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Gehen, ging, gegangen

Электронная книга - «Gehen, ging, gegangen». Краткое содержание книги:

Entdeckungsreise zu einer Welt, die zum Schweigen verurteilt, aber mitten unter uns ist
Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.
Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.
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Die Probleme lieber in Afrika lösen. Richard stellt sich einen Moment lang vor, wie ein Erledigungszettel für die Männer, die er in den letzten Monaten hier kennengelernt hat, dann aussehen müsste.

Während auf seinem eigenen Zettel zum Beispiel stünde:

Monteur für Reparatur Geschirrspüler bestellen

Termin beim Urologen ausmachen

Zähler ablesen

würde auf der Erledigungsliste für Karon stattdessen stehen:

Korruption, Vetternwirtschaft und Kinderarbeit in Ghana abschaffen

Oder bei Apolclass="underline"

Klage gegen den Konzern Areva (Frankreich) einreichen

neue Regierung in Niger einsetzen, die sich durch ausländische Investoren nicht bestechen oder erpressen lässt

unabhängigen Tuareg-Staat Azawad gründen (mit Yussuf besprechen)

Und bei Raschid stünde da:

Christen und Muslime in Nigeria miteinander versöhnen

Boko Haram davon überzeugen, die Waffen niederzulegen

Zuletzt sollten Hermes, der Analphabet mit den goldenen Schuhen, und Ali, der zukünftige Krankenpfleger, sich gemeinsam um diese beiden Aufgaben kümmern:

Verbot von Waffenlieferungen an Tschad (USA und China)

Verbot, im Tschad Erdöl zu fördern und außer Landes zu bringen (USA und China)

Sag einmal, fragt Richard Karon, wie groß müsste ein Grundstück in Ghana sein, von dem sich deine Familie dort selbständig ernähren könnte?

Karon überlegt einen Moment und sagt dann: Ein Drittel vom Oranienplatz etwa.

Und wieviel würde das kosten?

Karon überlegt wieder und sagt: Ich denke, zwischen 2000 und 3000 Euro.

Noch im Sommer vor anderthalb Jahren hätte Richard sich beinahe ein Surfbrett gekauft (1495,— Euro), aber bevor er sich hatte entscheiden können, war schon der Herbst dagewesen, und im letzten Sommer, nachdem der Mann im See ertrunken und nicht mehr aufgetaucht war, hatte ihm natürlich nichts ferner gelegen als der Kauf eines Surfbretts. Dagegen wäre der Kauf eines staubsaugenden Roboters (799,— Euro) sicher auf jeden Fall eine gute Idee, auch einen Video-Beamer für die Filmabende mit seinem Freund Andreas, der bald aus der Kur zurückkommen wird, könnte er gut gebrauchen (1167,— Euro). Wenn Christel noch am Leben wäre, hätten sie sich zu Weihnachten vielleicht gemeinsam eine neue Videokamera geleistet (1545,— Euro) oder ein Tablet mit ausreichendem Speicherplatz (709,— Euro), das man auf Reisen leichter mitnehmen könnte als den Computer — aber das waren Dinge, auf die er leicht auch verzichten konnte. Dagegen stand sein Plan, im Frühling endlich einen sogenannten Aufsitzrasenmäher zu kaufen (999,— Euro bis 2999,— Euro), eigentlich fest.

Jedenfalls bis vor fünf Minuten.

Wie groß, hast du gesagt, ist deine Familie?

Meine Mutter, meine Schwester und zwei jüngere Brüder.

Also vier Personen?

Ja.

Was würden sie auf so einem Grundstück anpflanzen?

Plantains, Cassava.

Und damit wären sie unabhängig?

Einen Teil der Ernte würde meine Mutter verkaufen oder gegen andere Dinge eintauschen, die sie braucht, und der Rest wäre für die Familie selber zum Essen.

Was würdest du sagen, wenn ich dir für deine Familie ein solches Grundstück kaufe?

Richard erwartet nun einen vielleicht zuerst ungläubigen, dann vor Begeisterung fassungslosen, aber schließlich ganz und gar glücklichen Afrikaner, einen Afrikaner, der vor Erleichterung Luftsprünge macht, Richard umarmt oder zumindest vor Rührung in Tränen ausbricht.

Nichts aber von alledem geschieht.

Karon ist ganz ruhig und sehr ernst und sieht so aus, als ob er angestrengt nachdenkt.

Du müsstest dir zumindest um deine Familie keine Sorgen mehr machen.

Karon sagt immer noch nichts.

Was ist das Problem?

