Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Nein, danke.« Viktoria schüttelte energisch den Kopf. Das Letzte, was sie sich vorstellen wollte, war eine gynäkologische Untersuchung durch Frau Doktor Parlowa. »Da fällt mir etwas ein«, fügte sie einer plötzlichen Eingebung folgend hinzu, »das vielleicht interessant sein könnte. Möglicherweise habe ich den Mann schon einmal gesehen. Vor ein paar Tagen, als wir in Vanavara angekommen sind, ist mir draußen auf dem Sportplatz ein Fremder begegnet, der ihm auf verblüffende Weise ähnlich sah. Er hatte einen Wolf bei sich.«
»Einen Wolf?« Doktor Parlowa runzelte die Stirn. »Seltsam! Nachdem Doktor Theisen Sie vor den Waschräumen gefunden hat, ist einer von Bashtiris Männern einem Laikahund gefolgt, der ganz in der Nähe knurrend am Boden lauerte. Bei dem Versuch, das Tier zu erschießen, wurde der Soldat von einer tungusischen Selbstschusswaffe getroffen. Der Mann ist vor unseren Augen gestorben. Das alles kann zufällig geschehen sein, und doch ist eine merkwürdige Sache. Wenn Sie erlauben, werde ich die Angelegenheit mit Sergej Bashtiri besprechen. Über Ihre intime Beichte werde ich Stillschweigen bewahren«, fügte sie rasch hinzu, als sie Viktorias verunsicherte Miene sah. »Die Beschreibung des Mannes, der anscheinend für Ihre Rettung verantwortlich ist, wird ihn sicher interessieren. Vielleicht wissen die Dorfbewohner, um wen es sich handeln könnte. Es erscheint mir ungewöhnlich, dass Ihr Retter Sie einfach im Camp abgelegt hat, ohne sich sehen zu lassen. Offenbar hat er etwas zu verbergen, und das ist es, was auch Bashtiri und seinen Leuten Sorgen macht.«
Viktoria beschlich ein ungutes Gefühl, als Frau Doktor Parlowa sich mit einem festen Händedruck von ihr verabschiedete.
»Denken Sie, der Mann hat etwas mit dem Tod von Bashtiris Helfer zu tun?«
»Wir wissen es nicht.« Parlowas Blick war mit einem Mal seltsam distanziert. »Ich bleibe mit Ihnen in Kontakt. Professor Rodius werde ich sagen, dass Sie wohlauf sind.« Doktor Parlowa bemühte sich um ein zuversichtliches Lächeln. »Ich bin mir sicher, dass Sie die Krankenstation in ein paar Tagen wieder verlassen können.«
Sergej Bashtiri war ein Mann, der weder an Wunder noch an übersinnliche Wahrnehmungen glaubte - und schon gar nicht an ein Leben außerhalb unseres Planeten. Mit einem zweifelnden Blick beugte er sich über den seltsamen Leichenfund.
»Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um menschliches Material«, sagte Doktor Parlowa und schaute von den beiden ledrigen, ineinander verschlungenen Körpern auf, als habe sie soeben eine seltene Spezies entdeckt. Ihre leicht hervorstehenden Augen wirkten über dem Mundschutz noch größer. »Natürlich könnten es auch Außerirdische sein«, bemerkte sie mit einem Anflug von trockenem Humor.
Außer ihr, Bashtiri und Doktor Swerew, einem jungen Anthropologen der Universität von Irkutsk, der im Auftrag von GazCom am späten Nachmittag per Helikopter eingeflogen war, hatte nur noch Andrej Lebenov bei der Untersuchung Zutritt gefunden. Der Sicherheitschef von GazCom stand an der Tür und sorgte mit vier Söldnern seines Teams dafür, dass niemand sonst Zutritt fand.
