Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
»Nein«, sagte ich entschieden. »Katzen mögen keine Hunde.«
Er fing wieder an zu schnüffeln, die Nase eng auf den Boden gepreßt.
»Na gut, du kannst mitkommen«, sagte ich, weil es klar war, daß er sowieso nicht mehr verschwinden würde. »Aber bleib dicht bei mir.«
Ich ging auf die Lichtung zurück, goß die Sahne in eine Untertasse, nahm das Seil und ein paar Streichhölzer. Cyril beobachtete mich interessiert.
»Auf dann, Watson!« sagte ich und hielt die Laterne hoch. »Die Jagd beginnt!« Gleich darauf verschluckte uns die Dunkelheit.
Es war ausgesprochen finster. Hinzu kamen das Quaken der Frösche, das Rascheln der Blätter, das Gurgeln des Flusses, alles begleitet von Rattern, Pfeifen und einem schabenden Geräusch wie von Schlangen. Der Wind frischte auf, ich hielt die Hand schützend vor die Laterne und dachte, was für eine wunderbare Erfindung die Taschenlampe ist. Sie leuchtet weit und man kann den Strahl in alle Richtungen lenken. Das Laternenlicht konnte ich nur lenken, indem ich die Laterne nach oben oder unten hielt. Ihr Licht war warm und flackernd, aber seine einzige Funktion schien darin zu bestehen, alles außerhalb seines Scheines schwarz wie ein tiefes Loch erscheinen zu lassen.
»Prinzessin Arjumand?« rief ich alle paar Schritte. »Miez, miez!« und »Huhu!« Ich verstreute Brotkrumen, während ich voranschritt, hin und wieder stellte ich die Untertasse mit Sahne vor einen vielversprechend aussehenden Busch und wartete.
Nichts geschah. Keine glühenden Augen erschienen. Die Nacht wurde noch dunkler, die Luft klamm, als würde es gleich zu regnen beginnen.
»Siehst du etwas von ihr, Cyril?« fragte ich.
Wir trotteten weiter. Am Nachmittag hatte die Gegend einigermaßen zivilisiert gewirkt, jetzt aber schien sie nur noch aus Dornbüschen, Unterholz und drohenden, klauenartig aussehenden Ästen zu bestehen. Die Katze konnte überall und nirgends sein.
Da — unten am Fluß. Ein Aufblitzen von Weiß.
»Los, Cyril«, sagte ich und setzte mich Richtung Fluß in Bewegung.
Da war es wieder, inmitten der Binsen. Es bewegte sich nicht. Vielleicht war die Katze eingeschlafen.
»Prinzessin Arjumand?« Ich griff durch die Schilfhalme nach ihr. »Da bist du, du unartiges Ding.«
Das Weiß richtete sich plötzlich auf, ein langer gekurvter Hals wurde sichtbar.
»Krwäääg!« machte es, in heftiges weißes Flügelschlagen explodierend. Ich ließ die Untertasse mit Sahne fallen.
»Ein Schwan«, sagte ich unnötigerweise. Ein Schwan. Einer dieser vergangenen schneeweiß gefiederten Schönheiten der Themse, die mit graziös geneigten Hälsen majestätisch an den Uferbänken vorbeiglitten. »Ich habe mir immer gewünscht, einen zu sehen«, sagte ich zu Cyril.
Er war nicht mehr an meiner Seite.
»Krwäääg«, machte der Schwan und entfaltete seine Schwingen zu einer beeindruckenden Spannweite, ganz offenbar darüber irritiert, daß er geweckt worden war.
»Entschuldigung«, sagte ich zurückweichend. »Ich dachte, du wärest eine Katze.«
»Schzzz«, zischte der Schwan. Er setzte sich in Bewegung.
In keinem der poetischen Ergüsse über Schwäne war je davon die Rede gewesen, daß sie zischten. Oder daß sie beleidigt waren, wenn man sie mit Katzen verwechselte. Oder daß sie bissen.
Es gelang mir schließlich, zu entkommen, indem ich durch ein dickes Gebüsch mit Dornen brach, halbwegs einen Baum erklomm und mit dem Fuß so lange nach dem Schnabel des Schwans stieß, bis dieser endlich, Drohungen und Verwünschungen zischend, wieder zum Fluß hinunterwatschelte.
Für den Fall, daß es sich dabei nur um einen Trick handelte, wartete ich fünfzehn Minuten ab, dann kletterte ich hinunter und untersuchte meine Wunden. Die meisten waren hinten und deshalb schwierig zu sehen. Ich wand mich im Kreis, um zu erkennen, ob ich blutete. Dabei erblickte ich Cyril, der mit beschämter Miene hinter einem Baum hervorkam.