Es dauert ein Jahr, bis man zum ersten Mal ernten kann.

Karon hat recht.

Aber noch etwas anderes versteht Richard in diesem Moment: dass Karons Sorgen ihn schon so aufgefressen haben, dass er sogar Angst davor hat, zu hoffen.

44

Und dann ist das neue Jahr da. Die zwanzigjährigen Freundinnen der zwanzigjährigen Freundin von Peter haben getanzt und getrunken, haben sich über Frisuren unterhalten, über den neuen Film, der im Kino» International «läuft, über den Schnurrbart einer Popsängerin, über Bands, von denen Richard noch nie gehört hat, aber auch über Richard Wagner, Harry Potter, Kierkegaard, Virginia Woolf, schöne Männer und das neue Einkaufszentrum am Alex. Haben einigen der vorhandenen Gäste Zungenküsse gegeben, dann zu fortgeschrittener Stunde gestritten, eins von den Mädchen ist kurz vor Mitternacht in Tränen ausgebrochen und musste von ihrer besten Freundin getröstet und in den Arm genommen werden, einer von den jungen Männern hat zu viel getrunken und ist beim Hinausgehen auf den Balkon über die Schwelle gestolpert, ist hingefallen, hat geblutet und brauchte noch knapp im alten Jahr ein Pflaster quer über die Nase. Wie lang ist es her, dass Richard so jung war? Sein Freund Peter hat gute Figur gemacht, hat mit seiner Freundin, die auf den schönen Namen Marie hört, zum Queen-Song» We are the Champions «getanzt, und Richard hat sich gefragt, ob Marie einfach nur so nett ist, die Musik zu spielen, die ihren über dreißig Jahre älteren Freund an seine Jugend erinnert, oder ob ihr das Lied wirklich so gut gefällt.

Während pünktlich um 12 Uhr die Sektkorken knallen, Gäste sich um den Hals fallen, Raketen abgeschossen und Wunderkerzen geschwenkt werden, steht Richard einfach nur da und fragt sich, was das eigentlich ist: so ein Jahresanfang. Noch nie hat er so recht verstanden, was in der entscheidenden Sekunde eigentlich von einem abfällt — während das andere, das man noch nicht kennen kann, einem plötzlich ganz nah kommt. Früher hat er manchmal versucht, sich um Mitternacht auf die Zukunft, die in diesem Augenblick eingetreten zu sein schien, zu konzentrieren. Aber wie konzentriert man sich auf etwas, das man noch nicht kennt? Wer wird sterben? Wer wird geboren werden? Je älter er wurde, desto dankbarer war er dafür, dass es ihm ebensowenig wie anderen Menschen gegeben war zu wissen, was sein wird.

Der erste Tag in diesem neuen Jahr ist ein Mittwoch. Die meisten Beamten der Berliner Ausländerbehörde haben daher beim Übergang vom alten zum neuen Jahr die Gelegenheit genutzt, mit nur zwei Urlaubstagen beinahe eine ganze Woche Ferien zu gewinnen. Erst am Montag, dem 6. Januar, betreten sie wieder ihre Büros und drehen das Rädchen auf dem Jahresstempel um eine Zahl weiter, blättern in Ordnern und Papieren, tippen dies und tippen das, verschicken am Dienstag einige Briefe. Am Mittwoch, dem 8., treffen im Spandauer Heim und auch im Friedrichshain und im Wedding die Listen mit den ersten 108 Namen derer ein, die am Freitagmorgen, dem 10., ihr bisheriges Heim verlassen sollen, um zum Beispiel nach Magdeburg, oder in ein Containerwohnheim am Rande von Hamburg oder in ein bayrisches Bergdorf zurückzukehren, wo sie vor etwa zwei Jahren in Unkenntnis der europäischen und der deutschen Regelungen mehr oder weniger zufällig einen Antrag auf Asyl gestellt haben. Von wo sie vor zwei Jahren nach Berlin aufgebrochen sind, um gegen das Gesetz, das ihnen den Aufbau einer selbständigen Existenz und sogar den Ortswechsel innerhalb Deutschlands während des Asylverfahrens verbietet, zu protestieren. Das Gesetz ist noch immer das Gesetz und hat nun am Freitag ab acht Uhr seine große Stunde. Zwar darf man die Flüchtlinge, deren Namen auf der Liste stehen, nicht zwangsweise in den oder jenen abgelegenen Ort, der für sie zuständig ist, transportieren, aber zumindest die Räumung der bisher von ihnen bewohnten Zimmer in den Berliner Heimen ist nun von Gesetzes wegen Sache der Polizei.

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