Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Sonja lebte seit Nikolais Verheiratung mit in seinem Haus. Noch vor der Hochzeit hatte Nikolai seiner Frau alles erzählt, was zwischen ihm und Sonja vorgekommen war, und zwar in der Weise, daß er sich selbst als schuldig hinstellte und Sonja lobte. Er hatte Prinzessin Marja gebeten, gegen seine Kusine freundlich und gut zu sein. Gräfin Marja erkannte in vollem Umfang die Schuld, die ihr Mann auf sich geladen hatte; auch hatte sie die Empfindung, daß sie selbst Sonja gegenüber sich schuldig gemacht habe; sie glaubte, ihr Vermögen habe auf Nikolais Wahl Einfluß gehabt, konnte Sonja in keiner Hinsicht einen Vorwurf machen und hatte die beste Absicht, sie zu lieben; aber trotzdem liebte sie sie nicht, ja, sie fand sogar häufig in ihrer Seele gegen Sonja böse Gefühle vor, die sie nicht zu unterdrücken vermochte.
Eines Tages sprach sie mit ihrer Freundin Natascha über Sonja und über ihre eigene Ungerechtigkeit gegen dieselbe.
»Weißt du was?« sagte Natascha. »Du hast ja soviel im Evangelium gelesen; da gibt es eine Stelle, die akkurat auf Sonja paßt.«
»Welche denn?« fragte Gräfin Marja erstaunt.
»›Wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird genommen‹, besinnst du dich? Sonja ist so eine, die nicht hat; warum? das weiß ich nicht. Es fehlt ihr vielleicht an Egoismus, ich weiß das nicht; aber es wird ihr genommen, und so ist ihr denn alles genommen worden. Sie tut mir manchmal schrecklich leid; ich habe früher lebhaft gewünscht, Nikolai möchte sie heiraten; aber ich hatte immer so eine Art Ahnung, daß nichts daraus werden würde. Sie ist eine taube Blüte; weißt du, wie an einer Erdbeerstaude. Manchmal tut sie mir leid; aber manchmal denke ich, daß sie es nicht so empfindet, wie wir es empfinden würden.«
Gräfin Marja setzte ihr zwar auseinander, daß diese Worte im Evangelium anders zu verstehen seien, stimmte aber, wenn sie Sonja ansah, der von Natascha gegebenen Erklärung bei. Auch schien es wirklich, daß Sonja sich durch ihre Lage nicht bedrückt fühlte und sich mit ihrer Bestimmung als taube Blüte völlig ausgesöhnt habe. Sie schätzte, wie es schien, nicht sowohl die Menschen als vielmehr die ganze Familie. Wie eine Katze hatte sie sich nicht in die Menschen eingelebt, sondern in das Haus. Sie pflegte die alte Gräfin, liebkoste und hätschelte die Kinder und war stets bereit, die kleinen Dienste zu leisten, zu denen sie befähigt war; aber man nahm das alles unwillkürlich mit wenig Dank hin.
Das Gutshaus von Lysyje-Gory war neu gebaut worden, aber keineswegs so großartig, wie es bei dem verstorbenen Fürsten gewesen war.
Das Bauwerk selbst, noch in der Zeit der Not begonnen, war mehr als einfach. Das gewaltige Gebäude, das auf dem alten Steinfundament errichtet war, war von Holz, nur von innen mit Kalk beworfen. Geräumig war es ja; aber die Fußböden bestanden nur aus ungestrichenen Dielen und das Mobiliar aus ganz einfachen, harten Sofas und Sesseln, aus Stühlen und Tischen; die von den eigenen Tischlern aus eigenen Birken gearbeitet waren. Das Haus enthielt auch Stuben für die Dienerschaft und Abteilungen für Gäste. Rostowsche und Bolkonskische Verwandte kamen manchmal nach Lysyje-Gory zu Besuch, und zwar mit den ganzen Familien, mit sechzehn Pferden und einem vielköpfigen Dienstpersonal, und wohnten dort monatelang. Außerdem stellten sich viermal im Jahr, zu den Namens- und Geburtstagen des Hausherrn und der Hausfrau, Gäste bis zu hundert Personen auf einen bis zwei Tage ein. Während der übrigen Zeit des Jahres nahm das Leben seinen ungestörten, regelmäßigen Verlauf mit den gewöhnlichen Beschäftigungen und Mahlzeiten: Tee, Frühstück, Mittagessen und Abendessen, alles aus den häuslichen Vorräten.
IX
Es war am Tag vor dem Winter-Nikolausfest, am 5. Dezember 1820. In diesem Jahr war Natascha mit ihren Kindern und ihrem Mann seit dem Anfang des Herbstes bei ihrem Bruder zu Besuch. Pierre war jedoch in besonderen persönlichen Angelegenheiten nach Petersburg gefahren; er hatte gesagt, auf drei Wochen, war aber jetzt schon die siebente Woche dort. Man erwartete ihn jeden Augenblick zurück.
