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Der Weltensammler

Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:

Ein spannender Roman über den englischen Abenteurer Richard Burton (1821–1890). Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der Behörden anonym in den Kolonien herum. Trojanows farbiger Abenteuerroman über diesen Exzentriker zeigt, warum der Westen bis heute nichts von den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat.
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60.

VON SCHRECKLICHER GESTALT

Dann wurde er herausgeholt. Er vermutete, daß die anderen seinen Verrat voraussahen. Er hatte sich geschworen, seiner Verkleidung treu zu bleiben. Was war sie wert, wenn er ihr entwich bei dem ersten Widerstand, der ersten schweren Prüfung, und in den sicheren Hafen des imperialen Schutzes zurückschlüpfte? Das wäre schäbig gewesen, ohne Wert. Er hätte danach keinem seiner adoptierten Freunde in die Augen blicken können. Der Raum, in dem er verhört werden sollte, war riesig, der Boden uneben und die Wände an mehreren Stellen eingebuchtet. Er erkannte den Engländer, der hinter dem einzigen Tisch saß; ein Mitarbeiter von Major McMurdo. Im nachhinein würde er sich daran erinnern, daß der Engländer kein einziges Mal aufstand, sondern am Fenster sitzen blieb, Unterlagen studierte und gelegentlich etwas notierte. Er sollte sich als der Antrieb aller Schmerzen erweisen, doch blieb er an ihnen fast unbeteiligt. Ein Sepoy fragte ihn aus, zuerst nach Namen, nach Herkunft. Nach seiner Beziehung zu Mirza Aziz. Er antwortete mit einer möglichen Wahrheit. Wie erwartet, wurden die Männer, die ihn verhörten, hellhörig, als er sich als Perser ausgab. Der Engländer blickte auf, nachdem der kleinwüchsige Übersetzer neben ihm die Information übermittelt hatte. Mirza Abdullah erkannte in dem Blick die Gier nach einem unerwarteten Erfolg, nach Beförderung. War dieser Offizier auf eine Verschwörung gestoßen, die weiter reichte als Belutschistan, bis nach Persien, und somit gewiß Afghanistan einschloß, und — wer weiß — vielleicht sogar Rußland umfaßte? Die Aufdeckung einer solchen Verschwörung würde zweifelsohne eine saftige Belohnung in Rang und Rente nach sich ziehen. Er begann diese Verschwörung mit seinen Fragen zu umzingeln. Er wollte hören, was seiner Erwartung möglichst nahe kam. Ungeduldig wischte er Antworten zur Seite, die in andere Richtungen führten. Mirza Abdullah nahm sich vor, diesen Offizier, der sich eine Manila anzündete, wegen Unfähigkeit zu denunzieren. Als ihm die dreiste Dickköpfigkeit der Fragen unerträglich wurde, beschimpfte er den Offizier. Ihm fiel auf, daß der Übersetzer seine Ausdrücke abschwächte. Aber der Verhörer hatte den Tonfall aufgefangen, er blickte ein zweites Mal auf. Mirza Abdullah erkannte etwas anderes, das ihm vertraut war. Die Empörung darüber, daß ein Einheimischer sich herausnimmt zu widersprechen. Laut zu werden. Eine Impertinenz, die nicht geduldet werden, die manch einen zur Weißglut bringen kann. Im nächsten Augenblick wurde ihm von hinten ein Kübel kaltes Wasser über den Kopf geschüttet. Ich habe gehört, sagte der ranghöchste Sepoy, die Gefangenen wurden früher nackt ausgezogen. Ich verstehe das nicht. In nassen Kleidern friert es sich doch besser. Ich bin sicher, sagte der Offizier hinter dem Schreibtisch, du wirst dein Wissen nicht freiwillig preisgeben. Deswegen werden wir keine weitere Zeit mit Plauderei und Courtoisie verschwenden. Wir werden dir zeigen, was wir mit dir vorhaben. Die Übersetzung war kaum abgeschlossen, da spürte er die Schläge, in die Kniekehlen, auf den Rücken, auf die Nieren. Mirza Abdullah spürte, wie jedes andere Gefühl außer dem Schmerz verging. Er knickte um und fiel seitlich auf den kalten Boden. Das Zittern setzte ein. Einer der Folterknechte setzte ihm einen Stiefel auf das Gesicht und verharrte in dieser Haltung eine Weile, bevor er ruhig sagte: Wir werden deinen Vater verbrennen. Eine Weile schwiegen alle, dann stellte der Offizier eine weitere Frage, doch sie war so eng und abwegig formuliert, daß Mirza Abdullah sie nicht hätte beantworten können, selbst wenn er wollte. Er krümmte sich auf dem Boden. Er richtete sich auf, etwas riß in seiner linken Schulter, er versuchte zu erklären, wieso er nicht wissen konnte, was ihm abverlangt wurde. Er war ein einfacher Bazzaz auf der Durchreise. Die Stimme, die er hörte, lauerte direkt hinter seinem Ohr. Wir können andere Sachen mit dir machen. Wir können dich in eine Frau verwandeln, und diesen Stock — Sheikh Abdullah spürte einen leichten Schmerz in seinem After — können wir in deinen Khyber-Paß rammen. Das mögt ihr doch, oder? In diesem Moment begriff Mirza Abdullah, daß der ranghöchste Sepoy ein Bengale war, wahrscheinlich Hindu. Und er erkannte, welche verhängnisvolle Verbindung der Ehrgeiz des britischen Offiziers mit der Abneigung seiner rechten Hand eingegangen war. Er roch die Zigarre, als sei sie in seiner Hand, dieser Geruch von morschem Waldboden, der sich bald in einen Geruch der Verwesung verwandeln würde. Das letzte, was er spürte, war sein Ohr, und er konnte sich später nur noch an den Geruch verbrannten Fleisches erinnern.

