Das Haus der verlorenen Herzen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Das Haus der verlorenen Herzen». Краткое содержание книги:
Mit den raffiniertesten Mitteln wird Dr. Volkmar die Flucht unmöglich gemacht; er verliert seine Identität und gilt zu Hause in München als tot. Denn Dr. Eugenio Soriano, sein immer höflicher Entführer, braucht seine Dienste. Doch welcher Art die sind, begreift Dr. Volkmar erst ganz allmählich…
In einen goldenen Käfig eingesperrt, leidenschaftlich in Sorianos Tochter, die schöne Loretta, verliebt, wehrt sich Dr. Volkmar mit allen Kräften dagegen, an einem abscheulichen Verbrechen mitschuldig zu werden. Denn Soriano, der in Palermo als Menschenfreund gilt, benötigt die ärztliche Kunst seines Gefangenen, um sich und die >Ehrenwerte Gesellschaft auf grauenvolle Weise zu bereichern.
Das Immunbiologische Labor war vollkommen. Ein Sereologe und ein Biochemiker mit zehn Laborantinnen steckten mitten in einer Versuchsreihe von Immunblockern. Ihre Forschungen konzentrierten sich vor allem auf die Corticosteroide, die eine Unterdrückung der Immunreaktion des Körpers gegen das Transplanat versprachen. Auch Ganzkörperröntgenbestrahlungen waren bei Affen angewandt worden, aber hierbei trat schon nach drei Tagen die erste Abwehrreaktion auf, die dann nicht mehr unter Kontrolle zu bringen war.
Dr. Volkmar kümmerte sich in den nächsten Tagen nur um eine Vervollkommnung der Operationstechniken. Die in der chirurgischen Welt herumgeisternde Ansicht, eine partielle Herzverpflanzung könne unter Umständen möglich sein, hatte er nach vielen Versuchen schon in München aufgegeben. Für ihn war eine Ganztransplantation das Ziel. Ein neues Herz gegen ein altes Herz — nicht nur ein Teil von ihnen.
Dr. Nardo und das Ärzteteam, das Volkmar zur Verfügung stand, erlebten zum erstenmal, was es heißt, wenn ein Mann von seiner Idee besessen ist. Es gab keine geregelte Arbeitszeit mehr, keine Stunden, keine Uhr. An Affen, Hunden, Katzen, Schweinen und Scha-fen wurde operiert, und zum erstenmal probierte Volkmar auch den Demichowschen Gefäßklammerapparat aus, an einer der Leichen, die im Kühlraum aufbewahrt wurden und die, wie Soriano erzählt hatte, von den Hinterbliebenen abgekauft worden waren. Es zeigte sich dabei, daß die Neukonstruktion kühn und gut, aber noch nicht vollkommen war. Genau das, was Volkmar schon vorhergesagt hatte und weshalb er sich entschlossen hatte, eine eigene Gefäßnahtmaschine zu konstruieren.
«Was fehlt?«fragte Dr. Soriano, als Volkmar sich nach sechs Tagen an ihn wandte.
«Ich benötige einen Ingenieur für Feinmechanik. Ich weiß, wie die Maschine funktionieren soll und kann, aber ich bin kein Techniker, ich kann so ein Ding nicht bauen.«
«Ich werde den besten Feinmechaniker auftreiben, den Italien zu bieten hat«, sagte Dr. Soriano. Sie saßen zu dritt aufVolkmars Dachgarten: Don Eugenio, Volkmar und Loretta. Und sie ahnten nicht, was gerade zu dieser Stunde in Palermo geschah.
Anna hatte ihren freien Tag genommen, den ersten freien Tag, seit sie Lorettas Zofe war. Und sie hätte ihn auch nie genommen, wenn Loretta nicht in der entscheidenden Nacht bei Volkmar geblieben wäre.
In dieser Nacht hockte Anna weinend in ihrem Bett, hieb in die Kissen, zerriß das Bettuch, sprang auf und rannte in dem kleinen Zimmer hin und her, von der Tür zum Fenster, von Wand zu Wand, riß sich an den eigenen Haaren und lief dann hinunter in Lorettas Wohnung, bettelte die Madonnen im Salon an, saß bis zum Morgengrauen herum und wartete, und vor ihrem inneren Bild vollzog sich das Geschehen, diese herrliche Verschmelzung zweier Körper, von der sie immer geträumt hatte. Und diesen Traum hatte Loretta ihr jetzt geraubt.
Am nächsten Morgen merkte niemand ihr an, wie sehr sie in der Nacht gelitten hatte. Doch das Glück, das Loretta ausstrahlte, verbrannte ihre Sehnsucht zu Haß. Enrico war für sie verloren, das wußte sie jetzt. Aber sie wußte auch, daß Dr. Enrico Volkmar nicht freiwillig in diesem Hause lebte, auch wenn sich vieles nach dieser Nacht ändern würde. Er war als Gefangener hergekommen, er war für die Welt jenseits der Mauern von Solunto tot — und das würde er bleiben, auch wenn Loretta in seinem Bett lag.
An diesem Abend kaufte sich Anna in Palermo ein kleines Tonbandgerät und drei kleine Tonbänder. Sie konnte nicht gut schreiben, ihre Schrift war ungelenk und kindlich und hätte sie verraten können. Aber sprechen konnte sie. Sie ließ sich das Tonbandgerät erklären, wanderte dann in den Orto Botanico und setzte sich abseits der Wege in ein dichtes Bambusgestrüpp. Dort besprach sie die drei Tonbänder, hielt sich beim Sprechen das Taschentuch vor den Mund und senkte ihre Stimme, so tief sie konnte, um einen Mann zu imitieren.
