Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
— Das kann ich nicht glauben. Er hat den Verstand verloren. Seit wann geht das schon so?
— Nicht erst seit gestern. Ein paar Wochen schon. Ich hätte sonst nicht weitererzählt. Sie kennen ihn ja, er ist neugierig.
— Er ist völlig verrückt. Wer hat so etwas schon einmal gehört. Ein Lahiya, der seinen Kunden bezahlt. Er benimmt sich sonderbar, seitdem Sie zu ihm gekommen sind. Aber so etwas, das macht ihn vollends zum Gespött.
— Nur, wenn Sie es jemandem sagen. Unsere Vereinbarung lautet, kein Wort darüber zu verlieren.
— Er wird was zu hören kriegen von mir.
— Erwähnen Sie es nicht. Bitte. Es würde so viel für ihn zerstören.
— Was sind Sie jetzt, sein Verbündeter? Sie haben sich ständig gestritten. Das weiß ich wohl, er hat sich bei mir beschwert.
— Wir waren zusammen unterwegs. Das zählt viel. Lassen Sie es sein, wie es ist.
— Gut. Und jetzt, was machen wir mit dem Ende der Geschichte? Eigentlich interessiert es mich nicht, und da ich kein Geld dabeihabe …
— Ich verlange nichts. Es wird mein Abschiedsgeschenk an Ihren Ehemann sein. Obwohl er es nicht lesen wird. Wer weiß, vielleicht ändert er seine Meinung. Schreiben Sie auf, es ist nicht viel, wir können das Ende doch nicht verschlucken.
— Gut. Hat das Ende eine Überschrift?
— Auf dem Schiff. Schreiben Sie: Auf dem Schiff. Und dann schreiben Sie: Ankunft im Land der Firengi.
— Klingt gut.
— Werden Sie so viele Kommentare abgeben wie Ihr Mann?
— Nein, von nun an schweige ich. Sie werden sehen, nicht einmal ein Seufzer wird über meine Lippen dringen.
— Das Schiff hieß Elisa, und ich dachte, es sei ein Totenschiff. Burton Saheb sah schlecht aus. Sein Körper war ausgezehrt, seine Haltung gebeugt, seine Augen eingefallen, seine Stimme ohne Fülle. Er hatte Erlaubnis erhalten, nach Hause zurückzukehren. Um sich dort zu erholen. Wenn er sich überhaupt erholen würde. Ja, ich glaubte, das Schiff sei ein Totenschiff. Nicht nur ich. Einer seiner Freunde in Bombay hatte zu ihm gesagt: Es steht dir ins Gesicht geschrieben, daß deine Tage gezählt sind. Hör auf mich, fahr nach Hause, um dort zu sterben. Bald nach dem Auslaufen gerieten wir in eine Flaute. Das Wasser war so glatt, Burton Saheb sagte, das Meer sei ein Friedhof der Wellen. Ich pflegte ihn, so gut ich konnte, ich dachte, was werde ich machen in diesem unbekannten Land, wenn mein Herr stirbt. Werde ich dann auch sterben? Meine Sorgen, sie hielten nicht an. Wind kam auf, wir segelten mit den starken Winden aus Südosten in gesündere Gefilde. Burton Saheb erholte sich erstaunlich schnell, und noch ehe wir das Land der Angrezi erreichten, war er wiederhergestellt. In diesen Tagen waren wir uns so nahe wie nie zuvor und nie mehr danach. Er vertraute mir an, was geschehen war im Sindh, wieso er sich zuerst krank gestellt habe, ohne zu wissen, daß er wirklich schwer erkranken würde. Unter den Angrezi kursierten die Gerüchte über seine Besuche in dem Bordell, verzeihen Sie bitte, in dem Männer sich anboten. Es wurde behauptet, Burton Saheb habe zu gründlich gekundschaftet. Er habe nicht nur recherchiert, sondern auch probiert. Sein Ruf war beschädigt. Und seine Vorgesetzten, die von der Wahrheit wußten, nahmen ihn nicht in Schutz. Sie waren erbost über seinen Mangel an bedingungsloser Treue. Ich habe sein Leid gefühlt, als sei es mein eigenes. Nie in meinem Leben war ich jenem Mitgefühl für eine andere Kreatur so nahe, das unsere heiligen Lehrer von uns fordern. Wir liefen einen Hafen an, der Plymouth heißt, und ich sah es endlich. Dieses England. Ich sah saftiges Grün und weiche Hügel in der Ferne. Und die Passagiere, vor allem jene unter ihnen, die lange in Hitze oder Wüste gedient hatten, sie hatten glasige Blicke. Ich bin mir sicher, keiner riß die Augen so weit auf wie ich. Ich konnte nicht glauben, wie schön dieses Land war, das sie England nennen. Ich wandte mich zu Burton Saheb, und ich weiß noch genau, was ich sagte, Wort für Wort: Was seid ihr Angrezi für Menschen, ein solches Paradies zu verlassen, ohne Zwang und ohne Not, um in ein gottverlassenes Land wie das unsere zu reisen.
