Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
»Nur wenn du unter diesen braven Männern einen Gönner findest«, gab er ihm zur Antwort, und die Männer an den Tischen lachten, als hätte er etwas sehr Lustiges gesagt.
Der alte Mann hatte runde Schultern und weiche Züge; sein schütteres weißes Haar und die Verletzlichkeit in seinem Gesicht erinnerten Jona sofort an Geronimo Pico, den alten Schäfer, dessen Sterben er begleitet und dessen Herde er für einige Jahre gehütet hatte. »Gebt ihm etwas zu trinken«, sagte er zum Wirt. Doch dann dachte er an seine beschränkten Mittel und fügte hinzu: »Einen Becher, keine Schale.«
»Ah, Vicente, da hast du dir aber einen großzügigen Spender aufgetan!« rief ein Mann am anderen Tisch. Er sagte es höhnisch und ohne Humor, dennoch lachten die anderen. Der Sprecher war klein und dünn, mit dunklen Haaren und einem kleinen Schnurrbart. »Du bist eine elende alte Ratte, Vicente, weil du den Hals nie vollkriegst«, sagte er.
»Ach, Luis, mach doch dein Lästermaul zu«, sagte einer der anderen mit Überdruß in der Stimme.
»Möchtest du es mir vielleicht zumachen, Jose Gripo?«
Diese Frage erschien Jona nun wirklich spaßig, denn Jose Gripo war groß und breit, zwar nicht mehr der Allerjüngste, aber doch viel jünger und stärker als der andere Mann; in Jonas Augen hätte Luis bei einem Kampf auf jeden Fall den kürzeren gezogen.
Aber beide lachten. Jona sah, daß der Mann neben Luis aufstand. Er sah jünger aus als Luis, von durchschnittlicher Größe, aber schlank und muskulös. Er war sehr gut in Form. Sein Gesicht war kantig und straff, und seine Nase hatte einen kräftigen Haken. Er starrte Jose Gripo an und machte einen Schritt auf ihn zu.
»Setz dich oder schieb deinen Arsch hier raus, Angel«, sagte Bernaldez, der Wirt. »Euer Meister hat mir gesagt, daß ich ihm sofort Bescheid geben soll, wenn ich mit dir und Luis noch einmal Schwierigkeiten bekomme.«
Der Mann hielt sofort inne und starrte den Wirt an. Dann zuckte er die Achseln und grinste. Er griff nach seinem Becher, leerte ihn in einem Zug und knallte ihn auf den Tisch. »Dann laß uns gehen, Luis, denn ich habe keine Lust, Freund Bernaldez heute abend noch mehr Geld in den Rachen zu schmeißen.«
Der Wirt sah zu, wie die beiden die Schenke verließen, und trug dann Jona seinen Eintopf auf. Einen Augenblick später brachte er auch dem alten Mann seinen Wein. »Da, Vicente. Der ist umsonst. Das sind üble Halunken, diese beiden.«
»Ein merkwürdiges Paar«, sagte Jose Gripo. »Ich hab das schon öfters erlebt - Luis fordert mit voller Absicht jemanden heraus, und dann springt Angel Costa in die Bresche und schlägt sich für ihn.«
»Angel Costa ist ein guter Kämpfer«, sagte ein Mann am Nebentisch. »Sollte er auch, immerhin ist er Manuel Fierros Waffenmeister.«
»Ja, er ist ein alter Soldat und weiß gut zu kämpfen, aber er ist auch ein richtiger Mistkerl«, sagte Gripo.
