Gehen, ging, gegangen
- Автор: Erpenbeck Jenny
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Albrecht Knaus Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Gehen, ging, gegangen». Краткое содержание книги:
Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.
Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.
Zum Frühstück gab es immer Yam, Plantains oder Eier.
Um acht Uhr gingen wir aus dem Haus, ich brachte die Kinder zur Schule. Ahmed, beinahe schon drei, und Amina, fünf Jahre alt. Von zu Hause bis zur Schule war es ungefähr so weit wie vom Oranienplatz bis zum Wedding. Meine Frau musste zum Arbeiten in ein anderes Viertel.
Meine Firma war in der Nähe der Schule. Zwei Gebäude, außen zwar nicht verputzt, aber innen. Und ein Hof. Beinahe genauso groß wie die Firma, die ich in Kaduna hatte. Die Miete 500 Dinar, das sind ungefähr 300 Euro.
Halb eins oder eins, wenn die Schule vorbei war, kamen die Kinder zu mir. Ahmed und Amina. Zogen ihre Schuluniformen aus und ihre normalen Kleider an, um bei mir zu spielen, bis es Zeit war, um nach Hause zu gehen. Ich passte immer gut auf, dass sie nicht direkt in der Werkstatt spielten, damit sie den Metallstaub nicht in die Augen bekamen.
Manchmal holte meine Frau uns am Nachmittag ab, manchmal trafen wir uns erst zu Hause.
Das Abendbrot hab immer ich gekocht. Der Kleine durfte von meinem Teller essen. Danach gingen die Kinder zu Bett. Und gegen halb elf dann wir selber. Manchmal ist der Kleine nachts noch einmal zu uns gekommen. Er hat immer viel geträumt. Ahmed. Dann ließ ich ihn bei mir schlafen, und meine Frau ging für den Rest der Nacht ins Kinderzimmer zu unserer Tochter. Amina.
Der Pfefferminztee ist wahrscheinlich schon kalt. Richard sitzt ganz still, während er zuhört, und kommt nicht im entferntesten auf die Idee, nach seiner Tasse zu greifen. Er weiß, dass diese Erzählung von Raschid so etwas ist wie ein Geschenk.
Vorher hatte es schon einmal Unruhen gegeben, da waren wir fünf Tage im Haus geblieben und nicht nach draußen gegangen.
Aber an dem Tag war zuerst alles normal. Ich habe ein großes Metalltor für eine Einfahrt fertig gemacht. Zwei Tage brauche ich für so ein Tor. Am frühen Nachmittag wurde es abgeholt und ich bekam die dritte Rate dafür, 500 Dinar. Die Kinder spielten bei mir im Hof.
Dann rief meine Frau mich von ihrer Arbeitsstelle aus an, es sei etwas im Gange, sie habe Angst, allein nach Hause zu gehen. Ich sagte: Ich hol dich. Ich wusste nicht, dass sie das Viertel, in dem meine Firma war, auch schon blockweise abgesperrt hatten. Wir kamen nicht mehr durch. Die Soldaten brachten mich, meine Kinder und auch drei schwarze Angestellte von mir in ihr Lager. Ahmed war damals beinahe schon drei, und Amina war fünf.
Einige von den Satzfetzen, die Richard jetzt hört, kennt er schon, gesprochen von Tristan: Überall Tote auf den Straßen. Überall Blut. Baracken. Nicht nur Männer, auch Frauen, Kinder, Säuglinge, alte Menschen. Broke the memory. Die Soldaten, sagt Raschid, haben mir das Geld, das ich für das Tor bekommen hatte, und auch alles Kleingeld, das ich in der Hosentasche hatte, abgenommen. Ich war ja noch in Arbeitskleidung. Eigentlich hatte ich ein Konto bei einer Libyschen Bank. Vielleicht gibt’s das noch immer. Die Nummer ist 2074.
Richard schaut auf die still brennenden roten Kerzen und nickt mit dem Kopf, obwohl das Nicken an dieser Stelle eigentlich gar keinen Sinn ergibt.
Fünf Tage waren wir in den Baracken, es gab Bombenangriffe der Europäer und wir hatten Angst, dass die Bomber das Camp, in dem wir gefangengehalten wurden, für ein Waffendepot halten. Vor allem die Kinder hatten schreckliche Angst, und ich wusste nicht, wie ich erklären soll, warum ihre Mutter nicht da ist.
Nach fünf Tagen mussten wir auf das Boot. Insgesamt etwa 800 Leute. Zair war auch mit dabei. The Europeans bomb us — so we’ll bomb them with blacks, hat Gaddafi gesagt. Wir bombardieren Europa mit Schwarzen.
Raschid sieht sehr müde aus. So müde, dass Richard ihn fragt, ob er sich hinlegen will.
Nein, nein, sagt Raschid. Ich kann nachts oft nicht schlafen, aber es geht schon.
