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Das Dorf der verschwundenen Kinder

Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:

Über dieses Buch
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
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»Allein?«

»Das ist richtig.«

»Und wo waren Sie spazieren?«

»Den Leichenpfad hinauf bis zum Paß und denselben Weg wieder zurück.«

»Das dauert etwa dreißig, fünfunddreißig Minuten hin und zurück. Was haben Sie den Rest der Zeit über gemacht, Sir?«

»Ich stand am Paß und blickte auf Dendale hinunter«, sagte Wulfstan schlicht.

Die Frage »Auf was Bestimmtes?« lag Dalziel auf der Zunge, aber er sprach sie nicht aus. Der Mann versuchte zu kooperieren.

»Haben Sie auf dem Weg rauf oder runter oder von da oben aus jemanden geseh’n, Sir?«

Wulfstan neigte den Kopf nach vorn und legte seine beiden Zeigefinger auf die Stirn. Es war eine typische Denkerhaltung, aber dieser Mann strahlte dabei tatsächlich tief versunkene Konzentration aus.

»Unten in Dendale standen ein paar Fahrzeuge«, sagte er schließlich. »Am Staudamm. Aus einem stiegen einige Leute aus, vermutlich Touristen. Durch die Dürre kommen allmählich die Ruinen der alten Häuser zum Vorschein, und das zieht die Leute magisch an. Auf dem Weg selbst habe ich niemanden gesehen, tut mir leid.«

Er schickte sich an aufzustehen. Ende der Befragung. Denkste, dachte Dalziel und machte es sich im Lehnstuhl bequem.

»Geh’n Sie oft den Leichenpfad rauf, Sir?« erkundigte er sich.

»Oft? Was ist oft?«

»Die Zeugin, die Ihren Wagen geseh’n hat, sagt, sie hätte ihn in den letzten Wochen öfters geseh’n.«

»Das ist kein Wunder. Meine Firma hat eine Forschungsabteilung und ein Ausstellungszentrum im Industriepark, und wenn ich dort bin, nehme ich oft die Gelegenheit wahr, mir die Beine zu vertreten.«

»Es geht doch nix über ein bißchen Bewegung«, sagte Dalziel und klopfte sich mit einer Selbstgefälligkeit auf den runden Bauch, mit der Arnold Schwarzenegger wohl seinen Bizeps spielen ließ. »Aber gestern war Sonntag.«

»Ich weiß. Ich bin Ingenieur, Superintendent, und das erste, was sie uns beigebracht haben, waren die Wochentage«, entgegnete Wulfstan eisig. »Ist das Brechen der heiligen Sonntagsruhe in Yorkshire wieder zur Straftat erklärt worden?«

»Nein, Sir. Ich wundere mich nur, daß Sie an einem Sonntag zur Arbeit geh’n, noch dazu so früh. Sie sagten doch, daß Sie deswegen nach Danby fuhren; wegen der Arbeit, und nicht, um spazierenzugeh’n?«

»Ja, das stimmt. Und genau das tue ich seit vielen Jahren immer wieder einmal, Superintendent, wie Sie sicher nachprüfen können. Aber warum Sie Grund dazu haben sollten, ist mir schleierhaft. Meine Arbeit verschlingt so viel meiner Zeit, daß ich leicht aus den Augen verliere, was das Geschäft eigentlich am Laufen hält. Ich bin in erster Linie Ingenieur, und erst in zweiter Linie Geschäftsmann. In meiner Stellung, wie auch in Ihrer, ist es ziemlich leicht, sich aus seinem Kompetenzbereich hinausheben zu lassen.«

Wie etwa zur Verkehrspolizei, meinen Sie? dachte Dalziel.

Lächelnd erhob er sich.

»Tja, danke für Ihre Hilfe, Sir. Eins aber noch. Anscheinend wußten Sie bereits von dem vermißten Mädchen – durch die Zeitung, und wo Sie doch Ihr Konzert umplanen müssen und alles. Und Sie wußten, daß Sie am Sonntagmorgen in der Nähe gewesen sind. Haben Sie nie daran gedacht, daß es nützlich sein könnte, uns mal anzurufen für den Fall, daß Ihr Fahrzeug geseh’n wurde und wir Zeit darauf verwenden, der Sache nachzugeh’n?«

Wulfstan erhob sich. »Sie haben recht, Mr. Dalziel. Das hätte ich tun sollen. Aber da ich wußte, was Sie fragen würden, und auch, daß keine meiner Antworten Ihnen in irgendeiner Weise helfen könnte, hatte ich das Gefühl, daß ich damit nur meine und Ihre Zeit verschwende. Was nun geschehen ist, wie ich fürchte.«

»Das würd ich nicht sagen, Sir. Das würd ich ganz und gar nicht sagen«, meinte Dalziel und streckte seine Hand aus.

