Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Das Feuer war beinahe heruntergebrannt, als Leonard endlich in einen unruhigen Schlaf fiel. Der Schamane spukte immer noch in seinem Hirn herum, und auch das wachsbleiche Gesicht der toten Frau des alten Wassiljoff wollte ihm keine Ruhe gönnen. Ihre hellen Augen starrten ihn an, und ihr Mund bewegte sich, als ob sie ihm etwas Wichtiges zuflüstern wollte. Doch er konnte sie nicht verstehen. Plötzlich spürte er, wie ihn jemand am Kragen seines Pelzmantels zupfte.
»Leonard?« Kissanka war so leise, dass es auch das Wispern des Windes hätte sein können. Kaum merklich wandte er sich um und drehte Pjotr, der leise schnarchte, den Rücken zu.
Das Mädchen hatte sich in der Dunkelheit - von ihrem jähzornigen Vater unbemerkt - schon eine ganze Weile an Leonards Rücken geschmiegt, als ob sie selbst im Schlaf bei ihm Schutz suchen wollte.
Leonard ließ sie gewähren. Sie musste den Tod ihrer Mutter verkraften und obendrein Schwester und Bruder trösten, die, dicht an sie gedrängt, vor Erschöpfung zu einem tiefen Schlaf gefunden hatten. Bei ihrem Vater bewirkte der Wodka sein Übriges - wie bei den meisten der Männer, denen die Kosaken in seltener Großzügigkeit ihre Proviantkisten geöffnet hatten.
»Ja?«, flüsterte Leonard zurück. Dabei war er ihrem Gesicht so nahe, dass er ihren Atem auf seinen Lippen spüren konnte.
»Sag, warum bist du hier?«
Was sollte er darauf antworten? Er wusste ja selbst nicht einmal, warum ihm das Schicksal so grausam mitspielte.
»Ich weiß es nicht«, gestand er ehrlich.
»Du musst mir nichts verschweigen. Es ist nicht schlimm, solange es nichts ist, wofür Gott der Herr dich bestrafen würde. Oder hast du jemanden umgebracht?« Das Flüstern war atemlos geworden.
»Nein«, sagte Leonard mit heiserer Stimme. »Es sei denn, selbst Gott hätte etwas gegen die Bolschewiki. Man wirft mir vor, mit den Widersachern des Zaren gemeinsame Sache gemacht zu haben.«
»Dann bist du also ein Terrorist?« Ihre Hand legte sich sanft auf sein Gesicht und streichelte über seinen Bart.
»Nein, das bin ich mit Gewissheit nicht«, sagte er fest und fragte sich, ob er ihr die näheren Umstände seiner Verhaftung offenbaren sollte.
»Das macht mich froh«, flüsterte sie, und plötzlich spürte er ihre Lippen auf seinem Mund. Es folgte ein lang anhaltender, unschuldiger Kuss in der Finsternis, der ihn in einer ganz und gar nicht unschuldigen Verfassung zurückließ.
Als Kissanka sich löste, schnappte er überrascht nach Atem, und seine Hand wanderte zu seinem Schritt, um die Dämonen dort in Schach zu halten.
»Kissanka«, stieß er leise hervor. »Das ist nicht gut, was du da tust.«
»Warum nicht?«, erwiderte sie mit einem naiven Unterton in der Stimme. »Es tröstet mich über den Tod meiner Mutter hinweg und gibt mir die Sicherheit, dass ich nicht ganz verlassen auf dieser Welt zurückgeblieben bin.«
»Ich habe nicht die ganze Geschichte erzählt«, begann Leonard vorsichtig. »Da ist eine Frau. Wegen ihr bin ich hierher deportiert wor-den. Ich liebe sie, und ich würde meinen rechten Arm dafür geben, wenn ich mit ihr zusammen sein könnte.«
»Denkst du, sie will dich noch, wenn dir der rechte Arm fehlt?«
Ihre Stimme klang hart, und Leonard fehlten für einen Moment die Worte. Wahrscheinlich war es nur seine Abfuhr, die das Mädchen nicht verschmerzen wollte und die sie gehässig werden ließ.
