Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Wenn sie manchmal in dem Bemühen, ihn zu verstehen, sich ihm gegenüber in dem Sinn äußerte, er erwerbe sich doch ein großes Verdienst dadurch, daß er seinen Untergebenen so viel Gutes tue, dann wurde er ärgerlich und antwortete: »Das ist grundfalsch. So etwas ist mir nie in den Sinn gekommen. Um ihres Wohles willen tue ich nicht das geringste. Das ist alles poetische Verstiegenheit und Weibergeschwätz, dieses ganze Wohl des Nächsten. Was ich will, ist, daß unsere Kinder nicht betteln zu gehen brauchen; ich muß für unser Vermögen sorgen, solange ich noch das Leben habe; das ist die ganze Sache. Und dazu ist Ordnung nötig, ist Strenge nötig … So steht’s!« sagte er und ballte in lebhaftem Affekt die Faust. »Und Gerechtigkeit, versteht sich«, fügte er hinzu. »Denn wenn der Bauer nichts anzuziehen hat und hungert und nur ein einziges kümmerliches Pferd besitzt, dann kann er weder für sich noch für mich etwas erarbeiten.«
Und wahrscheinlich gerade deswegen, weil Nikolai nicht im entferntesten glaubte, daß er etwas um anderer willen, aus Tugend tue, brachte alles, was er unternahm, gute Frucht: sein Vermögen wuchs schnell; Bauern aus der Nachbarschaft kamen zu ihm mit der Bitte, er möchte sie kaufen, und noch lange nach seinem Tod behielt die Bauernschaft seine Verwaltung des Gutes in gutem Andenken. »Das war ein Gutsherr! Zuerst kamen bei ihm immer die Bauern und dann erst er selbst. Na, und Unordnung duldete er keine. Kurz: ein Gutsherr, wie er sein muß!«
VIII
Das einzige, worüber Nikolai bei seiner Tätigkeit als Gutsherr mitunter eine peinliche, quälende Empfindung hatte, war sein Jähzorn im Verein mit seiner alten Husarengewohnheit, ohne weiteres zuzuschlagen. In der ersten Zeit hatte er darin nichts Anstößiges gefunden; aber im zweiten Jahr seiner Ehe änderte sich auf einmal seine Ansicht über diese Art der Bestrafung.
Eines Tages im Sommer war der Dorfschulze aus Bogutscharowo gekommen, der Nachfolger des verstorbenen Dron; Nikolai hatte ihn rufen lassen, weil ihm an allerlei Betrügereien und Nachlässigkeiten die Schuld gegeben wurde. Nikolai ging zu ihm vor die Haustür hinaus, und schon nach den ersten Antworten des Schulzen hörte man im Flur Schreien und den Schall von Schlägen. Als Nikolai zum Frühstück nach Hause zurückkehrte, trat er auf seine Frau zu, die an ihrem Stickrahmen saß und den Kopf tief auf ihre Arbeit hinabbeugte, und begann ihr, wie das seine Gewohnheit war, alles zu erzählen, was ihn an diesem Morgen beschäftigt hatte, unter anderm auch die Geschichte mit dem Schulzen von Bogutscharowo. Gräfin Marja, die die Lippen zusammenpreßte und abwechselnd rot und blaß wurde, saß immer noch in der gleichen Haltung mit gesenktem Kopf da und antwortete nichts auf die Mitteilungen ihres Mannes.
»So ein frecher Schurke«, sagte dieser, indem er bei der bloßen Erinnerung von neuem hitzig wurde. »Na, er hätte mir sagen sollen, daß er betrunken war; denn ich hatte es nicht gesehen. Aber was ist dir, Marja?« fragte er plötzlich.
Gräfin Marja hob den Kopf in die Höhe und wollte etwas sagen; aber hastig ließ sie ihn wieder sinken und schloß die Lippen.
»Was ist dir? Was hast du, liebes Kind?«
Die unschöne Gräfin wurde jedesmal schön, wenn sie weinte. Sie weinte nie vor Schmerz oder vor Ärger, sondern immer nur aus Traurigkeit und Mitleid. Und wenn sie weinte, bekamen ihre leuchtenden Augen einen unwiderstehlichen Reiz.
Sobald Nikolai sie an der Hand faßte, war sie nicht mehr imstande sich zu beherrschen und brach in Tränen aus.
»Nikolai, ich habe es gesehen … Er hat sich ja vergangen; aber du.. warum hast du … Nikolai!« Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen.
