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Das Dorf der verschwundenen Kinder

Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:

Über dieses Buch
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
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»Bitte?«

»War er so alt wie damals, oder sah er fünfzehn Jahre älter aus?«

»Weiß nicht, Sir. Hab nicht gefragt.«

Pascoe schüttelte gereizt den Kopf. Die kühlende Wirkung von Haus und Getränk ließ in der unangenehm heißen Luft rapide nach.

»Sie wissen, daß ich noch mal mit ihr reden muß, oder?« fragte er. »Ich brauche eine ordentliche Aussage.«

»Ja, Sir. Aber noch nicht gleich, Sir«, bat Clark inständig.

»Verzeihen Sie, wenn ich persönlich werde, aber … haben Sie etwas mit Mrs. Hardcastle?«

»Nein«, entfuhr es Clark. Dann fügte er etwas ruhiger hinzu: »Jedenfalls nicht mehr. Früher mal, vor langer Zeit, da war … etwas. Aber sie hatte drei Kinder, es schien nicht recht, auch wenn sie und Cedric … na ja, wer weiß, was passiert wäre. Was tatsächlich passierte, war die Sache mit Jenny. Und das war’s dann. Einige Frauen wären nach so was vielleicht erst recht ausgebrochen. Sie sah es als eine Art gerechte Strafe an. Und so, wie es Cedric mitnahm, wußte sie, daß sie ihn nie verlassen würde, egal, was kommt. Sie hat’s mir so gesagt, obwohl sie das eigentlich nicht mußte. Ich konnte es seh’n … Also sind wir jetzt Sergeant Clark und Mrs. Hardcastle. Aber ich werd nicht zulassen, daß ihr jemand weh tut, Sir. Egal, wer.«

Er klang trotzig.

»Das freut mich zu hören«, sagte Pascoe. »Hören Sie, das beste ist vermutlich, wir vernehmen sie noch einmal unten in der Zentrale, wenn Mr. Dalziel zurück ist. Gehen Sie wieder rein und sagen sie ihr, daß wir sie dort in … sagen wir, zwei Stunden sehen wollen. Bis dahin haben wir genug Zeit, den Superintendent zu verständigen.«

»Ich werd sie fragen, Sir.«

»Nicht fragen – auffordern«, entgegnete Pascoe barsch. »Mitten in einer solchen Untersuchung ist keine Zeit für persönliche Gefühle, Sergeant.«

Würde Clark sich als Hemmschuh erweisen? fragte er sich. Allmählich griff das Dendale-Syndrom um sich. Wie beim Golfkrieg-Syndrom: schwer zu definieren, aber unmöglich zu leugnen, wenn man erst einmal einige Leute getroffen hatte, die darunter litten. Der Dicke womöglich inbegriffen.

Es wäre ihm lieber, wenn Dendale keine Rolle spielen würde, aber alle Wege schienen dorthin zurückzuführen, und bevor er nicht ein Schild sah, das eindeutig in die andere Richtung zeigte, sollte er dieser Richtung folgen, und sei es nur, um sicherzugehen, daß es eine Sackgasse ist.

Er sagte: »Sergeant.«

Clark, der langsam auf das Bauernhaus zuging, wandte ihm sein unglückliches Gesicht zu. »Sir?«

»Dieser Kerl, Benny Lightfoot – wem hat er nahegestanden?«

»Keiner Menschenseele«, meinte Clark. »War ’n richtiger Einzelgänger.«

»Falls er also wirklich zurückgekommen ist, dann wäre da nichts oder niemand Bestimmtes, wo er hingehen würde?«

»Nur Dendale, und da ist jetzt nix mehr für ihn da, nicht mal nach der Dürre. Alle Gebäude wurden niedergewalzt, bevor sie das Tal geflutet haben – auch Neb Cottage, wo er mit seiner Großmutter gewohnt hat.«

»Seine Großmutter. Sie sagten, sie habe einen Schlaganfall erlitten. Was genau ist mit ihr passiert?« erkundigte sich Pascoe.

»Sie stellte sich stur und sagte, sie müßten sie schon aus ihrer Hütte raustragen. Und das mußten sie dann am Ende tatsächlich tun«, erzählte Clark. »Sie hatte sich verbarrikadiert. Ich bin raufgegangen, um sie zur Vernunft zu bringen, und da sah ich sie durchs Fenster auf dem Boden liegen. Ein paar Stunden länger, und sie wär wahrscheinlich hops gewesen.«

»Wie gut, daß Sie so beharrlich waren.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob sie das genauso sah«, meinte Clark. »Ich hab sie im Krankenhaus besucht, und sie schien mir nicht besonders dankbar.«