Am 5. Dezember war, außer der Familie Besuchow, bei Rostows auch noch ein alter Freund Nikolais zu Besuch, der General a.D. Wasili Fedorowitsch Denisow.
Nikolai wußte, was ihm am 6., seinem Namenstag, bevorstand, zu welchem die Gäste von allen Seiten eintreffen würden: er mußte sein gestepptes Jackett ablegen, den Oberrock sowie enge Stiefel mit schmalen Spitzen anziehen, in die neue Kirche fahren, die er hatte bauen lassen, dann die Glückwünsche entgegennehmen, den Gästen einen Imbiß anbieten und eine Unterhaltung über die Adelswahlen und den Erdrutsch führen. Aber den vorhergehenden Tag hielt er sich für berechtigt, noch in gewohnter Weise zu verleben. Vor dem Mittagessen revidierte er die Rechnungen des Vogtes aus dem Dorf im Rjasanschen über das Gut des Neffen seiner Frau, schrieb zwei Geschäftsbriefe und machte einen Inspektionsgang nach der Tenne und dem Vieh- und Pferdehof. Nachdem er noch vorbeugende Anordnungen gegen eine allgemeine Betrunkenheit getroffen hatte, die für morgen aus Anlaß des hohen Festtages zu erwarten war, ging er zum Mittagessen und nahm, ohne daß er Zeit gehabt hätte noch mit seiner Frau ein paar Worte allein zu sprechen, an dem langen Tisch mit zwanzig Gedecken Platz, an dem bereits alle Hausgenossen versammelt waren. An dem Tisch saßen seine Mutter, das alte Fräulein Bjelowa, das mit dieser zusammen wohnte, seine Frau, seine drei Kinder, die Gouvernante, der Erzieher, der Neffe mit seinem Erzieher, Sonja, Denisow, Natascha, ihre drei Kinder, deren Gouvernante und der alte Michail Iwanowitsch, der bei dem verstorbenen Fürsten Baumeister gewesen war und nun in Lysyje-Gory im Ruhestand lebte.
Gräfin Marja saß am entgegengesetzten Ende des Tisches. Sowie ihr Mann sich an seinen Platz setzte, merkte sie an der Gebärde, mit der er die Serviette ergriff und hastig die vor ihm stehenden Gläser anders rückte, sofort, daß er verstimmt war, wie das oft bei ihm vorkam, namentlich vor der Suppe, und wenn er unmittelbar aus der Wirtschaft zum Essen kam. Gräfin Marja kannte diese Stimmung an ihm sehr wohl, und wenn sie selbst guter Laune war, so wartete sie ruhig, bis er seine Suppe gegessen hatte, begann dann erst mit ihm zu reden und brachte ihn zu dem Eingeständnis, daß seine üble Stimmung keinen vernünftigen Grund gehabt habe. Aber heute vergaß sie das sonst von ihr beobachtete Verfahren vollständig; es war ihr schmerzlich, daß er ohne Anlaß auf sie böse war, und sie fühlte sich unglücklich. Sie fragte ihn, wo er gewesen sei. Er antwortete. Sie fragte weiter, ob er in der Wirtschaft alles in Ordnung gefunden habe. Er runzelte wegen ihres gekünstelten Tones unfreundlich die Stirn und gab eine hastige Antwort.
»Ich habe mich also nicht geirrt«, dachte Gräfin Marja. »Und warum mag er nur böse auf mich sein?« Aus dem Ton, in dem er ihr geantwortet hatte, hörte Gräfin Marja eine Mißstimmung gegen sich heraus, sowie den Wunsch, das Gespräch abzubrechen. Sie fühlte selbst, daß ihre Worte unnatürlich klangen; aber sie konnte sich nicht enthalten, noch ein paar Fragen zu tun.
Das Tischgespräch wurde bald ein allgemeines und lebhaftes, wozu besonders Denisow beitrug, und Gräfin Marja sprach nicht mehr mit ihrem Mann. Als sie vom Tisch aufstanden und zu der alten Gräfin hingingen, um ihr zu danken, reichte Gräfin Marja ihrem Mann die Hand, küßte ihn und fragte ihn, weswegen er auf sie böse sei.
»Du hast immer so sonderbare Ideen; es fällt mir gar nicht ein, böse zu sein«, erwiderte er.
Aber aus dem Wort »immer« hörte Gräfin Marja die Antwort heraus: »Ja, ich bin böse und will es nicht sagen.«
Nikolai lebte mit seiner Frau so einträchtig, daß selbst Sonja und die alte Gräfin, die aus Eifersucht Mißhelligkeiten zwischen den beiden ganz gern gesehen hätten, keinen Vorwand zu einem Vorwurf finden konnten; aber auch zwischen diesen Gatten kamen Augenblicke von Feindseligkeit vor. Manchmal, und zwar gerade nach Zeiten glücklicher Harmonie, überkam sie beide auf einmal ein Gefühl der Entfremdung und Feindseligkeit; dieses Gefühl zeigte sich am häufigsten während der Schwangerschaften der Gräfin Marja. Jetzt befanden sie sich gerade in einem solchen Zeitabschnitt.