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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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»Taardad«, sagte Sulin, wählte einen Pfeil und warf ihn sofort zu Boden. »Miagoma.« Sie warf zwei weitere zur Seite. »Goshien.« Bei der Erwähnung des Namens zog sie eine Grimasse; sie war eine Goshien. Sie machte weiter und nannte einen Clan nach dem anderen, mit Ausnahme der Shaido, bis ein halbes Dutzend Pfeile um sie herum verstreut lagen. Sie hielt das zerschnittene Gewand mit den übrigen Pfeilen mit beiden Händen hoch und warf es dann zu Boden. »Shaido«, sagte sie bedeutungsvoll.

Die ganze Zeit über hatte Perrin Failes Gewand an die Brust gedrückt gehalten — ihr Duft linderte den Schmerz in seinem Herzen und machte ihn zugleich schlimmer —, aber nun sah er die am Boden liegenden Pfeile stirnrunzelnd an. Einige waren bereits von frisch gefallenem Schnee bedeckt worden. »Zu viele Shaido«, sagte er schließlich. Sie hätten alle fünfhundert Meilen entfernt oben am Brudermörders Dolch eingeschlossen sein müssen. Aber wenn einige ihrer Weisen Frauen das Schnelle Reisen erlernt hatten... Vielleicht auch einer der Verlorenen ... Licht, seine Gedanken rannten in alle Richtungen, als wäre er ein Narr — was sollten die Verlorenen denn damit zu tun haben? —, wo er doch klar denken musste. Sein Verstand war genauso müde wie sein Körper. »Die anderen sind Männer, die Rand nicht als den Car'a'carn akzeptieren wollen.« Vor seinem inneren Auge blitzten diese verfluchten Farben auf. Ihn interessierte nur Falle. »Sie haben sich den Shaido angeschlossen.« Einige der Töchter wandten den Blick ab. Elienda starrte ihn an. Sie wussten, dass einige genau das getan hatten, aber es gehörte zu den Dingen, die sie nicht gern laut ausgesprochen hörten. »Wie viele sind es, was schätzt Ihr? Doch wohl nicht der ganze Clan?« Falls die Shaido in beträchtlicher Zahl hier waren, hätte es mehr als nur Gerüchte über gelegentliche Überfälle gegeben. Trotz all seiner anderen Sorgen würde ganz Amadicia Bescheid wissen.

»Jedenfalls genug, um Ärger zu machen«, murmelte Wynter leise. Perrin sollte es nicht hören.

Sulin griff zwischen die auf dem verzierten Sattel festgebundenen Bündel und zog eine mit einem Cadin'sor bekleidete Stoffpuppe hervor. »Wir wollten gerade umkehren, etwa vierzig Meilen von hier entfernt, da hat Elyas Machera das hier gefunden.« Sie schüttelte den Kopf und einen Augenblick lang nahmen sowohl ihre Stimme wie auch ihr Geruch einen überraschten Ausdruck an. »Er sagte, er hätte sie unter dem Schnee gerochen. Er und Jondyn Barran fanden Schrammen an den Bäumen, die ihrer Meinung nach von Lastkarren verursacht wurden. Sehr vielen Lastkarren. Wenn Kinder dabei sind... ich glaube, es könnte eine ganze Septime sein, Perrin Aybara. Vielleicht sogar mehr als nur eine. Selbst eine einzige Septime umfasst mindestens tausend Speere, wenn nötig sogar noch mehr. Außer dem Schmied wird jeder Mann zum Speer greifen. Sie sind im Süden, uns Tage voraus. Vielleicht sogar mehrere Tage, bei diesem Schnee ist das schwer zu sagen. Vermutlich werden die Entführer Eurer Frau sich ihnen anschließen.«

»Dieser Schmied hier hat einen Speer ergriffen«, murmelte Perrin. Eintausend. Vielleicht mehr. Wenn man die Beflügelten Wachen und Argandas Männer hinzuzählte, verfügte er über zweitausend. Da es um Aiel ging, waren bei diesem Kräfteverhältnis die Shaido im Vorteil. Er strich mit dem Finger über die Puppe in Sulins sehniger Hand. Ob wohl ein Shaido-Kind wegen des Verlusts seiner Puppe weinte? »Wir gehen nach Süden.«

Er wandte sich ab und wollte auf Traber aufsitzen, als Sulin seinen Arm berührte und ihn davon abhielt. »Ich sagte Euch, dass wir auch andere Dinge sahen. Zweimal fand Elyas Machera unter dem Schnee Pferdemist und Lagerfeuer. Viele Pferde und viele Feuer.«

