Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Nachdem das Drama zu Ende gespielt war und der Schauspieler sein Kostüm abgelegt hatte, zeigte ihn uns der Leiter der Aufführung.
»Seht nun, woran ihr geglaubt habt! Das ist er! Seht ihr jetzt, daß nicht er euch in Bewegung gesetzt hat, sondern ich?«
Aber lange Zeit haben die Menschen dies nicht verstanden, da ihre Augen sich durch die Kraft der Bewegung hatten täuschen lassen.
Eine noch größere Konsequenz und innere Notwendigkeit weist das Leben Alexanders I. auf, derjenigen Persönlichkeit, die an der Spitze der Gegenbewegung von Osten nach Westen stand.
Welcher Eigenschaften bedurfte der Mann, der, alle andern in den Schatten stellend, an der Spitze dieser Bewegung von Osten nach Westen stehen sollte?
Er mußte Gerechtigkeitsgefühl besitzen; er mußte Interesse haben für die Angelegenheiten Europas, ein Interesse, das nicht durch andere, kleinliche Interessen abgelenkt und getrübt wurde; er mußte an sittlicher Größe seine Standesgenossen, die Herrscher jener Zeit, überragen; er mußte ein mildes, anziehendes Wesen haben; er mußte einen persönlichen Groll gegen Napoleon hegen. Und dies alles findet sich bei Alexander I.; dies alles ist durch zahllose sogenannte »Zufälle« in seinem vorhergehenden Leben vorbereitet; durch seine Erziehung und durch die liberalen Anfänge seiner Regierung und durch die ihn umgebenden Ratgeber und durch Austerlitz und Tilsit und Erfurt.
Während des nationalen Krieges bleibt diese Persönlichkeit untätig, da sie nicht erforderlich ist. Aber sowie sich die Notwendigkeit eines allgemeinen europäischen Krieges zeigt, erscheint diese Persönlichkeit im gegebenen Augenblick auf ihrem Platz, vereinigt die Völker Europas und führt sie zum Ziel.
Das Ziel ist erreicht. Nach dem letzten Krieg von 1815 befindet sich Alexander auf dem höchsten Gipfel menschlicher Macht. Welchen Gebrauch macht er von dieser Macht?
Alexander I., er, der Europa den Frieden wiedergegeben hat, der Mann, dessen Streben von seiner Jugend an nur auf das Glück seiner Völker gerichtet ist, der erste Urheber liberaler Neuerungen in seinem Vaterland, erkennt jetzt, wo er anscheinend die allergrößte Macht und damit die Möglichkeit besitzt, seine Völker glücklich zu machen, zu gleicher Zeit, wo Napoleon in der Verbannung kindische, lügenhafte Pläne entwirft, wie er die Menschheit beglücken würde, wenn er die Macht hätte – Alexander I. erkennt, nachdem er seinen Beruf erfüllt und die Hand Gottes an sich gefühlt hat, plötzlich die Nichtigkeit dieser vermeintlichen Macht, wendet sich von ihr ab, legt sie in die Hände von Leuten, die er verachtet und die verächtlich sind, und sagt nur: »Nicht uns, nicht uns, sondern Deinem Namen sei die Ehre! Ich bin auch nur ein Mensch wie ihr; laßt mich wie ein Mensch leben und an meine Seele und an Gott denken.«
Wie die Sonne und jedes Ätheratom eine in sich abgeschlossene Kugel und zugleich nur ein Atom des in seiner Riesenhaftigkeit für den Menschen unfaßbaren Alls ist, so trägt auch jede Persönlichkeit ihren Zweck in sich selbst, muß aber gleichzeitig den allgemeinen Zwecken dienen, die den Menschen unfaßbar sind.
Eine auf einer Blume sitzende Biene hat ein Kind gestochen. Und das Kind fürchtet nun die Biene und sagt, der Zweck der Bienen bestehe darin, die Menschen zu stechen. Der Dichter erfreut sich an dem Anblick der Biene, die aus einem Blütenkelch trinkt, und sagt, der Zweck der Bienen bestehe darin, den Blütenduft einzusaugen. Der Imker, welcher sieht, daß die Biene Blütenstaub sammelt und in den Korb trägt, sagt, der Zweck der Biene bestehe in der Bereitung des Honigs. Ein andrer Imker, der das Leben des Bienenschwarmes genauer studiert, sagt, die Biene sammle den Blütenstaub zur Ernährung der jungen Bienen und zur Hervorbringung einer Königin, und ihr Zweck bestehe in der Fortpflanzung der Art. Der Botaniker bemerkt, daß die Biene, die mit dem Blütenstaub einer zweihäusigen Pflanze auf einen Stempel hinüberfliegt, diesen befruchtet, und der Botaniker sieht darin den Zweck der Biene. Ein anderer, der die Wanderung der Pflanzen beobachtet, sieht, daß die Biene zu dieser Wanderung mitwirkt; dieser neue Beobachter kann sagen, daß der Zweck der Biene hierin bestehe. Aber der Endzweck der Biene wird weder durch jenen ersten noch durch den zweiten, noch durch den dritten Zweck, noch durch sonst einen erschöpft, den der menschliche Geist zu entdecken imstande ist. Zu je größerer Höhe der menschliche Geist bei der Entdeckung dieser Zwecke sich erhebt, um so deutlicher wird ihm die Unfaßbarkeit des Endzwecks.