64.
UNENDLICH BEWUSST
Der General las diesen Bericht so oft durch wie kein anderes Schreiben in seinem Leben. Er suchte nach einem Weg, diesen Soldaten vor den Konsequenzen seiner Pflichterfüllung zu bewahren. Nicht nur hatte er sich in einen Morast begeben, den ›ein wenig unappetitlich‹ zu nennen eine ungebührende Untertreibung war; er hatte aufgedeckt, was nicht sein durfte, und somit würde die ganze negative Anmutung des Falles auch auf ihn persönlich zurückfallen. Zu allem Überfluß verweigerte er, zumindest schriftlich, einen Teil der Auskunft, weil er einem Einheimischen ein Versprechen gegeben hatte. Das würde nicht gut ankommen. McMurdo wünschte ein Gespräch mit diesem Burton, von dem er schon manch Unschmeichelhaftes gehört habe. Sie riefen den Leutnant in das Dienstzimmer des Generals. Er war erstaunt, eine Handvoll von Hochrangigen vorzufinden. Der General sprach, langsam. Er wirkte müde.
— Major McMurdo wünscht, Ihre Untersuchung fortzusetzen, und hierzu müßte er wissen, wie die Namen Ihrer Gewährsleute lauten, wie die Offiziere heißen, die diesen Ort aufsuchen.
— Die Namen unserer Offiziere kann ich Ihnen nicht geben, weil ich sie nicht kenne. In meiner Gegenwart war kein Offizier im Lupanar. Die Namen der Gewährsleute kann ich Ihnen nicht verraten.
— Wieso nicht?
— Weil ich mein Wort gegeben habe.
— Es sind doch nur Einheimische.
— Ich habe auf meinen Bart und auf den Koran geschworen.
— Er scherzt, mein Gott, er scherzt zu unpassender Zeit.
— Ich kann diesen Schwur nicht brechen.
— Das meinen Sie nicht ernst, Soldat. Sagen Sie uns, daß Sie das nicht wirklich so meinen.
— Mein voller Ernst, Sir.
— Ihnen bedeutet das Versprechen gegenüber einem gemeinen Einheimischen mehr als die Sicherheit unserer Truppe?
— Ich habe für die Sicherheit unserer Truppe einiges geleistet, wenn ich darauf hinweisen darf, Sir, und ich bin zuversichtlich, daß wir auf anderen Wegen bald die gesamte Wahrheit herausfinden werden. Ich kann das Vertrauen dieses Mannes nicht enttäuschen.
— Du mußt dich entscheiden, Burton. Er oder wir.
— Ich gehe davon aus, Major, daß man verschiedenen Loyalitäten treu sein kann. Sie konstruieren einen unlösbaren Konflikt.
Sie sagten kein Wort mehr, die versammelten Herren von den obersten Rängen, der General, sein Spürhund McMurdo und ihre Adjutanten. Sie blickten sich an, und mit diesen Blicken schlossen sie ihn aus für sein restliches Leben, aus dem Militär, aus ihrer Gesellschaft. Er wußte in diesem Augenblick, er würde nie über den Rang eines Hauptmanns hinauskommen. Nicht nach dem Vermerk, den sie nach diesem Gespräch aufsetzen würden, ein Vermerk über seine Unzuverlässigkeit, der ihn überallhin begleiten würde. Man konnte sein Wesen ändern, eigentlich ließ sich fast alles an einem selbst ändern, nicht jedoch die eigene Akte. Sie würden etwas Vernichtendes niederlegen, etwas in der Art von …»sein Verständnis der Eingeborenen, ihrer Denkweise, ihrer Bräuche, ihrer Sprache, ist profund und könnte von großem Nutzen sein. Doch hat die Nähe, aus der sich seine Kenntnisse speisen, in Leutnant Burton eine Verwirrung hinsichtlich seiner Loyalitäten ausgelöst, die den Interessen der Krone zuwiderläuft. Mit Bedauern müssen wir feststellen, daß wir das Ausmaß seiner Treue zukünftig nicht abschätzen können.«
0.