61.

NAUKARAM

II Aum Vikataaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II

— Er erholte sich überraschend schnell von seinen Wunden. Aber er war ausgelaugt. Er hatte kein Interesse mehr an dem Land. Er lag manchmal tagelang auf dem Bett. Gelegentlich las er eine Zeitung. Ansonsten nichts. Er lag da und hatte nicht einmal die Augen geschlossen. Es ist schrecklich, wenn ein Mensch seinem eigenen Wesen zuwiderhandelt. Ich wußte nicht, ob er anwesend war, wenn ich etwas in dem Zimmer verrichtete. Plötzlich hörte ich seine Stimme. Naukaram, wir müssen hier weg. Zurück nach Baroda, Saheb? Das ist nicht möglich. Wenn wir hier herauskommen wollen, müssen wir nach England zurück.

— Was für eine Arbeit sollte er als Offizier in England verrichten?

— Ich war auch verwirrt. Damals. Ich habe schnell begriffen, als Burton Saheb begann, sich krank zu stellen. Zuerst gab er sich leidend. Er jammerte in Gegenwart der anderen, wie elend ihm sei. Er erschien nicht zum morgendlichen Appell, er blieb der Regimentsmesse fern. Er suchte den Arzt der Garnison auf, gestützt von zwei gewaltigen Belutschen, die mindestens sechs Fuß groß waren. Der Arzt zeigte sich besorgt. Er fragte nach, ob er denn trinke, ob er rauche. Keine einzige Zigarre, schwor Burton Saheb. Ab und an ein Glas, ich trinke es selten aus.

— Stimmte das?

— Er leerte zu diesem Zeitpunkt einige Flaschen am Abend, aber er rauchte nicht, das war die Wahrheit, er konnte den Geruch der Manilas nicht ausstehen, seitdem ich ihn aus dem Gefängnis befreit hatte. Frag mich nicht, ich weiß nicht, wieso. Er stellte jemanden an, der vor seiner Tür zu wachen hatte, um Besucher rechtzeitig anzukündigen, damit sie Burton Saheb stets im Bett vorfanden. Er ließ seinen Kameraden schon um acht Uhr am Abend einen Gutenachtwunsch ausrichten. Natürlich sickerte das zum Arzt durch. Burton Saheb begann mit viel Nostalgie über das Korps zu sprechen und darüber, wie sein Leben ruiniert wäre, wenn er es verlassen müßte. Er verbot mir, sein Zimmer aufzuräumen. Sogar sauberzumachen. Die Tassen lagen herum, weicher Toast auf dem Tisch. Es war ekelerregend. Ich hatte kaum etwas zu tun in diesen Wochen. Er gab mir Geld, damit ich mich in der Stadt vergnügte. Ich hatte nur eine Aufgabe, später am Abend, wenn mich niemand sehen würde, ein Tablett mit Salat, Curry, Sherbet und Portwein zu ihm zu bringen. Das alles wurde von einem seiner Freunde besorgt, auf die er sich verlassen konnte. Tagsüber verdunkelte er sein Zimmer, nachts machte er nie eine Lampe an. Er schluckte etwas, davon wurde ihm schlecht, und dann schickte er mich los, um zwei Uhr in der Früh, den Arzt zu holen. Er setzte sein Testament auf, und er bat den Arzt, Vollstrecker seines Letzten Willens, so nennen die Angrezi das Testament, zu werden. Der Arzt lenkte bald ein, ich glaube, er schätzte seinen Schlaf. Es dauerte nicht lange, bis er davon überzeugt war, daß Burton Saheb dienstunfähig war. Er schrieb ihn für zwei Jahre krank. Zwei Jahre! Die Angrezi sorgen sich um die Ihren. Er erhielt weiterhin seinen Sold. Wir reisten zuerst ein Jahr lang durch das Land, wir kamen bis nach Ooty. Das wirst du nicht kennen, das liegt in den Bergen. Im Süden, weit von hier entfernt. Daran erkennst du, wie rüstig Burton Saheb in Wirklichkeit war. Aber dann geschah die Gerechtigkeit, die niemals ausbleibt, wenn man sie erwarten kann. Burton Saheb wurde krank. Wirklich sehr krank. So krank, er wäre fast gestorben.

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