Der Weltensammler
- Автор: Trojanow Ilija
- Год: 2007
- Язык: немецкий
- Год: DTV
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Weltensammler». Краткое содержание книги:
Sheikh Mohammed Ali Attar wurde ihm als Lehrer empfohlen, und tatsächlich, als dieser alte Mann eintrat, stand ein Vortrag auf seiner gerunzelten Stirn geschrieben. Aywa, aywa, aywa, murmelte er, bevor er mit seiner Unterweisung begann, einem Sachverhalt voller juristischer Vernietung und Vernagelung. Sheikh Abdullah ließ den Lehrer reden, bis dieser ausgelaugt war, aber keineswegs ans Ende gelangt. Dann erst ergriff er das Wort, um zu beschreiben, was er sich selber an geistiger Nahrung verordnet hatte, und er bat den gelehrten Sheikh Mohammed Ali Attar, ihm diese zu liefern und keine andere. Sheikh Mohammed erfüllte seinen Wunsch auf Umwegen; bald mischte er sich ein, mit Rat und mit Tadel über das Verhalten seines Schülers, in allen Bereichen des Lebens. Aywa, aywa, aywa, was bedeutet also Hadj? Ein Streben! Wonach? Nach der besseren Welt. Was sind wir auf Erden, wenn nicht Reisende mit einem höheren Ziel. Was ist schon die Mühsal jetzt im Vergleich zur ewigen Belohnung. Wer also gesund ist, versorgt für die Dauer der Reise, und wohlhabend genug, überall Wasser kaufen und die Fahrtstrecke zahlen zu können … was schreibst du denn ständig auf, mein Guter, was für eine schlechte Angewohnheit ist das? Gewiß hast du sie aufgegriffen im Land der Farandjah. Bereue, bevor es zu spät ist. Bereue. Aywa, aywa, aywa, im Ihram darfst du dein Haar nicht schneiden und nicht zupfen, selbst nicht, um es zu kürzen, weder am Kopf noch unter den Armen, am Geschlecht, am Bart oder an irgendeinem anderen Teil des Körpers, und solltest du dich einer Verfehlung schuldig machen, so mußt du zum Ausgleich 0,51 Liter Nahrung den Armen zu Mekka spenden, das gilt für ein Haar, für zwei Haare das Doppelte, ich muß dir sagen, vergeude nicht dein kostbares Wissen, mein Sohn, du hast dich selbst und deine zwei Diener zu ernähren. Die Ärzte Ägyptens, sie würden nicht einmal Alif und Baa schreiben ohne eine Entlohnung. Schämst du dich deiner Leistungen, daß du keinen Lohn verlangst? Was suchst du dir und uns zu beweisen? Besser wäre es, du würdest dich auf einen Berg zurückziehen und Tag und Nacht deine Gebete sprechen. Aywa, aywa, aywa, merke dir, du mußt in Safa beginnen und nach Marwa gehen, und diese Strecke mußt du siebenmal wiederholen, die gesamte Strecke, keinen Schritt weniger, und solltest du dir nicht mehr sicher sein, wie oft du die Strecke gegangen bist, so gehe von der niedrigeren Zahl aus und rezitiere den Glorreichen Koran, und wenn du die grüne Markierung in der Mitte erreichst, so nimm deine Füße in die Hand und laufe die wenigen Schritte bis zur zweiten grünen Markierung, ich kann es nicht verstehen, mein Lieber, dein Diener hat zwei Pfund Fleisch aufgeschrieben und du läßt ihn gewähren, du hast ihn nicht zur Rede gestellt. Wohin soll das führen? Sagst du niemals: Gott hüte uns vor der Sünde der Verschwendung! Aywa, aywa, aywa, sieben Steine hast du bereitzuhalten, für die erste Säule, jene, die der Al-Khayf-Moschee am nächsten ist, und du wirfst die Steine einen nach dem anderen, du zielst so gut du kannst auf die Säule, und wenn du nicht triffst, so mußt du noch einmal werfen, und wenn du fertig bist, gehst du weiter zur nächsten Säule. Hast du eine Frau? Nein? Wahrlich, dann mußt du dir eine Sklavin kaufen, mein Junge! Dein Verhalten ist nicht Rechtens, und die Männer werden von dir sagen — Reue, ich nehme Zuflucht in Gott —, in Wahrheit wässert sein Mund nach den Weibern anderer Moslems.