Nur aus Spaß gab er ihm einen Freimaurer-Händedruck. Es gefiel ihm, wenn die Leute das Schlimmste von ihm annahmen, weil das Beste sie dann oft als unangenehme Überraschung traf.

»Sagen Sie Mrs. Wulfstan vielen Dank für die Limonade. Ich hoffe, mit dem Konzert geht alles klar«, sagte er von der Tür aus. »Ach, haben Sie schon einen neuen Raum gefunden? Ich dachte, vielleicht könnten Sie die Kirche nehmen.«

Diese Anspielung auf Dendale rief keine sichtbare Reaktion hervor.

»Unglücklicherweise hat St. Michaels eine unerträgliche Akustik«, erwiderte Wulfstan. »Aber die Religion hilft uns möglicherweise doch noch. Es gibt da eine alte Kapelle, die wir vielleicht nutzen können.«

»Kapelle?« entgegnete Dalziel zweifelnd. »Wie ich das Kirchenvolk so kenne, würd ich meinen, daß Ihr Konzert ein bißchen zu frivol ist.«

»Mahler – frivol? Wohl kaum. Höchstens zu weltlich. Die Kapelle wird allerdings zum Glück – für uns, meine ich – nicht mehr für Gottesdienste genutzt. Die Sekte, die sie errichtet hat – ich glaube, sie nannten sich Beulah-Baptisten –, ist noch vor dem Krieg in dieser Gegend ausgestorben.«

»Beulah?« fragte Dalziel nach. »Wie in der ›Pilgerfahrt‹?«

»Haben Sie die gelesen?« fragte Wulfstan mit gerade so viel Erstaunen, daß es noch nicht beleidigend war. »Dann werden Sie sich erinnern, daß die Pilger aufgefordert wurden, vom Land Beulah aus über den Fluß ins Paradies zu gehen, was für einige eine leichte, für andere eine gefährliche Reise war.«

»Aber trotzdem kamen alle ans Ziel«, sagte Dalziel. »›Als sie von dem Wasser tranken, über das sie fahren sollten, fanden sie es ein wenig bitter im Gaumen, doch als sie es geschluckt hatten, war es süß.‹ ’n bißchen wie Guiness, was?«

»Tatsächlich. Tja, anscheinend haben diese Mid-Yorkshire Beulah-Baptisten diese Geschichte sehr wörtlich genommen und eine Art Ganzkörpertaufe praktiziert, was bedeutete, daß frisch Konvertierte von einer Flußseite zur anderen gelangen mußten. Sie nahmen den Fluß Strake, der, wie Sie vielleicht wissen, mäßig tief ist und mittelmäßig reißend. Die Täuflinge wurden daher von zwei Altgläubigen begleitet, die wie im Buch ›die Leuchtenden‹ genannt wurden. Unglücklicherweise war die Strömung bei einer Zeremonie Ende der Dreißiger so stark, daß nicht einmal die Leuchtenden ihr standhalten konnten und gemeinsam mit ihrem Täufling, einem zehnjährigen Jungen, umgerissen wurden und ertranken. Das Entsetzen der Dorfgemeinde war so groß, daß die Sekte danach verschwand. Mich wundert, daß Sie nichts davon gehört haben. Der Polizei wurde damals Inkompetenz vorgeworfen, weil sie eine solch gefährliche Sache nicht untersagt hatte. Aber vielleicht wurde das polizeiliche Versagen nicht als denkwürdig erachtet, weil ja nur ein Kind gestorben war.«

Dalziel, der gedacht hatte, die gemeinsame Kenntnis der »Pilgerfahrt« würde Wulfstans Einstellung ihm gegenüber ändern, wurde eines besseren belehrt. Aber eine freundliche Antwort milderte den Zorn.

»Und Sie meinen, die Kapelle ist geeignet?« fragte er.

»Wenn man den alten Geschichten glauben kann, gibt es keinen besseren Ort für Gesangsdarbietungen. Ob die Kapelle in so kurzer Zeit hergerichtet werden kann, ist allerdings eine andere Frage. Seit einigen Jahren schon wird sie von einem Tischler als Werkstatt benutzt. Vielleicht erinnern Sie sich an ihn. Joe Telford aus Dendale.«

Verdammt! Er ließ partout nicht locker. Dalziel, für den das Studium von Rache und ewigem Haß zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählte, bewunderte den Mann beinahe.

»Telford«, wiederholte er, um das Spiel mitzuspielen. »Der, dessen Tochter …«

»Genau, Mr. Dalziel. ›Der, dessen Tochter.‹ Telford ist mit seiner Werkstatt nach Danby gezogen, aber er war nie mehr richtig bei der Sache. Sein Bruder George war es – Sie erinnern sich an ihn? –, der das Ganze zusammenhielt. Joe zog sich immer mehr zurück. Seine Ehe litt darunter. Schließlich hielt die Frau es nicht länger aus. Sie lief davon. Mit George.«

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