Gehen, ging, gegangen
- Автор: Erpenbeck Jenny
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Albrecht Knaus Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Gehen, ging, gegangen». Краткое содержание книги:
Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.
Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.
Osarobo antwortet nicht. Pling, pling, pling. Quintparallelen sind in der abendländischen Musiktradition schon seit 600 Jahren verboten.
Erst jetzt fällt Richard ein, dass er ja noch ein Weihnachtsgeschenk für den zukünftigen Straßenmusiker hat: das Rollklavier, er hätte es beinahe vergessen.
I appreciate that very much.
Sie rollen es auf dem Küchentisch aus, stecken den Stecker ein und probieren die verschiedenen Register: Schlagzeug und Englisch Horn, Saxophon oder Harfe.
Es funktioniert auch mit Batterien, sagt Richard.
Oh, very good.
Und mit den Tasten hier, sagt Richard, kann man einen Rhythmus unterlegen: zum Beispiel Chachacha oder Tango.
Erst in der Pause zwischen Walzer und Marsch hört er, dass es an der Tür klingelt: Sylvia und Detlef hatten, so sagen sie, spontan die Idee, ihn zu besuchen.
Was ist denn bei dir los — Tanztee?
Das sind Sylvia und Detlef, sagt er zu Osarobo, als er sie in die Küche führt, meine ältesten Freunde, und das ist Osarobo.
Osarobo steht auf und gibt den beiden die Hand, aber sein Blick flackert hin und her, es sieht so aus, als wäre er gern irgendwo anders, wo nicht zwei fremde Menschen auf einmal zur Tür herein kommen.
Spiel ruhig noch weiter, sagt Richard, wir setzen uns derweil ins Wohnzimmer, reden ein bisschen, und dann fahr ich dich nach Hause.
Nein, nein, sagt Osarobo, it’s okay. Ich fahr mit der S-Bahn.
Hast du eine Monatskarte?
Osarobo schüttelt den Kopf.
Richard holt, während Osarobo sich im Flur die Schuhe anzieht, 60 Euro aus seinem Portemonnaie, 57 Euro kostet die billigste Monatskarte — für Menschen, die nicht morgens vor 10 Uhr mit Bus oder Bahn fahren müssen. Hartz 4-Empfänger und Asylbewerber bekämen eine Ermäßigung, aber nicht diese Flüchtlinge, die nicht einmal Asylbewerber sein dürfen. Richard drückt Osarobo die zwei Scheine in die Hand und gibt ihm die Tasche mit dem rollbaren Keyboard.
Kennst du dich aus mit dem Weg?
Jaja. Osarobo schaut zu Boden und sagt: God bless you.
Ist schon in Ordnung.
Wie war es denn überhaupt im Weihnachtsoratorium? fragt Richard seine Freunde, als er ins Wohnzimmer zurückkehrt. Ihnen hatte er nach seiner Enttäuschung über die plötzliche Abreise des Jungen die zwei Karten gegeben.
Ach, es war wirklich schön, sagt Sylvia.
Die Arie mit dem Echo haben sie ganz toll gemacht, sagt Detlef, die andere Sängerin stand neben der Empore auf einem kleinen Balkon.
Nette Idee, sagt Richard.
43
Einen Tag vor Silvester fällt Schnee. Richard hat für Raschid, Apoll und Ithemba, die alle drei, wie er inzwischen weiß, am 1. Januar Geburtstag haben, Winterpullover in verschiedenen Farben zum Geburtstag gekauft. Als er mit der großen Einkaufstüte in der Hand eben vom Eingang zum Haus hinüber über den Hof stapfen will, erkennt er in der Gestalt, die in der Kälte auf der Bank sitzt, den Dünnen. How are you? Good. Ist es nicht zu kalt, um hier draußen auf einer Bank zu sitzen? Ich habe auf dich gewartet. Woher sollte der Dünne, den er seit Wochen nicht gesehen hat, wissen, dass er ausgerechnet heute über den Hof kommen würde? Egal.
Can I show you something?
Sicher.
Der Dünne zieht aus der Brusttasche seiner Jacke eine Vorladung zur Polizei: Zur erkennungsdienstlichen Behandlung.
Was ist denn passiert? fragt Richard.
Sie haben mich vorgestern am Alexanderplatz kontrolliert und gesagt, das sei nicht ich auf dem Foto.
Der Mann auf dem Foto sieht wirklich ganz anders aus, aber vielleicht war der Dünne nicht immer so dünn wie jetzt. Richard liest den Namen: Karon Anubo.
Du heißt wirklich Karon?
Ja, sagt der Dünne.
Polizeirevier Mitte, Zimmer 104, Fr. Lübcke, Mo — Fr 9 bis 16 Uhr ohne vorh. Anmeldung, steht auf dem Papier.
Ich bring dich mit dem Auto, sagt Richard.
