Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
Deshalb würde es nicht regnen. Bei Waterloo hatte es geregnet, was die Wege in abgrundtiefen Morast verwandelte, in dem die Artillerie steckenblieb. In Crecy hatte es ebenfalls geregnet, wodurch die Bogensehnen der Schützen durchweicht wurden. Geregnet hatte es auch in Agincourt.
Gerade als ich über den Regen bei der Schlacht von Midway nachgrübelte, mußte ich eingeschlafen sein, denn ich erwachte plötzlich im grauen Morgendämmern. Der Regen hatte aufgehört, und die Katze war fort.
Ich sprang auf die Füße, die nur in Socken steckten, und warf die Decken beiseite, um zu sehen, ob sie sich vielleicht darunter verbarg, wobei ich Cyril störte, der verschlafen grunzte und sich zur Seite rollte.
»Cyril!« sagte ich. »Die Katze ist fort! Hast du gesehen, wo sie hin ist?«
Cyril warf mir einen Blick zu, der eindeutig sagte: »Hab ich dir’s nicht gesagt?« und verkroch sich zwischen den Decken.
»Hilf mir, sie zu suchen!« Ich riß die Decke unter ihm weg.
»Prinzessin Arjumand?« flüsterte ich verzweifelt, während ich mit den Schnürsenkeln kämpfte. »Prinzessin Arjumand! Wo bist du?«
Sie stelzte gelassenen Schrittes auf die Lichtung, mit den Pfoten vorsichtig das feuchte Gras berührend.
»Wo warst du?« fragte ich. »Ich hätte dich in den Korb sperren sollen!«
Unbeeindruckt ging sie an mir vorbei zu dem zerwühlten Lager, legte sich neben Cyril und schloß die Augen.
Nun würde ich es nicht noch einmal darauf ankommen lassen. Ich holte die Reisetasche und packte die Hemden und die Schneckenzange aus. Dann nahm ich das Filiermesser aus dem Proviantkorb und hieb damit ein paar tiefe Schnitte in die Seiten der Tasche, wobei ich sorgfältig darauf achtete, daß sie auch das Futter durchdrangen. Daraufhin rollte ich das zu kleine Tweedjackett zu einem weichen Lager auf dem Boden der Tasche zusammen und placierte die Untertasse daneben.
Prinzessin Arjumand blinzelte nicht einmal, als ich sie in die Reisetasche legte und die Schnallen schloß. Vielleicht litt sie wirklich, wie Verity behauptet hatte, an der Zeitkrankheit. Ich stopfte die Kleidungsstücke in das Portmanteau und rollte alle Decken zusammen bis auf die, auf der Cyril lag.
»Erhebe dich, Cyril«, sagte ich. »Zeit, aufzustehen! Wir müssen früh los.«
Cyril öffnete ein Auge und glubschte mich zweifelnd an.
»Frühstück«, sagte ich und ging mit der Reisetasche zu den Überresten des Lagerfeuers am Flußufer, wo ich Holz sammelte, aufschichtete und so geschickt entzündete, als wäre ich jahrzehntelang Pfadfinder gewesen. Dann durchsuchte ich Terences Gepäck, bis ich eine Landkarte fand, und setzte mich damit neben das Feuer, um den weiteren Verlauf unserer Reise zu planen.
Bei der Karte handelte es sich um einen Faltplan, der ausgebreitet den gesamten Lauf der Themse zeigte, den ich jedoch nicht hoffte, ganz erkunden zu müssen. Als Student hatte ich gelernt, Karten zu lesen, doch litt diese hier an einer Überfülle von Details: sie wies nicht nur auf Dörfer, Schleusen, Inseln und die Entfernungen zwischen ihnen hin, sondern auch auf Wehre, Untiefen, Treidelpfade, historische Stätten und gute Fischgründe. Ich entschied, Professor Peddick die Karte besser nicht in die Hände fallen zu lassen. Die Karte beglückte den Betrachter außerdem mit einer Reihe von Kommentaren wie »einer der entzückendsten Ausblicke entlang des Flusses« oder »hier ist eine ziemlich gefährliche Strömung«, mit dem Resultat, daß es in dem ganzen Wortsalat schwierig war, überhaupt den Verlauf des Flusses auszumachen. Terence hatte gesagt, Muchings End läge unmittelbar hinter Streatley, aber ich konnte beides nicht finden.