»Ist sie wieder gesund geworden?«

»Kommt drauf an, wer mit ihr spricht«, sagte Clark und schmunzelte bei der Erinnerung. »Bei jeder offiziellen Frage über Benny verlor sie sowohl Sprache als auch Gedächtnis. Sie war ein bißchen durcheinander und hatte Probleme, die richtigen Worte zu finden, aber es ging ihr bald gut genug, um die Schwestern zu tyrannisieren. Sie wären sie bestimmt gern schon eher wieder losgeworden, aber sie mußten erst einen Platz für sie finden. Sie konnte sich nicht mehr selbst versorgen. Zwar konnte sie irgendwann wieder einigermaßen sprechen, aber sie blieb halbseitig gelähmt. Also mußte sie in ein Pflegeheim, und sie machte ein furchtbares Theater, als das Sozialamt anfing, Heime vorzuschlagen.«

»Aber letztendlich ist sie in eins gegangen?«

»Nein. Eine Nichte tauchte auf. Irgendwo aus der Nähe von Sheffield. Meinte, sie würde sie nehmen. Und das war das letzte Mal, das sie jemand hier geseh’n hat.«

»Vielleicht lebt sie ja noch«, meinte Pascoe.

»Sie wär schon ganz schön alt, aber sie gehört zu denen, die ewig leben, wenn sie denken, daß die andern nur auf ihren Tod warten.«

»Sie können sich nicht zufällig an den Namen der Nichte erinnern?«

»Nein. Aber beim Sozialamt gibt’s vielleicht noch eine Akte.«

»Je nachdem, wer sich damals darum gekümmert hat«, meinte Pascoe ohne großen Optimismus.

»Das kann ich Ihnen sagen. Eine Frau namens Plowright.«

»Sie meinen Jeannie Plowright, die jetzige Bezirksleiterin des Sozialamts?« fragte Pascoe mit neu gewonnener Hoffnung.

»Tja, sie hat ’ne stelle Karriere gemacht«, sagte Clark. »Das dacht ich mir gleich. Jeder, der es mit der alten Mrs. Lightfoot aufnehmen könnte, würde es bis nach oben schaffen.«

Er ging ins Haus. Pascoe zog sein Handy hervor und wählte.

»County Hall.«

»Das Sozialamt. Ms. Plowright, bitte.«

Er mußte warten, Gott sei Dank, ohne mit Musik berieselt zu werden. Dann erklang eine Männerstimme.

»Hallo?«

»Ist Jeannie da?«

»Tut mir leid, sie ist nicht im Hause. Kann ich Ihnen helfen?«

»Nein. Wann ist sie zurück?«

»Nicht vor dem späten Nachmittag, vielleicht am frühen Abend. Hören Sie, wenn es um …«

»Es geht um nichts, bei dem Sie mir helfen können«, sagte Pascoe. »Können Sie garantieren, daß sie eine Nachricht erhält?«

»Sicher, aber hören Sie …«

»Nein. Sie hören. Und zwar genau. Mein Name ist Pascoe. Detective Chief Inspector Pascoe. Sagen Sie Ms. Plowright, ich werde morgen früh um neun Uhr in ihr Büro kommen. Es geht um eine dringende und vertrauliche polizeiliche Angelegenheit, ja? Grund meines Besuchs ist Mrs. Agnes Lightfoot, ehemals wohnhaft Neb Cottage, Dendale. Haben Sie das verstanden? Gut. Danke.«

Er unterbrach die Verbindung. Wie ekelhaft! dachte er schuldbewußt. Clark zusammenzustauchen, weil er Gefühle zeigt! Und jetzt diesem armen Kerl über den Mund zu fahren, ohne in Erfahrung zu bringen, wie er heißt oder was er macht! Hundert Kilo mehr, und man könnte mich glatt mit Dalziel verwechseln.

Das Telefon klingelte.

»Hallo!« bellte er.

»Peter, ich bin’s. Hör zu, mach dir keine Sorgen, aber Rosie ging es in der Schule nicht gut, und Miss Martindale hat mich kommen lassen, und ich hab sie nach Hause gebracht und dachte, es wäre einfach zuviel Sonne gewesen oder so. Aber dann fiel mir Zandra ein, und ich rief Jill an, die sagte, Zandra gehe es noch viel schlimmer, und der Arzt sei gerade bei ihnen, und da machte ich mir doch Sorgen und rief Dr. Truman an. Der ist jetzt hier und sagt, er würde Rosie gern ins Krankenhaus schicken, damit sie ein paar Tests machen … Peter, könntest du bitte schnell herkommen … bitte …«

So hatte er Ellie noch nie gehört. Die Welt erbebte, so als hätte der große Ozean aus Heidemoor beschlossen, sich aufzuwühlen und Stirps End von seiner Sandbank zu schubsen.

Dann wurde alles still.

Er sagte: »Ich mach mich auf den Weg.«

Soviel zur harten Tour, dachte er. Soviel dazu, andere zusammenzustauchen, weil sie persönliche Gefühle und Arbeit vermischten. Dalziel hatte recht. Wenn es einen Gott gab, dann liebte er gute Witze.

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