Es ist Stau in der Stadt, so wie immer, wenn in Berlin zum ersten Mal im Jahr Schnee fällt, Straßenbahnen stehen mit geöffneten Türen irgendwo auf den Schienen, Autofahrer schreien sich an. Hier und da hört man ein scharfes Pfeifen und kurz darauf die Explosion einer Rakete, weil manche die Silvesternacht nicht abwarten können. Anderthalb Stunden fährt Richard mit Karon quer durch Berlin, von Spandau bis zum Polizeirevier Mitte, biegen Sie rechts ab, biegen Sie links ab, fahren Sie geradeaus über den Kreisverkehr, zweite Ausfahrt.
Danke, dass du mich bringst, sagt Karon, ich hätte mir sonst eine Fahrkarte kaufen müssen.
Hast du kein Monatsticket?
Normally I send 150 Euro to my mom, my sister and my brothers. Aber diesen Monat habe ich noch einmal 50 Euro extra geschickt, weil mein Bruder sich bei der Arbeit auf dem Feld mit der Cutlass geschnitten hat und ins Krankenhaus musste.
Das tut mir leid. Aber hätte nicht irgendwer anders ihm helfen können?
Culture, sagt der Dünne.
Kultur?
Das heißt, es gehört sich so: Der älteste Sohn muss für die Familie sorgen.
Wegen seiner Frau war Richard als Angehöriger einmal bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker gewesen, auch die Männer und Frauen dort hatten sich solche Geschichten erzählt, die immer an irgendeinem einfachen Punkt anfingen, und immer beim Schwierigen endeten. Da gab es den Hamster, der entwischt war und nun nicht hinter der Schrankwand hervorkommen wollte, die Schrankwand musste komplett auseinandergebaut werden. Und was lag im untersten Fach, wo man schon seit Jahren nicht mehr hingeschaut hatte, hinter der Wäsche? Unzählige leere Flaschen, dort versteckt in der Zeit der Sucht. Und dann war der Durst plötzlich wieder da.
Indirekt sind die Wirkungen, nicht direkt, denkt Richard, wie er es in der letzten Zeit schon öfter gedacht hat.
Wie alt ist dein Bruder?
Dreizehn, sagt der Dünne.
Polizeirevier Mitte, auf der Vorladung steht: Mo-Fr 9 bis 16 Uhr, ohne vorh. Anmeldung. Als sie anlangen, ist es Dienstag, 15.25 Uhr. Aber Frau Lübcke, sagt die Frau am Anmeldefenster, ist heute nicht da. Warum nicht? Ist auf Außendienst. Hier steht aber: Mo-Fr, 9 bis 16 Uhr ohne vorh. Anmeldung. Richard ärgert sich so, dass er das» vorh. «abgekürzt spricht, so wie es dasteht, er bellt das» h «durch das perforierte Sprechsieb hindurch. Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass Frau Lübcke nicht da ist. Und jetzt? Müssen Sie nochmal wiederkommen, tut mir leid. Und wenn Herr Anubo jetzt allein hierhergefahren wäre? Von Spandau? Hin und zurück, Zone A und B? Es tut mir sehr leid. Es tut der Polizeibeamtin nicht leid, und schon gar nicht sehr leid, das kann Richard sehen, aber Frau Lübcke jedenfalls ist nicht zu sprechen.
Als sie wieder in Spandau anlangen, ist es schon dunkel, nach einer Geburtstags-Vorfeier mit drei Jubilaren ist Richard jetzt nicht mehr zumute, schon auf der Rückfahrt hat er beschlossen, die Pulloverübergabe ins neue Jahr zu verschieben. Bevor er den Dünnen vor dem Heim aussteigen lässt, sitzen sie noch ein paar Minuten im Auto und reden.
Wenn ich nach dem Interview nicht in Deutschland bleiben kann, sagt Karon, wo soll ich dann hingehen? Wo soll ich in Italien eine Arbeit finden? Wie soll ich meine Mutter und meine Geschwister ernähren? Wo auf der Welt ist der Platz, wo ich mich in Ruhe zum Schlafen hinlegen kann? Das Problem ist sehr groß, sagt Karon. Ich habe keine Frau und keine Kinder, sagt er — ich bin klein. Aber das Problem ist sehr groß, es hat eine Frau und viele, viele Kinder.
Die Afrikaner müssen ihre Probleme in Afrika lösen, hat Richard in letzter Zeit häufig Leute sagen hören. Hat Leute sagen hören: Dass Deutschland überhaupt so viele Kriegsflüchtlinge aufnehme, sei sehr großzügig. Im gleichen Atemzug sagen sie: Aber wir können nicht ganz Afrika von hier aus ernähren. Und sagen außerdem: Die Armutsflüchtlinge und Asylbetrüger nehmen den wirklichen Kriegsflüchtlingen, das heißt also den Kriegsflüchtlingen, die auf direktem Wege nach Deutschland kommen, die Plätze in den Asylbewerberheimen weg.