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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Dispute und Debatten über die Rechte der Frauen, über das Verhältnis der Ehegatten, über die Freiheit und Rechte derselben, gab es damals gerade ebenso wie heutzutage, wenn man diese Dinge auch noch nicht, wie jetzt, »Fragen« nannte; aber für diese Fragen interessierte sich Natascha nicht, ja, sie verstand nicht das geringste von ihnen.

Diese Fragen existierten damals, wie es auch jetzt der Fall ist, nur für diejenigen Leute, die in der Ehe lediglich ein Vergnügen sehen, das die Ehegatten einander bereiten, d.h. nur den Ausgangspunkt der Ehe, aber nicht ihre ganze Bedeutung, die in der Familie besteht.

Diese Erörterungen und die heutigen »Fragen« haben eine gewisse Ähnlichkeit mit der Frage, wie man vom Mittagessen einen möglichst großen Genuß haben kann: für Menschen, denen der Zweck des Mittagessens die Ernährung und der Zweck der Ehe die Familie ist, existierten sie damals nicht und existieren sie jetzt nicht.

Wenn der Zweck des Mittagessens die Ernährung des Körpers ist, so wird derjenige, der zwei Mittagessen mit einemmal verzehrt, vielleicht ein größeres Vergnügen erzielen, aber den Zweck nicht erreichen, da der Magen die beiden Mittagessen nicht zu verdauen vermag.

Wenn der Zweck der Ehe die Familie ist, so wird derjenige, der viele Frauen und Männer zu haben begehrt, vielleicht viel Vergnügen erlangen, in keinem Fall aber wird er eine Familie haben.

Ist der Zweck des Mittagessens die Ernährung und der Zweck der Ehe die Familie, so gibt es nur eine Lösung der ganzen Frage, nämlich diese: man darf nicht mehr essen, als der Magen verdauen kann, und man darf nicht mehr Frauen und Männer haben, als für die Familie erforderlich ist, d.h. eine Frau und einen Mann. Natascha hatte das dringende Verlangen nach einem Mann gehabt. Ein solcher war ihr zuteil geworden. Und durch den Mann erlangte sie eine Familie. Und sich einen andern, besseren Mann zu wünschen, dazu sah sie gar keine Veranlassung; sondern da alle Kraft ihrer Seele darauf gerichtet war, diesem Mann und dieser Familie zu dienen, so konnte sie sich nicht vorstellen, was sein würde, wenn es anders wäre, und sah auch gar nicht, was für ein Interesse sie hätte, sich dergleichen vorzustellen.

Natascha liebte im allgemeinen den gesellschaftlichen Verkehr nicht; aber um so mehr Wert legte sie auf den Verkehr mit ihren Angehörigen: der Gräfin Marja, ihrem Bruder, ihrer Mutter und Sonja. Sehr gern verkehrte sie mit den Menschen, zu denen sie ungekämmt, im Negligé, mit ihren großen Schritten aus dem Kinderzimmer hingelaufen kommen konnte, um ihnen mit hocherfreutem Gesicht eine Windel mit einem gelben Fleck statt eines grünen zu zeigen und die tröstliche Versicherung zu hören, daß es jetzt mit dem Kind weit besser gehe.

Natascha gab auf ihr Verhalten so wenig acht, daß ihre Kleider, ihre Haartracht, ihre unbedacht hingesprochenen Worte und ihre Eifersucht (sie war eifersüchtig auf Sonja, auf die Gouvernante, auf jedes schöne und unschöne weibliche Wesen) ein gewöhnlicher Stoff zu Scherzen für alle ihre Angehörigen waren. Die allgemeine Anschauung war die, daß Pierre unter dem Pantoffel seiner Frau stehe, und dies war auch tatsächlich der Fall. Gleich in den ersten Tagen ihrer Ehe hatte Natascha ihre Forderungen formuliert. Pierre war sehr erstaunt gewesen über diese ihm ganz neue Auffassung seiner Frau, daß jede Minute seines Lebens ihr und der Familie gehöre. Pierre war erstaunt gewesen über diese Forderung, hatte sich aber dadurch geschmeichelt gefühlt und sich ihr gefügt.

Pierres Unterwürfigkeit bestand darin, daß er nicht wagte, einer andern Frau den Hof zu machen oder auch nur lächelnd mit ihr zu reden, nicht wagte, ohne besonderen Anlaß, nur um die Zeit auszufüllen, zum Diner in einen Klub zu fahren, nicht wagte, für Launen Geld auszugeben, nicht wagte, für längere Zeit zu verreisen, außer in geschäftlichen Angelegenheiten, zu denen seine Frau auch seine Beschäftigung mit den Wissenschaften rechnete, von denen sie nichts verstand, denen sie aber einen hohen Wert beimaß. Zum Entgelt dafür hatte Pierre das Recht, bei sich zu Hause nicht nur über sich selbst, sondern auch über die ganze Familie nach seinem Belieben zu verfügen. Natascha hatte sich im Haus ihrem Mann gegenüber die Stellung einer Sklavin angewiesen; und das ganze Haus ging auf den Fußspitzen, wenn Pierre arbeitete, d.h. in seinem Zimmer las oder schrieb. Pierre brauchte nur eine Vorliebe für irgend etwas zum Ausdruck zu bringen, und das, was er gern hatte, wurde dauernd beobachtet. Er brauchte nur einen Wunsch merken zu lassen, und Natascha sprang auf und lief weg, um ihn zu erfüllen.