»Auch Luis ist ein unangenehmer Zeitgenosse«, sagte Vicente. »Ich weiß das leider nur zu gut, da wir unter einem Dach wohnen. Aber er ist ein hervorragender Metallbearbeiter, das muß ich ihm zugestehen.«
Die letzte Bemerkung weckte Jonas Aufmerksamkeit. »Auch ich habe schon Metall bearbeitet und suche eine Anstellung. Was für eine Art von Metallbearbeitung wird denn hier betrieben?«
»Ein Stückchen weiter unten an der Straße gibt es eine Waffenschmiede«, sagte Gripo. »Hast du Erfahrung mit Waffen?«
»Ich kann mit einem Dolch umgehen.«
Gripo schüttelte den Kopf. »Ich meine die Herstellung von Waffen.«
»Darin habe ich keine Erfahrung. Aber ich habe eine längere Lehrzeit in der Silberbearbeitung hinter mir und auch einige Erfahrungen mit Eisen und Stahl.«
Mit einem Seufzen trank Vicente seinen Wein aus. »Dann mußt du unseren Meister Fierro aufsuchen, den Waffenschmied von Gibraltar.«
An diesem Abend bezahlte Jona Bernaldez ein paar Sueldo, damit er vor der Feuerstelle der Schenke schlafen durfte. Für den Betrag erhielt er am nächsten Morgen auch eine Schüssel Grütze zum Frühstück, so daß er satt und ausgeruht war, als er die Schenke verließ und sich, Bernaldez' Beschreibung folgend, auf den Weg zur Waffenschmiede machte. Es war nur ein kurzer Spaziergang. Der riesige Felsen Gibraltars ragte steil über Grundstück und Gebäuden von Manuel Fierros Waffenschmiede auf, und dahinter lag das Meer.
Der Waffenschmied erwies sich als kleiner, breitschultriger Mann mit zerfurchtem Gesicht und einem Schopf drahtiger weißer Haare. Seine Nase war, ob von Geburt an oder durch einen Unfall, leicht nach links verbogen, was das Ebenmaß seiner Züge störte, seinem Gesicht aber etwas Gemütliches und Freundliches gab. Jona erzählte ihm eine Geschichte, die beinahe stimmte: daß er Ramon Callico heiße und daß er Lehrling von Helkias Toledano, dem Silberschmiedmeister von Toledo, gewesen sei, bis die Vertreibung der Juden Toledano aus der Stadt gejagt und seiner, Ramons, Lehrzeit ein Ende gesetzt hatte. Später habe er in den Werkstätten der Roma in Granada einige Monate Metalle bearbeitet.
»Roma?«
»Zigeuner.«
»Zigeuner!« Fierro klang eher belustigt als verächtlich. »Ich werde dir einige Prüfungsaufgaben stellen.«
Während sie sich unterhielten, hatte der Meister an einem Paar silberner Sporen gearbeitet, die er jetzt weglegte und statt dessen eine kleine Stahlplatte in die Hand nahm.
»Ziseliere dieses Stück Stahl, als wäre es ein silberner Sporn.«
»Ich würde lieber den Sporn bearbeiten«, sagte Jona, doch der Meister schüttelte den Kopf. Ohne ein weiteres Wort und offensichtlich auch ohne große Hoffnungen wartete Fierro ab.
Doch er merkte auf, als Jona die Platte ohne viel Umstände zi-selierte und dann, als zweite Prüfung, eine ordentliche Naht zwischen zwei ausgemusterten Teilen eines stählernen Ellbogenschützers zustande brachte.
»Hast du noch andere Fertigkeiten?«
»Ich kann lesen. Und leserlich schreiben.«
»Tatsächlich?« Fierro beugte sich vor und musterte ihn neugierig. »Das sind keine Fähigkeiten, die man bei Lehrlingen häufig findet. Wie bist du dazu gekommen?«
»Mein Vater hat es mir beigebracht. Er war ein gelehrter Mann.«
»Ich biete dir eine Lehre an. Zwei Jahre.«
»Ich bin bereit dazu.«
»In unserem Gewerbe ist es üblich, daß der Lehrling für die Unterweisung bezahlt. Bist du dazu in der Lage?«
»Leider nicht.«
»Dann mußt du am Ende der Lehrzeit ein Jahr lang für verminderten Lohn bei mir arbeiten. Und danach, Ramon Callico, können wir uns darüber unterhalten, ob du als Waffenschmiedgeselle in meine Dienste trittst.«
»Ich bin einverstanden«, sagte Jona.
Die Werkstatt gefiel Jona. Es bereitete ihm Vergnügen, wieder mit Metall zu arbeiten, auch wenn diese Tätigkeit eine neue Erfahrung war, da bei der Herstellung von Waffen und Rüstungen Techniken benutzt wurden, die er noch nicht kannte, so daß er zugleich Neues lernen und Fertigkeiten anwenden konnte, die er bereits beherrschte.