So lehrte Sheikh Mohammed seinen Schüler Sheikh Abdullah, in dem vorderen Zimmer einer Unterkunft in einem Wakalah in Kairo, aber er war bereit, wie er am Ende ihrer Treffen laut und wiederholt verkündete, ihn überallhin zu begleiten, bis zur dunklen Seite des Berges Kaf.
Es ist eine Frage der Geduld, seiner Zunge Zeit zu geben, sich zu akklimatisieren, sich zu dehnen und zu strecken nach den gaumennahen, den kehlig asthmatischen Lauten. Seinen Oberkörper zu wiegen bei den Hebungen und Senkungen eines flüssigen Rezitierens. Der rechten Hand zu überlassen, was Rechtens und rein ist. Im Sitzen und in drei dankbaren Schlucken zu trinken. Seinen Bart in Verwunderung und Überlegung einzubeziehen. Jede Hoffnung, jeden Gedanken an die Zukunft in ein Inshallah zu kleiden. Sich daran zu gewöhnen, daß er nun, nach reiflicher Überlegung, ein Pathan ist, in Britisch-Indien geboren und aufgewachsen, und daher im Hindustani eher beheimatet als in den Dialekten seiner afghanischen Vorfahren. Er hat sich gewöhnt daran, es ist ihm geläufig geworden, selbstverständlich. Wie weit ist er gekommen seit damals, als er, der junge Student, auf eigene Faust die arabische Schrift zu entschlüsseln versuchte und einem Spanier stolz vorführte, wie fließend er schon schreiben konnte. Doch anstelle von Lob erntete er nur Hohn, der Señor mit einem jener drapierten iberischen Namen belehrte ihn, daß er rechts beginnen müsse. Es gab keinen Arabischunterricht in Oxford, keine Alternative zum Latein, falsch ausgesprochen von den Greisen, die sich nichts sagen ließen.
Viel schwieriger ist es, den Erwartungen an einen Derwisch zu genügen. Salbungsvolles Gerede ist von geringem Nutzen. Ebenso unangemessen wirkt überlegtes und zurückhaltendes Benehmen. Roh und ungezogen muß er sich geben, der Zivilisation kein Untertan, die kleineren menschlichen Sorgen verachtend, der rationalen Ordnung enthoben. Nähe zu Gott kann nicht mit den Gewichten gemessen werden, die im Basar Verwendung finden. Das Zikr singt er nach dem Morgengebet, bis seine Hingabe aufkocht und seine Rufe sich den schläfrigen Ohren seiner Nachbarn einprägen. Wer seinen Weg kreuzt, dem wirft er einen finsteren Blick voller verschlüsselter Drohungen zu. Er läßt keine Gelegenheit aus, Willige zu hypnotisieren — und wenn sie willenlos sind, fordert er sie zu Handlungen auf, die sie entlarven als lächerliche Kreaturen. Schmerzhaft sind die Lektionen eines Derwisch für Kleingeister und Krämer. Er wartet nicht lange, bevor er die Hypnotisierten zurückholt und sie auffordert, den Versammelten ihr Wohlbefinden zu bestätigen. Die Magie muß in der Heilung ihren Ausgleich finden.