Schließlich aber entdeckte ich Runnymede, was laut Karte als »die wahre historische Stätte« aufgeführt wurde, »wo die Magna Chartaunterzeichnet wurde, und nicht, wie manche Leute längs der Themse einem Glauben machen wollen, bei dem Stein auf Magna Charta Island. Gutes Brassengewässer, aber kaum Gründlinge, Weißfische und Göschen.«
Ich arbeitete mich von Runnymede nach Streatley hoch, markierte die Stelle mit dem Finger und versuchte, Iffley zu finden. Hier war es: »Malerische Mühle, Anziehungspunkt für Ausflügler von nah und fern. Kirche 12. Jahrhundert, Döbel mittelmäßig.« Wir befanden uns auf halber Strecke zwischen Iffley und Abingdon, dreiundzwanzig Meilen von Streatley entfernt.
Veranschlagte man eine halbe Stunde fürs Frühstücken, so konnten wir um sechs Uhr losrudern. Selbst wenn wir Professor Peddick erlaubten, unterwegs anzuhalten, um seiner Schwester ein Telegramm zu schicken, war der Weg in gut neun Stunden zu schaffen. Falls uns das Glück hold war, würde die Katze nachmittags um drei wieder zum Ort ihres Verschwindens zurückgekehrt und die Inkonsequenz spätestens um fünf Uhr aus der Welt geschafft sein.
»Wir könnten es leicht bis zum Nachmittagstee schaffen«, erklärte ich Cyril, faltete die Karte zusammen und steckte sie in Terences Gepäck zurück. Dann holte ich Eier, ein Stück durchwachsenen Speck und die Stielpfanne aus dem Proviantkorb.
Die Vögel begannen zu zwitschern, die Sonne ging auf und überhauchte Fluß und Himmel mit Streifen rosigen Lichts. Das Wasser gluckerte geruhsam und golden zwischen den belaubten Uferbänken dahin, und angesichts der Ruhe, die dieses Abbild einer sicheren, ungestörten Welt, eines großen unendlichen Zusammenhangs, ausströmte, schien jeder Gedanke an Inkonsequenzen absurd.
Cyril schaute mit einer Miene zu mir hoch, die fragte: »Wie schlimm hat dich die Zeitkrankheit eigentlich erwischt?«
»Ich habe letzte Nacht kaum geschlafen«, sagte ich. »Dank dir. Komm jetzt!«
Ich stellte den Kessel aufs Feuer, schlug die Eier zu dem in Streifen geschnittenen Speck in die Pfanne und ging zum Boot hinunter, um Terence und seinen Tutor zu wecken, wozu ich mit dem Stiltonlöffel gegen einen Topfdeckel schlug. »Zeit zum Aufstehen«, sagte ich. »Frühstück wartet.«
»Gütiger Himmel«, sagte Terence schlaftrunken und kramte nach seiner Taschenuhr. »Wie spät ist es?«
»Halb sechs«, erwiderte ich. »Du wolltest frühzeitig aufbrechen, um zum Tee in Muchings End zu sein. Bei Miss Mering, erinnerst du dich?«
»Oh!« Er schoß wie ein Pfeil aus den Decken. »Du hast recht. Professor Peddick, aufwachen!«
»›Morgen, vom Stundenkreis erweckt, öffnet mit ros’ger Hand die Tore des Lichts.‹«[46] Vom Heck her blinzelte uns Professor Peddick verschlafen an.
Ich ließ die beiden allein und rannte zurück, um nach den Eiern und der Katze zu schauen. Sie schlief fest. Und ruhig, was noch besser war. Ich stellte die Reisetasche zu dem übrigen Gepäck und fing an, Eier und Speck auf die Teller zu häufen.
»Bei diesem Tempo sind wir um sechs Uhr mitten auf dem Fluß«, sagte ich zu Cyril und fütterte ihn mit einem Streifen Speck. »Um halb sieben haben wir die Schleuse hinter uns. Wir halten in Abingdon, damit der Professor sein Telegramm abschicken kann und sind um acht Uhr in Clifton, um neun an der Tagschleuse und um zehn Uhr in Reading.«
Um zehn Uhr waren wir immer noch in Abingdon.
Es hatte zwei Stunden gedauert, das Gepäck zu verstauen, das sich über Nacht vermehrt zu haben schien, und dann, in letzter Sekunde, entdeckte Professor Peddick, daß sein doppelkiemiger blauer Döbel verschwunden war.
»Vielleicht ist er von einem Tier gefressen worden«, sagte Terence, und ich konnte mir auch gut vorstellen, von welchem.
»Ich muß einen neuen fangen.« Professor Peddick holte Angel und Talje hervor.
»Dazu ist keine Zeit mehr«, sagte Terence. »Sie haben doch immer noch Ihre Albinobrasse.«
46
Aus: John Milton, Das verlorene Paradies. — Anm. d. Ü.