Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Weißt du, du kannst doch auch ungerecht sein; du liebst dieses Kind zu sehr«, sagte Gräfin Marja flüsternd auf französisch.
»Ja, aber was ist da zu tun? Ich gebe mir Mühe, es nicht merken zu lassen …«
In diesem Augenblick wurde vom Flur und vom Vorzimmer her das Geräusch der Rolle an der Haustür und der Schall von Schritten vernehmbar; es klang gerade, wie wenn jemand ankäme.
»Es ist jemand gekommen.«
»Ich glaube bestimmt, daß es Pierre ist. Ich will hingehen und nachsehen«, sagte Gräfin Marja und verließ das Zimmer.
In ihrer Abwesenheit erlaubte sich Nikolai, sein Töchterchen im Galopp rings im Zimmer herumreiten zu lassen. Als er außer Atem gekommen war, hob er das lachende Kind schnell herunter und drückte es an seine Brust. Seine Sprünge erinnerten ihn an das Tanzen, und beim Anblick des runden, glückseligen Kindergesichtchens dachte er daran, wie die jetzige kleine Natascha wohl dann aussehen werde, wenn er als schon älterer Mann sie in die Gesellschaft führen und (wie manchmal sein verstorbener Vater mit seiner Tochter den Danilo Kupor vorgeführt hatte) mit ihr eine Mazurka tanzen werde.
»Er ist es, er ist es, Nikolai«, sagte Gräfin Marja, als sie einige Minuten darauf ins Zimmer zurückkehrte. »Jetzt ist aber Frau Natascha lebendig geworden. Du hättest ihr Entzücken sehen sollen, und wie er sogleich seine Schelte dafür bekam, daß er so lange weggeblieben war. Nun komm schnell, komm! Trennt euch endlich einmal voneinander«, sagte sie und blickte lächelnd das kleine Mädchen an, das sich an den Vater schmiegte.
Nikolai ging hinaus, sein Töchterchen an der Hand führend. Gräfin Marja blieb noch einen Augenblick im Sofazimmer zurück.
»Nie, nie hätte ich geglaubt«, flüsterte sie vor sich hin, »daß ich so glücklich sein könnte.« Auf ihrem Gesicht lag ein strahlendes Lächeln; aber in demselben Augenblick seufzte sie, und eine stille Traurigkeit prägte sich in ihrem tiefen Blick aus, als gäbe es außer dem Glück, das sie jetzt empfand, noch ein anderes, in diesem Leben unerreichbares Glück, an das sie in diesem Augenblick unwillkürlich denken mußte.
X
Natascha hatte sich im Jahre 1813 zu Beginn des Frühlings verheiratet und hatte im Jahre 1820 schon drei Töchter und einen Sohn, den sie sich sehr gewünscht hatte und jetzt selbst nährte. Sie war voller und breiter geworden, so daß man in dieser kräftigen Mutter nur schwer die frühere schlanke, bewegliche Natascha wiedererkannte. Ihre Gesichtszüge waren bestimmter geworden und trugen den Ausdruck ruhiger Milde und Klarheit. Auf ihrem Gesicht lag nicht wie früher dieses beständig brennende Feuer der Lebhaftigkeit, das ihren besonderen Reiz gebildet hatte. Jetzt sah man bei ihr oft nur Gesicht und Leib, und von der Seele war nichts zu sehen. Man sah nur das kräftige, schöne, fruchtbare Weib. Sehr selten flammte jetzt bei ihr das frühere Feuer wieder auf. Das geschah nur dann, wenn, wie jetzt, ihr Mann zurückkehrte, oder wenn eines der Kinder wieder gesund wurde, oder wenn sie im Gespräch mit Gräfin Marja des Fürsten Andrei gedachte (mit ihrem Mann sprach sie nie von ihm, da sie vermutete, daß er auf das Andenken des Fürsten Andrei eifersüchtig sei), und sehr selten, wenn irgend etwas sie zufällig dazu verlockte, wieder einmal zu singen, was sie seit ihrer Verheiratung fast ganz aufgegeben hatte. Und in diesen seltenen Augenblicken, wo das frühere Feuer in ihrem voll erblühten, schönen Körper wieder aufflammte, war sie noch anziehender als ehemals.