Professor Olguth hatte man ebenso den Zugang zum Kühlhaus des Camps verweigert wie seinem deutschen Kollegen Professor Rodius. Offiziell hatte man Platzprobleme als Grund angegeben. Im Vorraum des Kühlhauses, wo erste Untersuchungen auf einem improvisierten Esstisch durchgeführt wurden, war es tatsächlich so eng, dass selbst die vier Anwesenden das Tun von Doktor Swerew nicht uneingeschränkt beobachten konnten. Es war Lebenov gewesen, der Bashtiri zu diesem Vorgehen geraten hatte. Bevor nicht genau feststand, um was es sich bei dem Fund handelte, wollte man weder die russische Regierung ins Boot holen noch die obersten Führungskreise des Gasimperiums einweihen. Immerhin bestand die Möglichkeit, sich lächer-lich zu machen oder etwas zu entdecken, das tatsächlich von herausragender Bedeutung sein konnte. Auf jeden Fall wollte man sich genug Zeit lassen, um zu entscheiden, ob man die Lorbeeren ernten und anschließend unter sich verteilen wollte oder ob man die gewonnenen Erkenntnisse - wie schon öfter geschehen - ohne Wissen der offiziellen Stellen für sich selbst in Anspruch nahm, indem man sie still und heimlich in bare Münze umwandelte.
Es roch nach Moder und Fisch. Die kakaobraune, zähe Masse, die auch nach ihrem Auftauchen aus den Tiefen des Sees an den Mumien haften geblieben war, wirkte alles andere als appetitlich. In erster Linie wollte man feststellen, um wen es sich handelte und, falls dies vor Ort nicht möglich war, wie der Weitertransport der Körper in ein wissenschaftliches Institut nach Irkutsk organisiert werden konnte.
Doktor Swerew trug neben seinem Mundschutz eine Stirnlampe nebst Lupe und näherte sich nun vorsichtig etwas, das wie ein Arm aussah. Die daran befindlichen Gliedmaßen wirkten wie die großen Füße eines überdimensionalen Frosches, den man aus dem tropischen Regenwald in die sibirische Taiga entführt hatte.
Mit seiner rechten Hand, die in einem dünnen Latexhandschuh steckte, führte Swerew vorsichtig ein Skalpell an das Untersuchungsobjekt heran.
»Man muss sich wundern«, raunte er leise, während er die ledrigen Falten der Gliedmaßen langsam anzuheben versuchte, »dass das Material sich am Grund des Sees solange gehalten hat. Wie es scheint, ist in den Gliedern kein einziger fester Knochen mehr zu finden - als hätte man die Körper gewalzt, gegerbt und anschließend wie eingelegte Gurken in einem Glas haltbar gemacht.«
»Wer sollte so etwas tun?« Bashtiri wirkte irritiert. Seine Vorurteile gegenüber den hier lebenden Ureinwohnern bezogen sich in erster Linie auf deren Jagd- und Lebensgewohnheiten, die so gar keine Rücksicht auf die geschäftlichen Interessen eines Oligarchen nehmen wollten. Sogar per Gericht stritten sie gegen die Erschließung weiterer Öl- und Gasfelder. Dass sie sich - wann auch immer - dem Kannibalismus verschrieben haben sollten, konnte er sich allerdings nicht vorstellen.
»Ich sage ja nicht, dass es jemand getan hat«, verbesserte sich Swe-rew. »Ich sagte nur, dass es so aussieht.«
»Können Sie feststellen, um was für Landsleute es sich handelt? Sind es Ewenken oder Russen?« Bashtiris Neugierde war geweckt. Sein Blick wanderte über die kaum mehr als ein Meter zwanzig langen Moorleichen hinweg bis zu den vermeintlichen Köpfen - zwei flache, rundliche Anhängsel, bei denen man nur noch erahnen konnte, dass es sich um Menschen handelte. Runzlig wie platt gedrückte, getrocknete Feigen durfte man inmitten all dieses Chaos zwei Nasenlöcher vermuten und einen Mund, der seiner Lippen beraubt worden war. Die Zähne waren nur noch vereinzelt vorhanden und steckten wie gelbliche Scherben im braunen Fleisch.
»Denken Sie, es sind tatsächlich Menschen?« Bashtiri bedachte Frau Doktor Parlowa mit einem zweifelnden Blick. Wenn man es genau betrachtete, sahen diese Körper aus wie die Überreste zweier kleiner grüner Männchen, die wie siamesische Zwillinge miteinander verbunden waren.
Parlowa schaute erstaunt auf. »An was dachten Sie?«