Sie spielte ein Band zur Kontrolle ab, war zufrieden mit dem Ergebnis und lief in die Stadt zurück. Dort steckte sie je ein Tonband bei den drei Zeitungen Palermos in den Briefkasten, aß dann zufrieden in einem kleinen Ristorante eine Portion Lasagne und trank einen Viertelliter Wein.
Ein junger Mann, der sie die ganze Zeit beobachtete, lächelte sie an, und sie lächelte zurück. Das Herz tat ihr weh, als der Junge an ihren Tisch kam und sich neben sie setzte.
«Du bist ein bezauberndes Mädchen!«sagte er geradeaus.»Wollen wir zusammen schlafen? Ich bin Maler. Kunstmaler. Ich verstehe was von Körpern! Du wärest ein herrliches Modell! Gehen wir? Ich habe ein kleines Zimmer unterm Dach. Ich fange erst an, weißt du. Aber ich spüre, du kannst mir Glück bringen. Willst du mit mir schlafen?«
Sie nickte und ging mit. Und während sie Arm in Arm durch die nächtlichen Straßen von Palermo gingen, dachte sie an Dr. Volkmar und nahm Abschied von ihm und ihrer heimlichen Liebe. Was sie jetzt tat, war ein Wegwerfen ihres Körpers, und sie tat es bewußt, um alles in sich abzutöten, was noch an Dr. Volkmar dachte oder für ihn fühlte.
In den Redaktionen der Zeitungen aber standen die Spätredakteure kopf. Sie hörten die Tonbänder immer wieder ab und waren sich darüber im klaren, daß dieses Tonband mit einer Bombe zu vergleichen war.
Eine, wie leicht zu hören war, verstellte Männerstimme sagte:
«Dr. Heinz Volkmar, der angeblich bei Sardinien ertrunken sein soll, lebt. Er ist entführt worden. Wenn Sie alles wissen wollen, fragen Sie Dr. Eugenio Soriano. Der Tote, den man in Deutschland begraben hat, ist ein fremder, unbekannter Mann. Fragen Sie Dr. Soriano.«
Manchmal ist es von Nutzen, an Türen und hinter Mauerecken versteckt zu lauschen, vor allem, wenn man nur so mühsam Zeitung lesen kann wie Anna Talana.
Die Verbindung der Namen Dr. Volkmar und Dr. Soriano war so heiß, daß man bei allen drei Zeitungen die Chefredakteure alarmierte. Nur einer fand sich dazu bereit, bei Soriano anzurufen. Er war ein Freund von Staatsanwalt Dr. Brocca, der — das war allgemein bekannt — wiederum ein Freund von Dr. Soriano war.
Don Eugenio nahm den Anruf mit eiserner Miene hin. Nur seine Mundwinkel zuckten etwas.»Blödsinn!«sagte er, als der Chefredakteur den Text des Tonbandes verlesen hatte.»Ein Irrer! Glauben Sie das? Das war ein Verrückter, der Ihnen das Band geschickt hat.«
Er legte auf und blickte einen Augenblick gegen die seidenbespannte Wand.
Erst Gallezzo, jetzt diese Schweinerei! Wo sitzt der Feind? Wer will mich vernichten? Die anderen Familien auf Sizilien? Warum bloß? Warum? Sie sind reich geworden durch mich. Sie leben ja nur durch mich! Keiner dreht sich das Wasser ab, von dem er lebt.
Wer sind meine Feinde?
Er ging hinüber zum Gästehaus II und klingelte an Volkmars Tür. Es dauerte ziemlich lange, bis Volkmar endlich öffnete. Er wirkte etwas verlegen. Dr. Soriano winkte ab und setzte sich in der Hal-le in einen der Sessel.
«Ich weiß, daß meine Tochter bei Ihnen ist«, sagte er.»Sie brauchen nicht rot zu werden. Ich möchte meine Tochter auch nicht abholen oder einen Skandal machen. Ich muß Ihnen nur sagen, daß Sie noch diese Nacht das Haus verlassen müssen. Sie ziehen in mein Altersheim. «Soriano wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht. Er sah plötzlich sehr erschöpft aus.»Die Presse ist informiert worden, daß ich Sie gefangenhalte. Jetzt muß ich mein Haus öffnen, um das Gegenteil zu beweisen. Begreifen Sie das? Jemand hat Tonbänder herumgeschickt. Wer weiß denn, daß Sie hier sind und noch leben?«Er stand auf und blickte zu der geschlossenen Schlafzimmertür.»Worthlow wird Ihnen beim Packen helfen. Und sagen Sie Loretta, sie soll vor ihrem Vater keine Angst haben. Trotzdem möchte ich Sie in die Fresse schlagen, Dottore, daß Sie meine Tochter so weit gebracht haben, heimlich mit einem Mann im Bett zu liegen.«
Eine Stunde später raste ein kleiner Sportwagen, mit Loretta am Steuer, zum Altersheim. Dr. Volkmar neben ihr blickte sich ein paarmal um und sah dann die Lichter des sie begleitenden Wagens. In ihm saßen sechs Männer mit Maschinenpistolen, die Leibgarde Dr. Sorianos.