Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
62.
OHNE TOD
Bericht an General Napier
Streng geheim
Sie hatten mir den Auftrag erteilt, mich mit den Gründen vertraut zu machen, weswegen die widerspenstigen Stammesfürsten der Belutschen, angeführt von Mir Khan, schon mehrfach Kenntnis hatten von unseren Plänen, und derart vorgewarnt in der Lage waren, rechtzeitig zu fliehen oder sich zu verstecken. Seit Monaten bin ich in dieser Angelegenheit unterwegs, ich habe unzählige Orte aufgesucht, an denen sich Belutschen treffen, ich habe jeder Stimme mein aufmerksames Ohr geliehen, aber bis vor kurzem deutete nichts auf einen Verräter in unseren eigenen Reihen hin. Bei unserer letzten Besprechung haben Sie mir zusätzlich die Order erteilt, zu prüfen, ob und in welchem Ausmaße britische Offiziere jenes Bordell frequentieren, das Lupanar genannt wird. Gewiß haben Sie nicht im entferntesten daran gedacht, daß diese zwei Fragestellungen miteinander verknüpft sein könnten. Ich bin auch diesem Ihren Auftrag nachgekommen, und ich fürchte, ich habe die unangenehme Aufgabe, Ihnen einige äußerst unerfreuliche Einsichten mitzuteilen. Das Lupanar unterscheidet sich von den anderen Bordellen weder in Einrichtung noch in Bewirtung, sondern einzig und allein darin, daß die Kurtisanen keine Frauen sind, sondern Jünglinge und als Frauen verkleidete Männer. Die Jünglinge kosten doppelt soviel wie die Männer, nicht nur, weil sie die schönsten und nobelsten Wesen sind und die Liebe zu ihnen von der reinsten Form ist, eine Auffassung, die hiesige Sufis anscheinend von den Platonikern übernommen haben, sondern auch weil ihr Skrotum als Zügel benutzt werden kann. Dieses Bordell wird, das kann ich nunmehr mit Sicherheit bestätigen, regelmäßig von einigen unserer Offiziere aufgesucht. Die meisten von ihnen treibt die Neugier und die Langeweile dorthin, und wir können davon ausgehen, daß sie den Verlockungen dieses Ortes zu widerstehen wissen. Doch einige finden genau das, was sie gesucht haben. Besonders bemerkenswert erscheint mir der Fall jener, die gegen ihren Willen zu Taten gezwungen wurden, die sie nicht gebilligt hätten. Der Emir, dem das Lupanar gehört, ist ein Connaisseur von jungen, hellhäutigen Männern, und so hat er schon einige Male laut den Auskünften meiner Gewährsleute britische Besucher seines Establishments mit Spirituosen abgefüllt, bis sie ganz willig oder bewußtlos waren und ihm zu Diensten lagen. Die Vermutung könnte naheliegen, er räche sich somit für die Erniedrigung, die unsere Herrschaft ihm auferlegt, aber nach meinem Dafürhalten giert er einfach nur nach der Schönheit blonder, unbehaarter Jünglinge. Es ist mir zugetragen worden, daß einer dieser Griffins am nächsten Morgen die Verwunderung geäußert habe, der einheimische Alkohol verursache eine Reizung des Postérieur. All das wäre ein wenig unappetitlich, aber gewiß harmlos für unsere Sicherheitslage, würde nicht einigen unserer Offiziere in diesem Lupanar das Wissen entlockt werden, das sie unbedingt für sich behalten sollten. Ich habe meinem Gewährsmann, der dieses Bordell regelmäßig aufsucht und mit dem Betreiber verwandt ist, das Versprechen gegeben, keine Namen zu nennen. Er schwört, daß schon mehrfach dem Emir wertvolle Informationen zugetragen worden sind, die einem Offizier in seinem Rausch oder seiner Entzückung oder in der Intimität danach entschlüpft sind. Und wenn wir uns vor Augen halten, daß dieser betreffende Emir, der Lupanar-Emir, mit Mirza Aziz verschwägert ist, können wir erkennen, wie das Netz geknüpft ist, das uns so viele Kopfschmerzen bereitet.
63.
NAUKARAM
II Aum Mritunjayaaya namaha I Sarvavighnopashantaye namaha I Aum Ganeshaya namaha II
Der Lahiya schrieb: Dieser mein Text ist eine Kette von ausgesuchten Perlen, die ich um den Hals Ihrer gnädigen und aufmerksamen Wahrnehmung hängen möchte, lieber Leser; diese meine Geschichte ist eine duftende Blüte, die ich in die Hand Ihrer warmherzigen und mitfühlenden Empfindung geben möchte, lieber Leser; dieses mein Werk ist ein Stoff aus feiner Seide, den ich über das Haupt Ihrer scharfsichtigen und weitreichenden Weisheit ausbreiten möchte, lieber Leser.
