Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Und er allein, dieser Höfling, wie man ihn uns darstellt, er, der angeblich Araktschejew belog, in der Absicht, dem Kaiser zu gefallen, er allein, dieser Höfling, sagte in Wilna, obgleich er sich dadurch die Ungnade des Kaisers zuzog, eine weitere Kriegführung im Ausland sei nutzlos und schädlich.
Aber seine Aussprüche allein würden nicht beweisen, daß er damals die Bedeutung des Ereignisses erfaßte. Seine Taten, alle ohne die geringste Abweichung, sind sämtlich auf ein und dasselbe dreifache Ziel gerichtet: erstens, alle seine Kräfte zum Zweck eines Zusammenstoßes mit den Franzosen anzuspannen; zweitens, sie zu besiegen, und drittens, sie aus Rußland zu vertreiben, unter möglichster Erleichterung der Leiden des Volkes und des Heeres.
Er, dieser Zauderer Kutusow, dessen Devise Geduld und Zeit war, der Feind alles entschiedenen Handelns, er lieferte die Schlacht bei Borodino, nachdem er die Vorbereitungen zu ihr mit einer beispiellosen Feierlichkeit ausgestattet hatte. Er, dieser Kutusow, der bei der Schlacht bei Austerlitz vor dem Beginn derselben sagte, sie werde verloren werden, er behauptete bei Borodino, trotzdem die Generale versicherten, die Schlacht sei verloren, und obwohl man nie von einem Beispiel dafür gehört hat, daß ein Heer sich nach einer gewonnenen Schlacht hätte zurückziehen müssen, er allein behauptete im Gegensatz zu allen bis zu seinem Lebensende, die Schlacht bei Borodino sei ein Sieg. Er allein bestand während des ganzen Rückzuges der Franzosen darauf, keine Schlachten zu liefern, da sie nun nutzlos seien, und keinen neuen Krieg zu beginnen und die Grenzen Rußlands nicht zu überschreiten.
Die Bedeutung jenes Ereignisses zu verstehen, ist heutzutage (wenn man nur nicht der Tätigkeit der Massen Ziele unterschiebt, die nur in den Köpfen von etwa einem Dutzend Menschen existierten) eine leichte Sache, da das ganze Ereignis mit seinen Folgen klar vor uns liegt.
Aber auf welche Weise vermochte es damals dieser alte Mann, allein, im Widerspruch zu der Meinung aller, die Bedeutung der bei diesem Ereignis sich äußernden nationalen Idee mit solcher Sicherheit zu erkennen, daß er dieser Idee auch nicht ein einziges Mal während seiner ganzen Tätigkeit untreu wurde?
Die Quelle dieser ungewöhnlichen Einsicht in den Sinn dessen, was sich da vollzog, lag in jenem nationalen Empfinden, das er in seiner ganzen Reinheit und Kraft in sich trug.
Nur durch die Erkenntnis, daß dieses Empfinden in Kutusow lebendig war, wurde das Volk veranlaßt, auf so seltsame Weise den in Ungnade gefallenen alten Mann gegen den Willen des Zaren zum Repräsentanten des Nationalkrieges zu erwählen. Und nur dieses Empfinden war es, was ihn auf jene höchste Höhe des Menschentums stellte, von der herab er als Oberkommandierender alle seine Kräfte nicht darauf richtete, Menschen zu töten und zu vernichten, sondern sie zu retten und zu schonen.
Diese schlichte, bescheidene und darum wahrhaft majestätische Gestalt ließ sich nicht in jene lügenhafte Form eines europäischen Heros, eines vermeintlichen Lenkers der Menschen bringen, in jene Form, die die Geschichtsschreibung ersonnen hat.
Für einen Lakaien kann es keinen wahrhaft großen Mann geben, weil ein Lakai seinen eigenen Begriff von Größe hat.
Fußnoten
1 Vgl. in Bogdanowitschs Geschichte des Jahres 1812 die Charakteristik Kutusows und die Erörterung über die unbefriedigenden Resultate der Kämpfe bei Krasnoje.
Anmerkung des Verfassers.
VI
Der 5. November war der erste Tag der sogenannten Schlacht bei Krasnoje. Am Spätnachmittag, als schon (nach vielen Streitigkeiten und Fehlern der Generale, die nicht an ihre Bestimmungsorte gelangt waren, und nachdem Adjutanten mit Gegenbefehlen hierhin und dorthin geschickt waren) klar geworden war, daß der Feind überall floh und eine Schlacht nicht stattfinden könne und nicht stattfinden werde, ritt Kutusow von Krasnoje nach Dobroje, wohin an diesem Tag das Hauptquartier verlegt war.