Der Mensch kann es über die Beobachtung der wechselseitigen Beziehungen zwischen dem Leben der Biene und anderen Lebenserscheinungen nicht hinausbringen. Und dasselbe gilt von den Zwecken der historischen Persönlichkeiten und der Völker.
V
Die Hochzeit Nataschas, die im Jahre 1813 den Grafen Besuchow heiratete, war das letzte freudige Ereignis in der alten Familie Rostow. In demselben Jahr starb Graf Ilja Andrejewitsch, und wie das meist so zu gehen pflegt, zerfiel mit seinem Tod die frühere Familie.
Die Ereignisse des letzten Jahres: der Brand von Moskau und die Flucht aus dieser Stadt, der Tod des Fürsten Andrei und Nataschas Verzweiflung, der Tod Petjas, der Gram der Gräfin, alles dies war Schlag auf Schlag auf das Haupt des alten Grafen gefallen. Es hatte den Anschein, daß er die volle Bedeutung aller dieser Ereignisse nicht begriff und sich nicht imstande fühlte sie zu begreifen; er beugte in geistigem Sinn sein altes Haupt, als ob er neue Schläge erwartete und erbäte, die ihn vollends vernichten sollten. Er schien bald ängstlich und zerstreut, bald in unnatürlicher Weise lebhaft und unternehmend.
Nataschas Hochzeit hatte ihn durch die damit verbundenen Äußerlichkeiten eine Zeitlang beschäftigt. Er bestellte die Diners und Soupers und wollte offenbar heiter erscheinen; aber seine Heiterkeit teilte sich nicht wie früher anderen mit, sondern erweckte im Gegenteil nur Mitleid bei denen, die ihn kannten und liebten.
Nachdem Pierre mit seiner jungen Frau abgereist war, wurde der alte Graf still und begann über innere Unruhe zu klagen. Einige Tage darauf wurde er krank und mußte sich zu Bett legen. Gleich in den ersten Tagen seiner Krankheit merkte er trotz aller Tröstungen seitens der Ärzte, daß er nicht wieder aufstehen werde. Die Gräfin brachte, ohne sich auszukleiden, zwei Wochen in einem Lehnstuhl am Kopfende seines Bettes zu. Jedesmal, wenn sie ihm seine Arznei reichte, küßte er ihr schluchzend, ohne ein Wort zu sagen, die Hand. Am letzten Tag bat er unter heißen Tränen seine Frau und seinen abwesenden Sohn um Verzeihung wegen der Zerrüttung der Vermögensverhältnisse – die größte Schuld, deren er sich bewußt war. Nachdem er das Abendmahl und die Letzte Ölung empfangen hatte, verschied er still, und am folgenden Tag füllte sich die Rostowsche Mietwohnung mit einer Schar von Bekannten, welche kamen, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Alle diese Bekannten, die so oft in seinem Haus diniert und getanzt und sich so oft über ihn lustig gemacht hatten, sagten jetzt mit der gleichen Empfindung eines inneren Selbstvorwurfes und der Rührung, wie wenn sie sich vor jemand rechtfertigen wollten: »Ja, mag man sagen, was man will, aber ein prächtiger Mensch war er doch. Solche Leute findet man heutzutage gar nicht mehr … Und wer hat nicht seine Schwächen?«
Gerade zu der Zeit, als die Angelegenheiten des Grafen dermaßen in Verwirrung waren, daß man sich keine Vorstellung davon machen konnte, wie das alles enden würde, wenn es noch ein Jahr so fortginge, gerade zu der Zeit war er nun plötzlich gestorben.
Nikolai befand sich mit den russischen Truppen in Paris, als die Nachricht vom Tod seines Vaters zu ihm gelangte. Er reichte sofort seinen Abschied ein, nahm, ohne diesen abzuwarten, Urlaub und reiste nach Moskau. Der Vermögensstand war einen Monat nach dem Tod des Grafen völlig klargestellt, und alle waren erstaunt über den riesigen Gesamtbetrag der verschiedenen kleinen Schulden, von deren Existenz niemand auch nur eine Ahnung gehabt hatte. Die Schulden waren doppelt so groß als das Vermögen.