Gehen, ging, gegangen
- Автор: Erpenbeck Jenny
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Albrecht Knaus Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Gehen, ging, gegangen». Краткое содержание книги:
Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.
Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.
Und obgleich der vierte Advent schon vorbei ist, steckt er, damit er morgen dem Fremdling erklären kann, was Advent überhaupt heißt, in den gläsernen Kranz, der seit fünf Jahren auf dem Wohnzimmertisch steht, vier rote Kerzen. Am Vormittag des 24. dann schmückt er den Baum und baut schließlich, während die Gänsekeulen schon im Ofen schmoren, auch noch die große erzgebirgische Pyramide auf, deren Propeller ihn, wenn sie auf dem Tisch steht, um zehn Zentimeter überragt. Die kleinen hölzernen Engel kommen in die oberste Etage, auf die mittlere Scheibe dann Maria, Josef, die Rindviecher, Esel, Lämmer, Hirten, Könige aus dem Morgenland und natürlich die Krippe mit dem winzigen Jesus darin. Dorthin, wo in der Pyramide unter Tage sein soll, gehört die Bergarbeiterkapelle: auf die größte, unterste Scheibe. Wenn man nicht alles sorgfältig austariert, bringt ein wankender Engel alles, selbst die Bergleute, ins Schleudern, oder bringt im Gegenzug dazu ein Bergmann, dessen Trommel vielleicht ein paar Gramm schwerer ist als die Querflöte seines Kollegen auf der gegenüberliegenden Seite, bringt dieser Bergmann nicht nur die Kollegen, sondern auch Maria und Josef und schließlich sogar die himmlischen Heerscharen zu Fall, ja, wenn man ungeschickt ist, setzt sich das Umstürzen der Figuren auf den nur leicht aufliegenden Platten durch die Heilige Familie hindurch von oben nach unten, oder genauso von unten nach oben fort, purzeln Lämmer aufs Christkind, fällt Maria ins Bergwerk hinein, mit ihrem hellblauen Jungfrauenkleid an den Rand, dort auf den wirren Haufen, wo ein erzgebirgischer Trompeter, ein Trommler, ein Tambourmajor schon hingerutscht sind, die Instrumente verheddert in die Heiligenscheine ein paar kleiner, pausbäckiger, aus dem Himmel herabgestürzter Englein, und das alles nur, weil Richard vielleicht einen Moment lang unachtsam war, oder weil seine Hände viel größer sind, als die seiner gestorbenen Frau, die die Aufstellung früher immer gemacht hat, und er beim Herumfuhrwerken deshalb irgendwo anstößt, oder einfach auch nur, weil er das Gewicht der Figuren falsch eingeschätzt hat.
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Wie leergefegt ist die Welt am Nachmittag, kurz vor dem Heiligen Abend. Auf dem Weg aus dem Asylbewerberheim in die Vorstadt fragt Raschid beim Blick aus dem Autofenster: Die Felder hier — gehören die der Regierung, dem government? Nein, ich glaube nicht, sagt Richard. Junkerland in Bauernhand. Was die Bodenreform war, könnte er noch erklären, aber was eigentlich nach ’89 aus den LPGs geworden ist, weiß er selbst nicht. Kann aus einem sozialistischen Kollektiv ohne viel Mühe eine GmbH gemacht werden? Hat die Planwirtschaft Ähnlichkeit mit einem Konzern? Das muss er seinen Freund Thomas, den Wirtschaftsprofessor, bei Gelegenheit fragen. Als das Metalltor zu Richards Grundstück automatisch auffährt, sagt Raschid: Solche Tore hab ich gebaut — das war meine Arbeit. Als Raschid den See sieht, fragt er: Wie lange gibt es den schon? Richard versteht die Frage nicht. Na, wann hat man den gemacht? Wer soll denn den See gemacht haben? Na, die Regierung — the government. Nein, sagt Richard, den See gibt es schon seit ein paar Millionen Jahren, seitdem hier das letzte Mal Eiszeit war. Ein paar Millionen Jahre — wirklich? fragt Raschid und schüttelt ungläubig den Kopf.
