ihr auslösen, doch statt dessen ertappte sich Novello dabei, wie sie einen Sesselschoner glattstrich, bevor sie sich auf den angebotenen Stuhl setzte.

Paß auf, Novello, warnte sie sich selbst. Dieser Typ ist alt genug, dein Vater zu sein. Sie zwang sich, die Dinge wieder wie eine Polizistin zu betrachten. Er las den »Daily Mirror«. Einen Hinweis auf andere Lektüre gab es in dem Raum nicht. Die Möbel waren alt, aber nicht antik, und das Holz schimmerte so schön, wie es nur nach regelmäßigem Polieren vorkam – wieder die Hand einer Frau? Auf die außerdem ein blitzblanker Messingtopf vor dem Kamin hinwies, der mit frischem Farn bepflanzt war. Die Damen der Gemeinde hatten vermutlich eine Art Dienstplan erstellt, und nach dem Blumendienst in der Kirche kümmerte sich die jeweilige dann um Mr. Turnbull. Jetzt fange ich schon wieder damit an! dachte sie. Konzentrier dich. Der Kamin war interessant. Schön, viktorianisch, etwas zu groß für den Raum und sicher nicht zeitgenössisch.

Turnbull war in die Küche gegangen und kehrte nun mit einem Tablett mit einem Krug eisgekühlter Limonade und drei Gläsern zurück. Bei ihrem Eintreten hatten auf dem Couchtisch ein Bierkrug und eine Dose gestanden, doch die hatte er mit hinausgenommen. Wollte er einen klaren Kopf bewahren?

»Prost«, sagte er und hob sein Glas. »Also, was kann ich für Sie tun, Mr. Wield?«

»Steh’n die Geschäfte schlecht?« fragte Wield.

»Hm?«

»Daß Sie mitten am Tag zu Hause sind? Und der Bulldozer steht auch draußen.«

»O nein«, entgegnete Turnbull. »Es ist zum Glück genau umgekehrt. Das Geschäft läuft so gut, daß der Boß es sich leisten kann, seine Jungs mal allein zu lassen, um den Papierkram zu erledigen.«

Wields Blick fiel auf den »Daily Mirror«.

Turnbull lachte und sagte: »Nicht solchen Papierkram. Sie haben mich in meiner Teepause erwischt. Nein, Sie sollten mal mein Büro sehen.«

»Danke«, sagte Wield. »Wo ist das?«

Turnbull machte zunächst ein verdutztes Gesicht, weil seine Bemerkung wörtlich genommen wurde, stand dann aber auf und zeigte den Weg.

Das Büro befand sich dort, wo vermutlich das Gästezimmer des Bungalows geplant gewesen war. Dafür hat Turnbull bestimmt keine Verwendung, dachte Novello. Sie bezweifelte, daß Turnbulls Hausgäste eigene Bettlaken bevorzugten. Das Problem war, je mehr sie ihn als Verführer betrachtete, um so schwerer war es, sich ihn als Kindesmißhandler vorzustellen.

»Haben Sie jemanden, der Ihnen die Buchführung macht, Mr. Turnbull?« wollte sie wissen.

»Himmel, ja! Das ist für einen einfachen Geist wie mich zu schwer. Ich hab da eine sehr nette Dame, die das alles für mich erledigt.«

»Kann ich mir vorstellen. Und die ist heute nicht hier?«

»Nein, ich hab ihr freigegeben«, sagte Turnbull.

Novello zwang sich, Wield keinen bedeutungsvollen Blick zuzuwerfen. Der Bürokraft einen Tag nach der Entführung … der möglichen Entführung freizugeben, das mußte … konnte … könnte von Bedeutung sein.

»Eine Ortsansässige?« fragte Novello.

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