Nikolai erwiderte nichts, wurde dunkelrot, trat von ihr zurück und begann schweigend im Zimmer auf und ab zu gehen. Er verstand, worüber sie weinte; aber er vermochte ihr nicht so auf der Stelle in seinem Herzen zuzugeben, daß eine Handlungsweise, an die er von Kindheit gewöhnt war und die er für etwas allgemein Übliches hielt, schlecht sein sollte. »Das ist Weichlichkeit, Weibergerede; oder hat sie doch recht?« fragte er sich selbst. Bevor er sich selbst auf diese Frage eine Antwort gegeben hatte, blickte er noch einmal in ihr schmerzerfülltes, liebevolles Gesicht und sah nun auf einmal ein, daß sie recht hatte; ja, er hatte die Vorstellung, als sei er sich seines Unrechtes schon längst bewußt gewesen.
»Marja«, sagte er leise, indem er zu ihr hinging, »das soll nie wieder vorkommen; ich gebe dir mein Wort. Nie wieder«, sagte er noch einmal mit zitternder Stimme wie ein Knabe, der um Verzeihung bittet.
Die Tränen strömten der Gräfin noch reichlicher aus den Augen. Sie ergriff die Hand ihres Mannes und küßte sie.
»Nikolai, wann hast du denn die Kamee entzweigemacht?« fragte sie, um das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen, und betrachtete seine Hand, an der ein Ring mit einem Laokoonskopf steckte.
»Heute; auch bei dieser Geschichte. Ach, Marja, erinnere mich nicht mehr daran.« Er wurde wieder ganz rot. »Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß es nicht wieder vorkommen wird. Und dies hier«, fügte er hinzu, indem er auf den zerbrochenen Ring wies, »soll mir eine Erinnerung für das ganze Leben sein.«
Jedesmal wenn ihm von da an bei scharfen Auseinandersetzungen mit Dorfschulzen und Verwaltern das Blut in den Kopf stieg und die Hände sich zur Faust ballen wollten, drehte Nikolai den zerschlagenen Ring an seinem Finger und schlug die Augen vor dem Menschen nieder, der ihn zornig gemacht hatte. Aber ein paarmal im Jahre vergaß er sich doch, und dann ging er zu seiner Frau, legte ein Geständnis ab und gab ihr von neuem das Versprechen, daß es nun das letztemal gewesen sein sollte.
»Marja, du verachtest mich gewiß«, sagte er zu ihr. »Ich verdiene es.«
»Geh doch weg, geh so schnell wie möglich weg, wenn du dich außerstande fühlst, dich zu beherrschen«, sagte die Gräfin Marja traurig, indem sie ihren Mann zu trösten suchte.
In der adligen Gesellschaft der Gouvernements achtete man Nikolai zwar, mochte ihn aber nicht besonders leiden. Für die Standesangelegenheiten des Adels interessierte er sich nicht, und deswegen hielten ihn manche für stolz, andere für dumm. Im Sommer verging ihm die ganze Zeit von der Frühlingsaussaat bis zur Ernte in der Tätigkeit für seine Wirtschaft. Im Herbst widmete er sich mit demselben geschäftlichen Ernst, mit dem er seine Wirtschaft besorgte, der Jagd und zog mit seinen Hunden und Jägern auf ein, zwei Monate von Hause fort. Im Winter reiste er auf den andern Dörfern umher oder beschäftigte sich mit Lektüre. Seine Lektüre bildeten Bücher, vorzugsweise geschichtliche, deren er sich jährlich eine Anzahl für eine bestimmte Summe schicken ließ. Er stellte sich, wie er sich ausdrückte, eine ernste Bibliothek zusammen und hatte es sich zur Regel gemacht, alle die Bücher, die er kaufte, durchzulesen. Mit wichtiger Miene saß er in seinem Zimmer bei dieser Lektüre, die er sich ursprünglich gleichsam wie eine Pflicht auferlegt hatte, die ihm aber dann eine gewohnte Beschäftigung geworden war, ihm eine besondere Art von Vergnügen gewährte und ihm das angenehme Bewußtsein verlieh, daß er sich mit ernsten Dingen beschäftige. Mit Ausnahme der Reisen, die er in geschäftlichen Angelegenheiten unternahm, brachte er im Winter die meiste Zeit zu Hause zu, im engen Zusammenleben mit seiner Familie und voll eifrigen Interesses für all die kleinen Beziehungen zwischen der Mutter und den Kindern. Seiner Frau trat er immer näher und entdeckte in ihr täglich neue geistige Schätze.