»Tausende«, warf Alharra ein. Seine schwarzen Augen erwiderten Perrins Blick vollkommen ruhig und seine Stimme klang ganz sachlich. »Fünf, vielleicht auch zehn oder mehr, genau kann man das nicht sagen. Aber Soldatenlager. Meiner Meinung nach waren es an beiden Stellen dieselben Soldaten. Machera und Barran sind ebenfalls dieser Ansicht. Wer auch immer das ist, sie sind ebenfalls nach Süden unterwegs. Vielleicht haben sie nichts mit den Aiel zu tun, aber sie könnten ihnen folgen.«

Sulin bedachte den Behüter mit einem ungeduldigen Stirnrunzeln und fuhr sogleich fort, als hätte sie seine Unterbrechung nicht zur Kenntnis genommen. »Dreimal sahen wir fliegende Kreaturen, wie sie Euren Worten zufolge die Seanchaner benutzen, gewaltige Wesen mit Flügeln und Menschen, die auf ihren Rücken ritten. Und zweimal entdeckten wir Spuren wie diese hier.« Sie bückte sich, nahm einen der Pfeile und malte eine runde Form in den Schnee, der an eine große Bärentatze erinnerte, jedoch sechs Zehen aufwies, die länger als die Finger eines Mannes waren. »Manchmal zeigte es Krallen«, sagte sie und zeichnete sie ein. Sie waren länger als selbst die eines großen Bären in den Verschleierten Bergen. »Es hat einen langen Schritt. Ich glaube, es kann sehr schnell rennen. Wisst Ihr, was das ist?«

Das tat er nicht — abgesehen von den Raubkatzen bei den Zwei Flüssen hatte er noch nie von einer Kreatur mit sechs Zehen gehört; er war überrascht gewesen, als er erfuhr, dass die Katzen anderenorts nur fünf hatten —, aber er konnte es sich denken. »Ein anderes Tier aus Seanchan.« Also waren außer den Shaido auch Seanchaner nach Süden unterwegs und offenbar Weißmäntel. Oder ein seanchanisches Heer. Es konnte niemand anders sein. Er vertraute Balwers Informationen. »Wir gehen trotzdem nach Süden.« Die Töchter starrten ihn an, als hätte er verkündet, es würde schneien.

Er zog sich auf Trabers Sattel und ritt zum Tross zurück. Die Behüter gingen zu Fuß und führten ihre erschöpften Pferde. Die Töchter nahmen Alliandres Wallach mit, als sie im Dauerlauf zu der Stelle liefen, an der sich die Weisen Frauen versammelt hatten. Masuri und Seonid ritten herbei, um ihre Behüter zu empfangen. Er fragte sich, warum keine von ihnen gekommen war, um ihre Nase in die Sache zu stecken. Vielleicht war es ganz einfach und sie hatten ihn allein lassen wollen, falls sich die Neuigkeiten als schlecht erwiesen. Vielleicht. Er versuchte alles in seinem Verstand zusammenzusetzen. Die Shaido, wie viele es auch sein mochten. Die Seanchaner. Das berittene Heer, ob es nun Weißmäntel oder Seanchaner waren. Es war wie eines der Puzzlespiele, deren Herstellung Meister Luhan ihm beigebracht hatte, komplizierte Geflechte aus Metall, die man mühelos auseinander und wieder zusammenschieben konnte, wenn man nur wusste wie. Aber sein Kopf fühlte sich wie benebelt an, er griff nach Stücken, die nirgendwo zusammenpassten.

Die Männer von den Zwei Flüssen saßen wieder in ihren Sätteln, als er eintraf. Diejenigen von ihnen, die abgestiegen und ihre Bögen schussbereit gemacht hatten, sahen etwas beschämt aus. Sie alle betrachteten ihn unbehaglich und zögerlich.

»Sie lebt«, sagte er, und es war, als würde jeder von ihnen wieder anfangen zu atmen. Sie nahmen die restlichen Neuigkeiten mit einer seltsamen Teilnahmslosigkeit auf, manche nickten sogar, als hätten sie nichts anderes erwartet.

»Wäre nicht das erste Mal, dass wir einer Übermacht gegenübertreten«, bemerkte Dannil. »Was sollen wir tun, mein Lord?«

Perrin zog eine Grimasse. Der Mann war noch immer so steif wie eine Eiche. »Für den Anfang reisen wir vierzig Meilen nach Süden. Danach werde ich weitersehen. Neald, Ihr geht voraus und findet Elyas und die anderen. Sagt ihnen, was ich vorhabe. Bis Ihr sie erreicht habt, werden sie ein ganzes Stück weiter sein. Und passt auf Euch auf. Ihr könnt nicht gegen zehn oder ein Dutzend Weise Frauen kämpfen.« Eine ganze Septime würde mindestens so viele Frauen haben, die die Macht lenken konnten. Und wenn es mehr als nur eine war? Diesen Sumpf würde er überqueren, wenn er davor stand.

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