Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
Sie setzten nach Frankreich über. Auf den Kontinent. Du wirst sehen, versprach er Naukaram, das Leben auf dem Festland ist erträglicher. Es hat mir in Ihrem Land nicht mißfallen, Saheb. Seine Eltern übersommerten in Boulogne. Sie führten eine bescheidene Existenz. Die Pension des Vaters erlaubte es ihnen, ein Häuschen zu mieten, mit einem kleinen Anbau für die Diener. Ein italienischer Koch namens Sabbatino stand seit Pisa, wo sie längere Zeit gelebt hatten, in ihren Diensten. Naukaram und Sabbatino mußten sich ein Zimmer teilen. Der Koch hatte es schon mit seinen Gerüchen besetzt. Sie waren nicht angenehm für Naukaram. Er und der Koch hatten keine gemeinsame Sprache, und ihre Gaumen waren einander von vornherein spinnefeind. Sabbatino war ein Mann, der große Bedeutung auf die Unversehrtheit seiner Gewohnheiten legte. Und der keinen Zweifel daran hegte, daß der Koch eine privilegierte Position unter der Dienerschaft innehatte. Die anderen Diener waren angestellt, um seine Arbeit zu erleichtern. Burton war selten zu Hause. Er verschwand auf lange Spaziergänge. Er genoß die Gegenwart junger Frauen seines eigenen Volkes. Naukaram war sich nicht klar über seine Position in dem kleinen Haus. Die Eltern des Saheb mieden ihn, sie gaben ihm nie eine Aufgabe. Er traute sich nicht, alleine auszugehen; er fürchtete, sich zu verlaufen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als in seinem kleinen Zimmer zu sitzen und zu warten. Der Koch hingegen hatte den ganzen Tag zu tun; selten sah Naukaram ihm dabei zu. Wenn er sich in die Küche wagte, meist um sein eigenes, vegetarisches Essen zuzubereiten — das konnte er niemandem anvertrauen, am wenigsten diesem Mletscha —, fluchte der Koch vor sich hin, in seiner Sprache. Er fluchte so viel, er schien sein Essen mit Flüchen zu würzen. Es überraschte Naukaram nicht, daß Burton Saheb auch die Sprache des Koches beherrschte. Er merkte sich den Wortlaut einiger der Flüche und bat Burton Saheb, sie zu übersetzen. Er lernte die Flüche auswendig. Corbezzoli! Perdindirindina! Perdinci! Sie waren sanft, im Vergleich zu jenen, die er von den Beschnittenen kannte. Donnerwetter! Herrgott! Herrschaftszeiten! Er stand dem Koch im Wege, eines Nachmittags, und der Koch wartete keine Entschuldigung ab, kein Zurücktreten, um ihn anzuschreien: E te le lèo io le zecche di dòsso! Naukaram konnte nichts erwidern, weil er nicht wußte, was er geschimpft wurde. Burton Saheb lachte. Er will dir die Flöhe rausziehen. Er droht dir Schläge an. Naukaram kannte nicht genügend Flüche, um es dem Koch in gleicher Münze zurückzuzahlen. Eines Abends, als er vergaß, ein Soufflé aufzutragen (der Koch war stolz auf seine Soufflés), ließ der Koch seine Flüche wie Funken stieben. Bellino sì tu faresti gattare anche un cignale! Naukaram konnte sich nicht einmal die Hälfte merken. Burton Saheb mußte bei dem Koch nachfragen. Er klärte Naukaram mit einem amüsierten Lächeln auf. Er hat zu dir gesagt, du seist so schön, du würdest selbst ein Wildschwein zum Kotzen bringen. Wieso erlaubt er sich das? fragte Naukaram. Nimm es dir nicht zu Herzen. Er ist so. Einige Tage später war Naukaram sich sicher, der Italiener habe absichtlich ein Fleischgericht mit seinem Kochlöffel umgerührt, der in einem eigenen Glas aufbewahrt wurde und nur für vegetarische Speisen verwendet werden sollte. Das hatte Burton Saheb dem Koch ausführlich erklärt. Nun roch der Löffel widerwärtig. Gut, daß es ihm rechtzeitig aufgefallen war. Der Koch verstand keine andere Sprache als das Dumpfe. Naukaram schlug ihm mit dem Löffel auf den Hinterkopf. Der Koch wirbelte herum mit einem Schrei. Er hatte ein Messer in der Hand: Er stocherte damit durch die Luft und fluchte. Naukaram drehte sich um und verließ die Küche, mit seinem Löffel in der Hand. Er mußte lernen, auf Italienisch zu fluchen. Burton Saheb half ihm dabei. Späte Rückzahlung für das Gujarati, erklärte er. Zuerst das Grundwissen. Stronzo. Merda. Strega. Naukaram begann durch die Küche zu schreiten und abwechselnd eines dieser Wörter auszustoßen, so gehässig und überdreht, wie er nur konnte. Der Koch antwortete mit einer ganzen Batterie von mehrsilbigen Geschossen. Cacacazzi. Leccaculo. Vaffanculo. Succhiacazzi. Naukaram kümmerte sich nicht mehr um die Übersetzung. Er wußte, er war immer noch unterlegen. Willst du ihn wirklich ärgern, unterrichtete ihn Burton Saheb, mußt du sagen: Quella puttana di tua madre! Naukaram brüllte es dem Mletscha bei nächster Gelegenheit ins Gesicht. Und der Fluch wirkte. Stärker, als er erwartet hätte. Der Koch verstummte, blickte weg. Am nächsten Tag bedeutete Sabbatino Naukaram, er möge zu ihm an den Ofen kommen, er wolle ihm etwas zeigen. Er strahlte eine unvertraute Freundlichkeit aus. Naukaram näherte sich vorsichtig dem Koch. Sie traten beide an einen riesigen Topf; der Koch hob den Deckel hoch. Ein Rindskopf kam zum Vorschein, der ruhig vor sich hin köchelte, die ergebenen Augen auf Naukaram gerichtet. Ti faccio sputare sangue! Sabbatino hatte diese Worte noch nicht ganz ausgesprochen, da fühlte er, wie der Dunkelhäutige ihn am Kragen packte und über den Holzkohleofen drückte. Er spürte, wie die Hitze seine Härchen am Unterarm versengte. Er stieß seinen Kopf dem Dunkelhäutigen ins Gesicht. Sie fielen zu Boden, sie rissen den Topf um, und als Burton aus dem Eßzimmer in die Küche stürzte, von dem Krach alarmiert, sah er auf dem Boden den Koch, den Diener und einen Rindskopf liegen, und das Geschrei, das der Italiener von sich gab, wurde übertroffen von dem Heulen, das aus den Tiefen von Naukaram herausbrach.