»Es tut mir leid«, schob sie rasch hinterher, »ich wollte dich nicht kränken.«
»Ich liebe sie, Kissanka, ganz gleich, ob ich sie je wiedersehe.« Seine Stimme war leise und verriet trotzdem seine Entschlossenheit. »Es ist besser, wenn du das weißt.«
»Ja«, antwortete sie mit erstickter Stimme. »Ich habe verstanden. Falls es dich trotzdem mal nach einer Frau verlangt, sag mir Bescheid. Wenn wir in das gleiche Lager kommen, könnten wir uns heimlich treffen, und ich könnte dir zu Diensten sein.«
»Was redest du da?« Leonard war entsetzt. Eben noch das unschuldige Geschöpf mit den großen Augen, sprach sie nun wie eine Hure.
»Meine Unschuld ist verloren, und ich liebe dich von Herzen. Das ist alles. Außerdem sind wir Lebenslängliche«, sagte sie ruhig. »Falls einer von uns eine Familie gründen will, müsste er es im Lager tun.«
»Was willst du mir damit sagen?« Leonards Stimme klang rau. Weder von der Art noch von der Dauer der Deportation hatte er sich bisher eine Vorstellung gemacht.
»Mein Vater hat in unserem Dorf den Sohn eines bedeutenden Adligen erstochen. Er hatte meiner Schwester nachgestellt. Dafür wurde unsere gesamte Familie verbannt - ohne Aussicht auf Rückkehr. Es gibt abgelegene, ganz furchtbare Lager, deren Existenz vor allen verschwiegen wird. Dort hüten sie die wahren Geheimnisse des Zaren, sagt man. Einmal dort angekommen, wird man dort sterben - ohne einen Funken Hoffnung, die Heimat je wiederzusehen.«
»Schlaf jetzt«, erwiderte Leonard leise. Er verspürte nicht die geringste Lust, seinen Alpträumen noch einen weiteren hinzuzufügen. »Vielleicht hilft uns ein Wunder«, bemerkte er beschwichtigend. In der Not half der Glaube an Gott den meisten Menschen. Nur ihm selbst nützte es nichts, weil er sich normalerweise nicht zu den Menschen zählte, die auf einen unsichtbaren Gott vertrauten. Die Vorstellung des Schamanen jedoch hatte ihn überaus nachdenklich gestimmt. Was wäre, wenn es doch etwas gab, das einer anderen Wirklichkeit entsprang und mit jeglicher Wissenschaft nicht zu erklären war?
»Du hast gesehen, was mit Mitja passiert ist«, tröstete er das Mädchen. »Selbst wenn es kein christlicher Priester, sondern nur ein Schamane war, der das Wunder vollbracht hat. Dein Bruder wird wieder gesund, und das ist das Wichtigste.«
Am nächsten Morgen mussten sie in aller Frühe ihre Habseligkeiten zusammenpacken. Beiläufig beobachtete Leonard seine beiden Kameraden, den drahtigen, verschwiegenen Aslan und Pjotr, dessen ehemals rundes Gesicht bereits Spuren der Auszehrung zeigte. In seinen dunklen Augen haftete ein Alptraum, der offensichtlich nicht enden wollte.
»Willkommen in der Hölle«, murmelte Pjotr mit einem düsteren Blick, als ihm eine der tungusischen Frauen einen Krug warmer Pferdemilch anbot. Mit einem stummen Nicken nahm er das Getränk entgegen und setzte es mit einem Naserümpfen an die Lippen. Dazu reichten die tungusischen Frauen wie am Abend zuvor frischgebackene Buchweizenfladen mit Butter.
Hier und da war ein verhaltenes Lächeln auf den Lippen der Deportierten zu sehen, das jedoch sofort wieder erlosch, als der Hauptmann der Kosaken die Gefangenen durchzählte. Auch denen, die nicht persönlich betroffen waren, kam schlagartig zu Bewusstsein, dass Sibirien erste Opfer unter ihnen gefordert hatte - und es würden vermutlich nicht die letzten sein.
Kissanka sollte recht behalten, schoss es Leonard durch den Kopf. Wenn er es sich genau überlegte, hätte er selbst längst darauf kommen können. Warum sollte die Ochrana ihn einen Abschiedsbrief an seine Eltern schreiben lassen, in dem er hochoffiziell und freiwillig aus dem Leben schied, wenn man ihn irgendwann wieder nach St. Petersburg zurückkehren lassen wollte?