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Gehen, ging, gegangen

Электронная книга - «Gehen, ging, gegangen». Краткое содержание книги:

Entdeckungsreise zu einer Welt, die zum Schweigen verurteilt, aber mitten unter uns ist
Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.
Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.
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Am Abend hört er in den Nachrichten, dass die in Berlin-Friedrichshain untergebrachten Flüchtlinge der Oranienplatz-Gruppe zum Protest gegen ihre Ausweisung aus Berlin seit gestern acht Uhr die oberste Etage ihres Hauses besetzt hätten, einige von ihnen seien aufs Dach gestiegen und drohten damit, sich hinunter zu stürzen. Es heißt, alle übrigen Etagen des Hauses seien geräumt und abgesperrt worden.

Als Richard am nächsten Morgen im Spandauer Heim eintrifft, ist nur Raschid in seinem Zimmer. Er liegt in seinem Bett, winkt Richard aber herein: How are you? Ja, die anderen seien im Friedrichshain, um die Freunde zu unterstützen, aber er könne einfach nicht mehr. Er hebt eine durchsichtige Plastiktüte in die Höhe, die voller Medikamentenschachteln ist.

Kennst du die, die auf dem Dach stehen? fragt Richard.

Klar, sagt Raschid, wir waren ja alle zusammen auf dem Oranienplatz. Die haben nichts zu verlieren.

Wie soll das alles denn weitergehen?

I don’t know. Dreimal hab ich in den letzten acht Wochen versucht, den Innensenator persönlich zu sprechen. Von Mann zu Mann. Three times.

Und?

Er hatte Sitzungen oder war nicht im Haus. Wir haben sogar schriftlich um einen Termin gebeten, aber er hat nie reagiert.

Einen Blitzeschleuderer antichambrieren zu lassen, ist sicher die hohe Schule der Diplomatie, denkt Richard. Ein ermordeter Vater und zwei ertrunkene Kinder machen einen Abschluss in Wirtschafts- und Sozialwissenschaft nicht wett, eine Gruppe von Flüchtlingen ist kein Volk, und ein Anführer, der sich für seine Leute einsetzt, kein Staatsoberhaupt. Das Praktische an einem Gesetz ist, dass niemand es persönlich gemacht hat und daher auch niemand persönlich dafür zuständig ist. Ein Politiker, der heutzutage an einem Gesetz dies und das ändern will, kann es natürlich versuchen, aber einer, der nichts ändern will, kommt ebensogut durch — und womöglich mit mehr Eleganz.

Vielleicht hätte man gestern auch hier in Spandau irgendeine Protestaktion machen müssen, sagt Richard.

Wir haben das überlegt, sagt Raschid. Aber hier sind doch die Kinder.

Verstehe, sagt Richard. Und dann sagt er eine lange Zeit nichts mehr.

In der Stille, die eintritt, fallen Raschid die Augen zu, er schläft ein.

Richard sitzt noch eine Weile neben ihm, so wie er vor Jahren neben seiner noch atmenden Mutter gesessen hat.

Irgendwann steht er auf, geht hinaus und zieht leise die Tür hinter sich zu.

Auf der Rückfahrt ruft Anne ihn an und sagt: Hast du schon von denen gehört, die auf dem Dach stehen und protestieren? Richard sagt: Ja. Einer der Flüchtlinge, sagt sie, hat von oben hinuntergepinkelt, alle regen sich fürchterlich darüber auf, weißt du das auch schon? Richard sagt: Nein.

Es ist schön, wenn es im Winter nach Schnee riecht. Frischem Schnee, der sich über das modrige Laub gelegt hat. Das Gartentor aufschließen, die Luft tief einatmen, so macht er es seit zwanzig Jahren, wenn er nach Hause kommt. Zwanzig Jahre lang war schon Winter in diesem Garten, hat es so gerochen, hat er so das Gartentor aufgeschlossen und hinter sich wieder zugeschlossen.

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