Seit ihrer Verheiratung lebte Natascha mit ihrem Mann bald in Moskau, bald in Petersburg, bald auf dem Land in der Nähe von Moskau, bald bei ihrer Mutter, d.h. bei Nikolai. In der Gesellschaft sah man die junge Gräfin Besuchowa wenig, und diejenigen, die sie dort sahen, waren nicht sonderlich von ihr entzückt. Sie zeigte sich nicht freundlich und liebenswürdig. Nicht eigentlich, daß Natascha die Einsamkeit geliebt hätte (sie wußte nicht recht, ob sie sie liebte oder nicht, es schien ihr aber eher, daß sie sie nicht liebte); aber da sie mit den Schwangerschaften, den Entbindungen und dem Nähren der Kinder viel zu tun hatte und an jedem Augenblick des Lebens ihres Mannes Anteil nahm, so konnte sie diesen Anforderungen nur durch einen Verzicht auf das gesellschaftliche Leben gerecht werden. Alle, die Natascha vor ihrer Verheiratung gekannt hatten, wunderten sich über die mit ihr vorgegangene Veränderung wie über etwas Außerordentliches. Nur die alte Gräfin begriff mit ihrem mütterlichen Instinkt, daß Nataschas ganzes früheres temperamentvolles Benehmen seinen Ursprung nur in dem Verlangen gehabt hatte, einen Mann und eine Familie zu besitzen (wie sie das in Otradnoje einmal nicht sowohl im Scherz als vielmehr in vollem Ernst laut ausgesprochen hatte), und wunderte sich über die Verwunderung der Leute, die für Nataschas Wesen kein Verständnis hatten, und erklärte wiederholentlich, sie habe immer gewußt, daß Natascha ein Muster von einer Gattin und Mutter werden würde.
»Sie geht nur zu weit in ihrer Liebe zu ihrem Mann und zu ihren Kindern«, sagte die Gräfin. »Das wird ja geradezu töricht.«
Natascha befolgte nicht jene goldene Regel, die von klugen Leuten, namentlich von den Franzosen gepredigt wird und besagt, ein Mädchen, das sich verheiratet, dürfe sich nicht vernachlässigen, dürfe seine Talente nicht brachliegen lassen, müsse sich noch mehr als in seiner Mädchenzeit mit seinem Äußern beschäftigen und müsse den Mann ebenso an sich zu fesseln suchen wie vor der Ehe. Natascha dagegen hatte sofort alle ihre Reizmittel beiseite geworfen, von denen bei ihr das wirkungsvollste der Gesang war. Und eben deswegen, weil dieser ein so starkes Reizmittel war, hatte sie ihn aufgegeben. Sie verwendete weder auf ihr äußeres Benehmen Achtsamkeit, noch auf taktvolle Ausdrucksweise beim Reden, noch darauf, sich ihrem Mann in den vorteilhaftesten Stellungen zu zeigen, noch auf ihre Toilette, noch darauf, ihren Mann nicht durch ihre Ansprüche zu beschränken. Sie tat das volle Gegenteil von diesen Regeln. Sie hatte das Gefühl, daß die Reizmittel, zu deren Anwendung sie früher der Instinkt hingeleitet hatte, jetzt nur lächerlich sein würden in den Augen ihres Mannes, dem sie sich vom ersten Augenblick an völlig hingegeben hatte, d.h. mit ganzer Seele, ohne ihm auch nur in ein Winkelchen derselben den Einblick zu versagen. Sie hatte das Gefühl, daß ihre Verbindung mit ihrem Mann nicht durch jene poetischen Empfindungen unverbrüchlich bewahrt werde, die ihn zu ihr hingezogen hatten, sondern durch etwas anderes, das sich nicht recht definieren ließ, aber fest war wie die Verbindung ihrer eigenen Seele mit dem Körper.
Sich Locken zu brennen, eine moderne robe ronde anzuziehen und Liebeslieder zu singen, um ihren Mann zu sich heranzuziehen, das wäre ihr ebenso seltsam vorgekommen, wie wenn sie sich hätte schmücken wollen, um ihr eigenes Wohlgefallen zu erregen. Sich zu schmücken, um anderen zu gefallen, das hätte ihr vielleicht wirklich Freude gemacht (sie wußte es nicht); aber sie hatte schlechterdings keine Zeit dazu. Und der Hauptgrund, weshalb sie sich weder mit dem Gesang, noch mit ihrer Toilette, noch mit dem sorgsamen Abwägen ihrer Worte beschäftigte, lag eben darin, daß sie absolut keine Zeit hatte, sich damit zu beschäftigen.
Bekanntlich besitzt der Mensch die Fähigkeit, sich ganz in einen Gegenstand zu versenken, mag dieser auch noch so unbedeutend erscheinen, und es gibt keinen so unbedeutenden Gegenstand, der, wenn man ihm seine gesamte Aufmerksamkeit zuwendet, nicht ins Grenzenlose wüchse.
Der Gegenstand, in den sich Natascha vollständig versenkte, war die Familie, d.h. ihr Mann, den sie so festhalten mußte, daß er ungeteilt ihr und dem Haus gehörte, sowie ihre Kinder, die sie tragen, gebären, nähren und erziehen mußte.
Und je mehr sie, nicht mit dem Verstand, sondern mit ihrer ganzen Seele und ihrem ganzen Wesen, in den Gegenstand eindrang, der sie beschäftigte, um so mehr wuchs dieser Gegenstand unter ihrer Aufmerksamkeit und um so geringer und schwächer erschienen ihr ihre Kräfte, so daß sie sie alle auf ein und dieselbe Aufgabe konzentrierte und es ihr trotzdem nicht gelang, alles das auszuführen, was ihr notwendig schien.