Worauf er die Feder zur Seite legte und den gesamten Text durchlas, einmal, und dann ein weiteres Mal, die Nacht wurde grau dabei, und er war gerührt von der Unantastbarkeit des Geschriebenen, er war den Tränen nahe. Nicht, daß es ohne Schwäche, ohne Fehler war. Wenn er noch einmal von vorne anfangen könnte, er würde … Ha, unsinnige Überlegung. Entscheidend war, das Werk überragte ihn, mächtig und fremd, als sei es nicht aus ihm heraus entstanden, als habe er nicht alles gelenkt, und ihm fiel der Satz ein, den der unbekannte Architekt des Kailash-Tempels zu Ellora seinem Bauwerk eingeschrieben hat, der größte Satz, den je ein Schöpfer hinterlassen hat: Wie habe ich das nur geschafft?
Eines blieb noch zu tun. Der Schluß, selbst wenn es sich nur um einen letzten Absatz handelte, sollte nicht von ihm selbst geschrieben werden. Kein Mensch sollte die ganze Geschichte kennen. So wie keiner den gesamten Kailash-Tempel überschauen konnte. Der Lahiya rief seine Frau — er vernahm seit kurzem die Geräusche ihrer frühmorgendlichen Hausarbeit — und trug seine Bitte vor. Sie war erstaunt, und für einige widerspenstige Augenblicke überlegte sie, ihm diesen Wunsch abzuschlagen. Doch dann stimmte sie zu. Sie hoffte, sobald dieser Auftrag abgeschlossen war, würde ihr gemeinsames Leben weitergehen wie zuvor, bevor dieser Naukaram aufgetaucht war und ihrem Ehemann den Kopf verdreht hatte. Er dankte ihr umständlich, richtete sich mühsam auf und ging hinaus. Er würde an diesem Tag nicht zur Straße der Lahiya gehen, er würde nichts schreiben. Vielleicht auch am morgigen Tag nicht. Und danach, wer wußte das schon. Burton Saheb — eine unverankerte Erinnerung durchtrieb seine Gedanken — habe laut Naukaram einmal sein Erstaunen darüber geäußert, daß im Hindustani ein und dasselbe Wort sowohl morgen als auch gestern bezeichne. Was konnte man schon daraus folgern? War das Wort für vorgestern nicht ein anderes als das Wort für übermorgen?
Naukaram wunderte sich über die Verspätung des Lahiya. Das war noch nie vorgekommen. Er sah eine Frau die staubige Straße entlanggehen. Alles an ihr strahlte Stärke aus. Einige der anderen Schreiber grüßten sie. Sie betrachtete ihn prüfend, bevor sie ihn fragte, wer er denn sei. Sie stellte sich als die Frau des Lahiya vor. Er werde heute nicht kommen, wofür er sich entschuldige. Er habe sie geschickt, weil er den Abschluß der Geschichte nicht selbst erfahren wolle.
— Wieso nicht?
— Aus alter Tradition. So wie kein Mensch das gesamte Mahaabhaarata lesen sollte.
— Das wußte ich nicht. Ich habe etwas Ähnliches einmal von Burton Saheb gehört. Er sagte mir, die Araber glaubten, sie würden innerhalb eines Jahres sterben, wenn sie alle Geschichten aus Tausendundeiner Nacht gehört haben.
— Aberglaube.
— Gehört er nicht der Satya Shodak Samaj an? Ich dachte, er verachtet jeden Aberglauben.
— Er nennt es Überlieferung. Jeder Mensch ist abergläubisch. Manche geben ihrem Aberglauben einen anderen Namen. Können wir beginnen? Ich habe nicht viel Zeit. Heute nachmittag sind die Enkelkinder bei mir.
— Und die Bezahlung? Was hat er Ihnen über die Bezahlung gesagt?
— Er hat nichts erwähnt. Wahrscheinlich hat er es vergessen. Wissen Sie, er hat bestimmt genug von Ihnen erhalten. Vergessen wir die Bezahlung.
— Nicht seine Bezahlung, meine Bezahlung.
— Ihre Bezahlung?
— Er muß mich bezahlen.
— Ich verstehe nicht.
— So haben wir es vereinbart. Er zahlt mir Geld, damit ich ihm die Geschichte zu Ende erzähle.