Einer ist vom Boot gesprungen und hat versucht, zurück zum Ufer zu schwimmen, den haben sie noch im Wasser erschossen.
Für die ersten sieben Tage reichte das Essen und Trinken, das wir an Bord hatten. Es gab sowieso nicht viel, aber schließlich haben wir Erwachsenen ganz aufgehört zu essen und zu trinken, und den Rest nur noch den Kindern gegeben.
Dann fiel der Kompass aus.
Drei Tage fuhren wir einfach herum, ohne die Richtung zu wissen. Der Kapitän übersah nachts ein paar Bojen, da schrammte das Boot über Felsen. Der Motor ging kaputt. Panik brach aus.
Zwei Tage schaukelte das Boot wild hin und her. Wir konnten es nicht mehr lenken, und wir hätten auch nicht gewusst, wohin.
Fünf Tage insgesamt ohne Essen und Trinken. Es ging uns allen sehr schlecht. Einige sind gestorben. Und die, die noch lebten, hatten überhaupt keine Kraft mehr. Ich war so schwach. So schwach. Ich hab alles nur noch verschwommen gesehen.
Aber dann war plötzlich das Rescue-Boot da.
Es gab einen Tumult. Die vom Rettungsboot wollten uns helfen, sie warfen Essen und Wasserflaschen zu uns herüber, alle versuchten, etwas zu fangen, und das Boot geriet dadurch ins Schwanken.
Und dann kippte es plötzlich um.
Einfach so.
Von einem Moment auf den andern.
Es ging so schnell.
Innerhalb von fünf Minuten, nicht länger, innerhalb von nur fünf Minuten waren hunderte, hunderte Menschen tot. Die, neben denen ich eben noch gesessen hatte. Mit denen ich eben noch gesprochen hatte.
Cut, denkt Richard. Cut.
Ich kann nicht schwimmen, aber ich habe irgendwie ein Kabel zu fassen bekommen.
Manchmal war ich über, manchmal unter Wasser.
Unter Wasser habe ich all die Leichen gesehen.
Raschid sagt jetzt eine Weile nichts. Und Richard muss auch nichts fragen. Die Adventskerzen brennen. Die Pyramide ist dunkel und steht.
Ungefähr 550 von den 800 Leuten sind ertrunken. Die meisten konnten nicht schwimmen, und die Leute, die unter Deck waren, kamen nicht so schnell heraus, dort war alles sofort geflutet. Fischer kamen mit ihren Kuttern, um uns zu helfen, aber da waren schon viele tot. Und die größeren Rettungsboote konnten nicht näher an uns heran — wegen der Klippen. Die Fischer zogen uns in ihre Boote. Alle weinten und schrien. Wir, und auch die Fischer. Ein Junge ist gerettet worden, aber seine Eltern und sein Bruder sind ertrunken. Viele suchten ihren Mann, ihre Frau. Alle weinten und schrien.
Noch eine Woche, nachdem wir an Land waren, bin ich nachts aufgewacht und habe geglaubt, ich sei unter Wasser. Meine Frau hat sich an dem Tag, als ich sie in Tripoli nicht von ihrer Arbeit abholen kam, in ein Büro der UN gerettet. Am Telefon habe ich ihr sagen müssen, was passiert ist. Ich stand in einer Telefonzelle in Agrigento. Vor einem Jahr hat sie sich von mir scheiden lassen. Sie lebt jetzt in Kaduna und hat einen neuen Mann. Sie ist wieder schwanger.
Noch heute denke ich manchmal, eins von unseren Kindern käme plötzlich zur Tür herein.
Nach einer ziemlich langen Pause, in der die beiden Männer auf den schwarzen Fernseher starren, als wäre da irgendetwas zu sehen, sagt Richard:
Könntest du mir eine Skizze von dem Tor machen, das an dem Tag gerade fertig geworden ist?
Aber ja, sagt Raschid, you know, this was my work.
Und während er die ersten Linien auf den kleinen karierten Block zu zeichnen beginnt, den Richard ihm vom Schreibtisch geholt hat, sagt er:
You know — the measurement is always the first thing to do. Das Maßnehmen ist immer das erste, was man macht.
Dann zeichnet er, korrigiert, zeichnet weiter, bis Richard deutlich erkennen kann, wie das Tor ausgesehen hat, das Raschid für seinen letzten Auftrag in seinem Leben als Schlosser gebaut hat, und das sicher immer noch irgendein libysches Grundstück abschließt.
And in the end I put the design in the middle. Wenn du mich arbeiten sehen könntest, sagt Raschid, der Schlosser, den Richard, wie er jetzt merkt, mit vollem Recht immer den Blitzeschleuderer genannt hat, wenn du mich arbeiten sehen könntest, sähest du einen ganz anderen Raschid. A complete other Raschid. Weißt du, sagt er, Arbeiten ist für mich so natürlich wie Atmen.