Erstaunlich, wie schnell er es in Kairo zum begehrten Arzt gebracht hatte. Bald nach seiner Ankunft hatte er sich zu einem der Träger im Hinterhof der Karawanserei gesetzt und in dessen trübes Auge etwas Silbernitrat getröpfelt und ihm zugeflüstert, daß er — Sheikh Abdullah — niemals Geld nehme von jenen, die es sich nicht leisten könnten. Du verstehst, einem Derwisch gebührt fettere Beute. Am nächsten Tag klopfte der Träger an seiner Tür und bedankte sich — dem Auge ginge es viel besser —, und hinter ihm stand ein Freund, der ein anderes Leiden mitbrachte. Sheikh Abdullah verabreichte einige Pillen, der Zustand des Kranken verbesserte sich, ebenso der Ruf des neuen Medikus. Die Tür zu seinem vorderen Zimmer — ins innere Zimmer ließ er niemanden hinein — wurde belagert von Armseligen, die den Arzt auch nach ihrer Heilung aufsuchten, um ihm nun die Mittel abzuverlangen, jenes Leben zu erhalten, das er bewahrt hatte. Worüber er in Wut geriet, in schreckliche Wut, und die Fordernden sich rasch verabschiedeten, bevor dem Derwisch einfiel, daß er Schaden nicht nur abwenden, sondern auch heraufbeschwören konnte.
Nachdem das Volk ihn berühmt gemacht hatte, meldeten sich Patienten aus besseren Verhältnissen an, die ersten, die sich aufrafften, selber den Wahrheitsgehalt der Gerüchte zu überprüfen. Er wurde in ein Patrizierhaus gerufen, und fast hätte er einen gravierenden Fauxpas begangen, wäre ihm nicht im Hinterhof Hadji Wali begegnet, der sich wunderte, wohin der Arzt zu Fuß aufbrach. Der Händler beschwor ihn, er schulde es seiner Position, nach einem Diener mit Maulesel zu verlangen, der ihn abzuholen und zu geleiten habe, selbst wenn das Haus des Kranken sich um die Ecke befinden sollte. Einer meiner Leute kann die Botschaft überbringen, bot Hadji Wali an, und rief sogleich einen der Herumlungernden zu sich.
Auf dem Weg zum Patrizierhaus war es nützlich, so lernte er mit der Zeit, die Diener der Reichen auszuhorchen, die einem strengen Derwisch die Antworten nicht verweigern konnten. Kenntnis der Familienverhältnisse, der Befindlichkeiten, war die halbe Heilung. Er gab ein demutsvolles Entree, er verbeugte sich vor allen Anwesenden und führte die rechte Hand an seine Lippen und seine Stirn. Wenn sie ihn fragten, was er zu trinken wünsche, so verlangte er etwas, das mit Sicherheit nicht vorrätig war, um sich schließlich mit einem Kaffee und einer Wasserpfeife zu bescheiden. Er prüfte zuerst den Puls seines Patienten, betrachtete dann die Zunge und blickte ihm schließlich in die Pupillen. Er befragte ihn ausgiebig und führte dann seine Gelehrsamkeit vor. Seine Ausführungen waren mal griechisch, mal persisch furniert, oder zumindest, wenn sein Wissen nicht ausreichte, mit griechischen und persischen Suffixen angereichert. Der Patient redete ohne Amen von seinen Beschwerden — die Diagnose erkannte auf eine vorübergehende Schwächung einer der vier Verfassungen, worauf der Arzt aus Indien etwas Handfestes verschrieb, etwas Deftiges: ein Dutzend gewaltiger Brotpillen, getunkt in Aloesaft oder Zimtwasser, gegen die Dyspepsie des Wohlhabenden, und er versäumte es nie ›im Namen Gottes‹ eine schmerzhafte Therapie hinzuzufügen ›des Allbarmherzigen‹ die Haut regelmäßig zu reiben etwa ›des Erbarmers‹ mit einer Pferdehaarbürste. Die Behandlung gipfelte in dem unvermeidlichen Feilschen um das Entgelt. Der Arzt verlangte fünf Piaster, der Patient beschwerte sich, der Arzt gab sich unbeugsam, bis der Patient, über die maßlose Gier der Inder schimpfend, einige Münzen auf den Boden warf, sich weiter empörte, gar seine Heilung in Zweifel zog, und zu dem Schluß gelangte: Die Welt ist ein Kadaver, und jene, die nach ihr verlangen, sind Aasgeier. Der Derwisch konnte sich solch ein ungebührendes Verhalten nicht gefallen lassen: Er drohte, künftige Erkrankungen nicht zu behandeln, dies Haus auf ewig zu meiden und den anderen Meistern der Heilkunst nicht zu verschweigen, welch seelische Kränkung er hier erlitten habe.