Und dann steht der atheistische Richard, der eine evangelische Mutter gehabt hat, mit seinem muslimischen Gast vor dem illuminierten, heidnischen Weihnachtsbaum, auf den, das war bei Richard und seiner Frau immer die Regel, nur Kerzen aus echtem Wachs aufgesteckt sind. Der Thomaschor singt, die Gänsekeulen sind warmgestellt, die Klöße werden bald aufsteigen und der Rotkohl brodelt, mitsamt Essig und Nelken. Und nun soll sich der Gast, weil Richard sonst kein Geschenk für ihn hat, aus dem Schrank eine Winterjacke aussuchen und probieren, es findet sich eine, die Richard immer zu groß war, aber dem Blitzeschleuderer passt und gefällt. Thank you, I really appreciate that. Zum Essen setzen sie sich, weil es praktischer ist, in die Küche: Auch wenn’s nicht ganz so feierlich ist — no, what do you think, I like it, it’s nice here, very nice! But what about the burning candles on the tree? sagt Raschid. Keine Angst, die Kerzen gehen von selbst aus, wenn sie heruntergebrannt sind, sagt Richard, als wäre diese Erfindung des Westens für ihn eine vollkommen selbstverständliche Sache. Das Essen scheint Raschid gut zu schmecken, wächst in Nigeria eigentlich Rotkohl? Danach führt Richard den Gast wie durch ein Weihnachtsmuseum von Zimmer zu Zimmer, von Engel zu Engel, erklärt ihm, was der Stern zu bedeuten hat, was ein Adventskranz ist und entzündet zum Schluss noch die Kerzen der Pyramide, die neben dem Fernseher steht. Raschid kann offensichtlich kaum glauben, dass das Wunderding nur mit der Wärme der Kerzen in Gang gesetzt wird, er wirft einen Blick hinter den kleinen Tisch, auf dem es aufgestellt ist, hält Ausschau nach einer Steckdose, einem Kabel. Richard erklärt ihm das Prinzip mit der aufsteigenden Luft und den schräg gestellten Lamellen am großen Propeller, die die Drehung bewirken. Raschid sieht eine gute Weile lang zu, wie die Bergmänner, das Viehzeug, die Hirten, die Heiligen Drei Könige, die Jungfrau Maria, das Kind in der Krippe, Josef und zuoberst die Engel sich wieder und wieder an ihm vorbeidrehen.
You know, Jesus is a prophet also in the Koran.
Ich weiß, ich weiß, sagt Richard und erinnert sich an die fünf Säulen des Islam.
Und einer ist schwarz, sagt Raschid und zeigt auf den einen der drei Heiligen Könige.
Ja, der Caspar, sagt Richard.
Hast du die Pyramide gebaut? fragt Raschid.
Nein, sagt Richard, und erklärt Raschid, während er die Kerzen nun wieder ausbläst, was das Besondere ist an einer erzgebirgischen Laubsägearbeit.
Dann stehen sie, um frische Luft zu schöpfen, einen Moment lang draußen auf der Terrasse.
Richard muss daran denken, wie seine Frau vor einigen Jahren den Gänsebraten einmal hier im Freien, auf einem Tisch direkt vor dem Fenster, kühlgestellt hat, weil der Bräter nicht in den Eisschrank passte. Als sie die Gans dann aufwärmen wollte, war der Bräter samt Gans verschwunden. Es gab also jetzt tatsächlich mitten in Deutschland Menschen, hatte er damals, einige Jahre nach der Vereinigung beider Länder gedacht, die wirklich so arm waren, dass sie anderen Leuten das Festessen stahlen. Auch der Braten seiner Nachbarn zwei Häuser weiter war damals abhanden gekommen. Die Spuren der Räuber waren im Schnee deutlich zu sehen gewesen, aber natürlich hatten weder er noch die Nachbarn Anzeige erstattet.
In diesem Jahr liegt zur Weihnacht kein Schnee, die Temperatur ist mehrere Grad über Null, gestern hat es genieselt, aber heute ist der nächtliche Himmel klar, und man sieht schon die ersten Sterne.
Mein Sohn war beinahe drei, und meine Tochter schon fünf Jahre alt, sagt Raschid.
Sind sie noch drüben? fragt Richard.
Ganz am Anfang, sagt Raschid, als ich nach meiner Flucht aus Kaduna zuerst in Agadez ankam und von dort aus nach Libyen weiterwollte, wusste ich nicht einmal, was Schlosser auf Arabisch heißt oder auf Englisch, sagt Raschid. Ich bin ja Schlosser.
Wollen wir wieder reingehen? fragt Richard.
Wir hatten in Tripoli auch so ein Wohnzimmer, auch so einen Salon wie den hier, und dazu drei Schlafzimmer, Flur, Bad und Küche, sagt Raschid, als sie drin auf dem Sofa sitzen. Die Pyramide steht still. Weil Raschid kein Bier trinken wollte, hat Richard für sie beide eine Kanne mit Pfefferminztee gemacht und die vier roten Kerzen angezündet, auch wenn der Advent nun vorbei ist.