Das ganze Haus wurde nur von den angeblichen Befehlen des Mannes regiert, d.h. von Pierres Wünschen, die Natascha zu erraten suchte. Die Lebensweise, der Wohnort, die Bekanntschaften, die gesellschaftlichen Beziehungen, Nataschas Beschäftigungen, die Erziehung der Kinder, das alles richtete sich nicht nur nach Pierres ausgesprochenem Willen, sondern Natascha bemühte sich auch das zu erraten, was die Konsequenz der Gedanken sein konnte, die Pierre gesprächsweise geäußert hatte. Und sie traf mit großer Sicherheit das, worin der eigentliche Kern von Pierres Wünschen bestand, und hatte sie es einmal erraten, so hielt sie an dem einmal gewählten standhaft fest. Wenn dann Pierre selbst einmal seinem Wunsch untreu werden wollte, so bekämpfte sie ihren Mann mit seinen eigenen Waffen.

Ein Beispieclass="underline" in einer schweren Zeit, die in Pierres Gedächtnis für immer als denkwürdig haftete, nämlich nach der Geburt des ersten, schwächlichen Kindes, als sie nacheinander drei Ammen hatten nehmen müssen und Natascha vor Verzweiflung krank geworden war, da hatte ihr Pierre einmal von einem ihm völlig einleuchtenden Gedanken Rousseaus über die Widernatürlichkeit und Schädlichkeit der Ammen Mitteilung gemacht. Beim folgenden Kind setzte nun Natascha trotz des Widerspruchs ihrer Mutter, der Ärzte und ihres Mannes selbst, welche ihr das Selbstnähren als ein damals unerhörtes und für schädlich angesehenes Verfahren verwehren wollten, ihren Willen durch und nährte seitdem alle ihre Kinder selbst.

Recht häufig kam es in Augenblicken der Erregung vor, daß Mann und Frau sich stritten; aber wenn der Streit vorbei war, dann begegnete Pierre noch lange nachher zu seinem freudigen Erstaunen nicht nur in den Worten seiner Frau, sondern auch in ihren Handlungen eben jenem Gedanken, gegen den sie angekämpft hatte. Und er begegnete nicht nur diesem Gedanken wieder, sondern fand ihn auch gereinigt von all den überflüssigen Zutaten, mit denen er selbst ihn entstellt hatte, als er ihn in der Hitze des Streites aussprach.

Jetzt nach sieben Jahren des Ehelebens hatte Pierre das frohe, festbegründete Bewußtsein, daß er kein schlechter Mensch war, und er hegte diese Überzeugung deswegen, weil er sich selbst in seiner Frau widergespiegelt sah. In seinem eigenen Innern war nach seiner Empfindung alles Gute und Schlechte miteinander vermischt und verdunkelte sich gegenseitig. Aber in seiner Frau spiegelte sich nur das wider, das wahrhaft gut war; alles nicht völlig Gute kam in Wegfall. Und diese Widerspiegelung vollzog sich nicht mittels des logischen Denkens, sondern auf einem andern, geheimnisvollen, direkten Weg.

XI

Vor zwei Monaten hatte Pierre, der damals schon bei Rostows zu Besuch war, einen Brief vom Fürsten Fjodor erhalten, worin dieser ihn bat, nach Petersburg zu kommen zum Zweck der Beratung wichtiger Fragen, welche die Mitglieder eines Vereins in Petersburg beschäftigten, bei dessen Gründung Pierre in hervorragender Weise mitgewirkt hatte.

Als Natascha diesen Brief gelesen hatte, wie sie denn alle Briefe ihres Mannes las, redete sie ihm selbst zu, nach Petersburg zu fahren, so schwer es ihr auch fallen mußte, von ihm getrennt zu sein. Allem, was mit der geistigen, abstrakten Tätigkeit ihres Mannes zusammenhing, legte sie, ohne ein Verständnis dafür zu besitzen, eine gewaltige Wichtigkeit bei und befürchtete beständig, ihrem Mann bei dieser Tätigkeit ein Hemmnis zu sein. Auf Pierres schüchternen, fragenden Blick nach dem Durchlesen dieses Briefes antwortete sie mit der Bitte, er möchte doch hinfahren und ihr nur sicher die Zeit seiner Rückkehr angeben. Und so wurde ihm denn auf vier Wochen Urlaub erteilt.

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