Es war ein heller Frosttag. Kutusow ritt mit einer großen Suite von Generalen, die mit ihm unzufrieden waren und hinter seinem Rücken zischelten, auf seinem wohlgenährten Schimmelchen nach Dobroje. Auf dem ganzen Weg drängten sich Gruppen von Franzosen, die an diesem Tag gefangengenommen waren, um die Wachfeuer, um sich zu wärmen; es waren ihrer an diesem Tag siebentausend eingebracht worden. Nicht weit von Dobroje stand am Weg neben einer langen Reihe französischer Geschütze ohne Bespannung ein gewaltiger Haufe Gefangener in lärmendem Gespräch, alle in abgerissener Kleidung und mit Verbänden und Vermummungen, die sie sich aus dem, was ihnen zur Hand gewesen war, hergestellt hatten. Bei der Annäherung des Oberkommandierenden verstummte das Gespräch, und alle Augen richteten sich auf Kutusow, der in seiner weißen Mütze mit rotem Besatz und in seinem wattierten Mantel, der über seinen gewölbten Schultern einen großen Buckel bildete, langsam auf dem Weg hinritt. Einer der Generale berichtete ihm, wo die Geschütze erbeutet und die französischen Soldaten gefangengenommen seien.
Kutusow schien von ernsten Gedanken in Anspruch genommen zu sein und hörte nicht auf das, was der General sagte. Unzufrieden kniff er die Augen zusammen und betrachtete aufmerksam und unverwandt die Gestalten der Gefangenen, die einen besonders kläglichen Anblick boten. Großenteils waren die französischen Soldaten durch erfrorene Nasen und Backen entstellt; fast alle hatten rote, geschwollene, eiternde Augen.
Ein Häufchen Franzosen stand dicht an der Landstraße, und zwei von ihnen (das Gesicht des einen war ganz mit Beulen und Schorfkrusten bedeckt) zerrissen mit den Händen ein Stück rohes Fleisch. Es lag etwas Schreckliches, Tierisches in dem huschenden Blick, den sie nach den Vorbeireitenden hinwarfen, und in dem grimmigen Ausdruck, mit dem der Soldat mit den Schorfkrusten Kutusow ansah; aber er wandte sich sofort wieder ab und setzte seine Tätigkeit fort.
Kutusow sah diese beiden französischen Soldaten lange aufmerksam an; er runzelte die Stirn, kniff die Augen noch mehr zusammen und wiegte nachdenklich den Kopf hin und her. An einer andern Stelle bemerkte er einen russischen Soldaten, der lachend einem Franzosen auf die Schulter klopfte und freundlich zu ihm redete. Kutusow wiegte wieder mit demselben Ausdruck den Kopf.
»Was sagst du?« fragte er den General, der immer noch in seiner Meldung fortfuhr und die Aufmerksamkeit des Oberkommandierenden auf die erbeuteten französischen Feldzeichen lenken wollte, die vor der Front des Preobraschenski-Regimentes standen.
»Ah, die Feldzeichen!« sagte Kutusow, der sich augenscheinlich nur mit Mühe von dem Gegenstand losriß, der seine Gedanken beschäftigte.
Zerstreut blickte er um sich. Tausende von Augen schauten von allen Seiten auf ihn hin; alles war gespannt, was er nun sagen werde.
Vor dem Preobraschenski-Regiment hielt er an, stieß einen schweren Seufzer aus und schloß die Augen. Einer der Herren aus der Suite gab den Soldaten, die die Feldzeichen hielten, einen Wink, sie möchten nähertreten und die Feldzeichen mit den Schäften rings um den Oberkommandierenden aufstellen. Kutusow schwieg einige Sekunden; dann fügte er sich offenbar ungern dem Zwang, den ihm seine Stellung auferlegte, hob den Kopf in die Höhe und begann zu reden. Scharen von Offizieren umringten ihn. Er ließ einen aufmerksamen Blick über den Kreis der Offiziere hingleiten, von denen er eine Anzahl erkannte.
»Ich danke euch allen!« sagte er, sich zu den Soldaten und dann wieder zu den Offizieren wendend. In der Stille, die um ihn herum herrschte, waren seine langsam gesprochenen Worte deutlich zu hören. »Ich danke euch allen für eure schweren, treuen Dienste. Der Sieg ist ein vollständiger, und Rußland wird euch nicht vergessen. Ihr habt euch ewigen Ruhm erworben!«
Er schwieg eine Weile und blickte um sich.
»Beuge, beuge ihm den Kopf«, sagte er zu einem Soldaten, der einen französischen Adler hielt und ihn zufällig vor der Fahne der Preobraschenzen senkte. »Tiefer, tiefer, jawohl, so! Hurra, Kinder!« rief er, zu den Soldaten gewendet, mit einer schnellen Bewegung des Kinnes.