KALTE RÜCKKEHR
Es war ein grausamer Empfang. Naukaram und er, zwei Rosinen, die in einen Sauerteig geworfen wurden. Die Luft war düster, voller Rauch und Ruß, zum Atmen ungeeignet. Der kalte graue Himmel ließ sie schaudern. Alles an der Stadt war klein, kleinkariert, kleingeistig und knauserig, die winzigen Einfamilienhäuser unterwürfig, in den öffentlichen Plätzen verknotete sich die Melancholie. Und dann das Essen! Primitiv, halbgar, fad, das Brot bestand nur aus Krümeln ohne Kruste. Zum Trinken gab es penetrante Medizin, die den Namen Bier oder Ale trug. Egal, was einem serviert wurde, es gab kein Entrinnen: Sie waren unter die Barbaren gefallen. Der Winter, der folgte, war schrecklich. Jeder Baum ähnelte einem klirrenden Kerzenleuchter. Kalte Nebelschwaden nisteten sich ein und mit ihnen Bronchitis und Influenza. Die Kohle ging regelmäßig aus, der Gasdruck fiel oft so niedrig, daß sie auf ihren wichtigsten Trost verzichten mußten — sie konnten den Tschai nicht kochen, der manch einen Nachmittag erträglich gemacht hätte. Burton konnte es nicht abwarten, dieses Land wieder zu verlassen, seine Familie in dem halbwegs erträglichen Frankreich zu besuchen. Er war unversöhnlich. Er war nicht gewillt, sich dem Mittelmaß anzupassen. Er zog Kleidung an, die schockieren würde, Kurtas in schreigrellen Farben, ungewöhnlich breite Pumphosen aus Baumwolle, enge Wickelgamaschen und goldene Gondoliersandalen. Obwohl er darin fror. So lief er durch London, so kehrte er in die Klubs ein, begleitet von Naukaram, mit dem er sich, kaum konnte er sich der Aufmerksamkeit der Versammelten sicher sein, lautstark in Sprachen unterhielt, die keiner außer ihnen beiden verstand. Gelegentlich übertrieb er es, schöpfte die Nachsicht aus, die einem Mann entgegengebracht wurde, der in Indien gedient hatte; die Mitglieder des Klubs wurden seiner Provokationen überdrüssig und verwiesen ihn des Etablissements. Einmal wäre er fast verprügelt worden. Nur der wilde Blick in seinen Augen hielt die empörten und schon ziemlich angetrunkenen Landsleute zurück. Es war ein Abend, an dem Geschichten von den verschiedenen Fronten des Imperiums ausgetauscht wurden. Nach vielen Reminiszenzen, mariniert in Nostalgie und Übertreibung, rezitierte ein älterer Mann mit feuchten Augen einen Zweizeiler, den sie alle kannten: Such is the patriot’s boast, where’er we roam, his first, best country ever is at home. Und er hob sein Glas zu einem Trinkspruch auf Königin und Vaterland. Burton stieß mit an. Kaum hatte er sein Glas wieder abgestellt, donnerte seine Stimme und brachte alle anderen in der großen Runde zum Schweigen. Dieses Hoch, meine Herren, erinnert mich an einen grundsoliden Witz. Müssen Sie hören. Werden ihn nicht vergessen, garantiere ich Ihnen. Handelt von zwei Bandwürmern, Vater und Sohn. Sie werden aus dem After eines Menschen geschissen, Verzeihung, so geht der Witz, worauf Vater Bandwurm seinen Kopf aus der Scheiße streckt, sich ein wenig abschüttelt, um sich blickt und zufrieden zu seinem Sohn sagt: Immerhin ist es Heimat.