»Eine vernichtende Niederlage«, sagte ich. »Wie bei den Persern. In Drei Mann in einem Boot hatte Harris auch Probleme mit Schwänen.« Ich wünschte, ich hätte mich eher an dieses Kapitel erinnert. »Sie versuchten, ihn und Montmorency aus dem Boot zu ziehen.«
Ich hob die Laterne auf, die erstaunlicherweise so aufrecht hingefallen war, wie ich sie losgelassen hatte. »Wenn König Harold Schwäne zur Seite gestanden hätten, wäre England heute sicher noch in sächsischer Hand.«
Wir marschierten wieder los, wobei wir uns vom Fluß fernhielten und ein wachsames Auge auf weiße Flecken hatten.
In dem alten Gedicht kam Polly Vaughn ums Leben, weil ihr Liebster sie mit einem Schwan verwechselte. Sie hatte eine weiße Schürze getragen, und er hielt sie für einen Schwan und tötete sie mit einem Pfeil. Ich konnte es vollkommen nachempfinden. In Zukunft würde ich auch zuerst schießen und dann Fragen stellen.
Die Nacht wurde noch finsterer, die Luft feuchter, die Büsche dorniger. Nirgendwo waren weiße Flecken oder glitzernde Augen. Man hörte kaum noch ein Geräusch. Als ich das letzte Stück Brot fallenließ und »Komm, Mieze!« rief, hallte meine Stimme in der schwarzen, schweigenden Leere um mich herum wider.
Es blieb mir nichts anderes übrig, als der Sache ins Auge zu sehen. Die Katze war verschwunden, in der Wildnis verhungert oder von einem wütenden Schwan getötet worden. Vielleicht war sie auch im Schilf von Pharaos Tochter gefunden worden und hatte so den Lauf der Geschichte verändert. Cyril und ich jedenfalls würden sie nicht finden.
Wie zur Zustimmung begann die Laterne zu qualmen. »Cyril, es ist zwecklos«, sagte ich. »Sie ist verschwunden. Komm, wir gehen zum Lager zurück.«
Das war leichter gesagt, als getan. Ich hatte mehr Aufmerksamkeit auf die Suche nach der Katze als auf den Weg gerichtet, und die Büsche sahen alle gleich aus.
Ich hielt die Laterne nach unten, um die Spur aus Brotkrumen zu entdecken. Dann erinnerte ich mich daran, daß Hänsel und Gretel ein weiteres Paar gewesen waren, das in Schwierigkeiten gesteckt hatte.
»Zeig mir den Weg, Cyril«, sagte ich hoffnungsvoll, woraufhin er sich aufmerksam umschaute und dann auf die Hinterläufe hockte.
Am besten wäre es natürlich gewesen, einfach dem Fluß zu folgen, aber dabei mußte man die Schwäne in Betracht ziehen, und sicher hatten die Wölfe nicht alle Brotkrumen aufgefressen. Ich versuchte es in einer anderen Richtung.
Eine halbe Stunde später setzte Nieselregen ein, und der blätterbedeckte Untergrund wurde feucht und glitschig. Wir schlitterten voran wie die Sachsen, die bereits elf Tage marschiert waren. Und im Begriff waren, England zu verlieren.
Ich hatte die Katze verloren. Ich hatte Stunden kostbarer Zeit vergeudet, ohne zu ahnen, daß sie in meiner Obhut war und sie dann entwischen lassen. Ich war mit einem vollkommen Fremden von dannen gezogen, hatte Terence dazu gebracht, eine wahrscheinlich wichtige Begegnung nicht einzuhalten und…
Mir kam ein Gedanke. Ich war mit Terence losgezogen, und wir waren genau im richtigen Moment erschienen, um Professor Peddick vor einem nassen Grab zu bewahren. Was wäre geschehen, wenn Terence Maud getroffen hätte, oder war es vorgesehen, daß er sie nicht traf, damit er zur rechten Zeit am rechten Ort auftauchen konnte, um seinen Tutor zu retten? Oder war Professor Peddick zum Ertrinken verurteilt gewesen, und ich mußte seine Rettung zu meiner Liste von Vergehen hinzurechnen?
Aber wenn es ein Vergehen sein sollte, dann gelang es mir nicht, mich deshalb allzu schuldig zu fühlen. Ich war froh, daß er nicht ertrunken war, obwohl mein Leben durch ihn viel komplizierter geworden war, und ich fing an zu verstehen, was Verity bei der Rettung der Katze empfunden hatte.