Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Hurra-ra-ra!« brüllten Tausende von Stimmen.
Während die Soldaten schrien, krümmte sich Kutusow auf dem Sattel zusammen, beugte den Kopf herunter, und sein einziges Auge leuchtete in einem milden, anscheinend etwas spöttischen Glanz.
»Ich will euch was sagen, Brüder«, begann er von neuem, als das Geschrei verstummt war.
Seine Stimme und seine Miene hatten sich plötzlich verändert: jetzt sprach nicht mehr der Oberkommandierende, sondern es redete ein schlichter, alter Mann, der jetzt seinen Kameraden offenbar etwas sehr Notwendiges mitzuteilen wünschte.
In der Schar der Offiziere und in den Reihen der Soldaten ging eine Bewegung vor, um deutlicher zu hören, was er jetzt sagen werde.
»Ich will euch was sagen, Brüder. Ich weiß, ihr habt es jetzt schwer; aber was ist zu machen! Habt nur Geduld; es dauert ja nicht mehr lange. Wenn wir unsere Gäste werden hinausbegleitet haben, dann können wir uns erholen. Der Zar wird euch eure Dienste nicht vergessen. Ihr habt es schwer; aber ihr seid doch wenigstens in der Heimat; diese jedoch … seht, wie weit es mit ihnen gekommen ist!« sagte er, auf die Gefangenen weisend. »Sie sind elender als die elendesten Bettler! Solange sie stark und mächtig waren, haben wir alle Kraft darangesetzt, um sie zu besiegen; aber jetzt können wir mit ihnen Mitleid haben und sie schonen. Sie sind ja doch auch Menschen. Nicht wahr, Kinder?«
Er schaute rings um sich, und als er in allen Blicken, die unverwandt mit respektvoller Verwunderung auf ihn gerichtet waren, Zustimmung zu seinen Worten las, da leuchtete auf dem Gesicht des alten Mannes immer heller und heller ein mildes Lächeln auf, bei dem sich sternförmige Runzeln um die Mundwinkel und um die Augen bildeten. Er schwieg ein Weilchen und senkte den Kopf, wie wenn er unentschlossen wäre, ob er noch mehr sagen solle. Plötzlich fügte er, den Kopf in die Höhe hebend, hinzu:
»Aber auch das möchte ich noch sagen: wer hat sie geheißen zu uns kommen? Es geschieht ihnen ganz recht; jagt sie …« Hier am Schluß bediente er sich einer recht unanständigen, volkstümlichen Redewendung.
Und die Peitsche schwingend, sprengte er im Galopp, zum erstenmal im ganzen Feldzug, fort von den fröhlich lachenden, Hurra! rufenden Soldaten, die nun ihre Reihen auflösten.
Die Worte, die Kutusow gesprochen hatte, waren von den Truppen kaum verstanden worden. Es wäre wohl niemand imstande gewesen, den Inhalt der zuerst feierlichen und gegen den Schluß gutmütig altväterischen Ansprache des Feldmarschalls wiederzugeben; aber es war nicht nur der herzliche Sinn dieser Ansprache verstanden worden, sondern dasselbe Gefühl erhabener Feierlichkeit im Verein mit einer mitleidigen Gesinnung gegen die Feinde und dem Bewußtsein, sich im Recht zu befinden, dasselbe Gefühl, das in dem altväterischen, gutmütigen Schimpfwort, und zwar gerade in diesem, seinen Ausdruck gefunden hatte, dieses selbe Gefühl lag auch in der Seele eines jeden Soldaten und äußerte sich durch ein Freudengeschrei, das lange nicht verstummen wollte. Als dann einer der Generale sich an den Oberkommandierenden mit der Frage wandte, ob er den Wagen befehle, brach Kutusow, im Begriff zu antworten, unerwartet in Schluchzen aus: er befand sich offenbar in starker Erregung.
VII
Am 8. November, dem letzten Tag der Kämpfe bei Krasnoje, brach schon das Abenddunkel herein, als die Truppen an den Ort kamen, wo sie übernachten sollten. Der ganze Tag war still und kalt gewesen, mit leichtem Schneefall; zum Abend klärte es sich nun auf. Durch die Schneeflöckchen hindurch wurde der blauschwarze Sternenhimmel sichtbar, und die Kälte nahm zu.
Ein Musketierregiment, das in einer Stärke von dreitausend Mann aus Tarutino ausmarschiert war, kam jetzt, nur noch neunhundert Mann stark, als eines der ersten an dem für das Nachtlager in Aussicht genommenen Ort an, in einem Dorf an der großen Heerstraße. Die Quartiermeister, die das Regiment empfingen, erklärten, alle Bauernhäuser seien voll von kranken und toten Franzosen, von Kavalleristen und hohen Offizieren. Nur ein einziges Häuschen sei für den Regimentskommandeur vorhanden.
Der Regimentskommandeur ritt zu seinem Quartier hin. Das Regiment zog durch das Dorf hindurch und stellte bei den äußersten Häusern an der Heerstraße die Gewehre zusammen.
Wie ein großes Ameisenvolk machte sich das Regiment an die Arbeit, das Nachtlager und die Abendmahlzeit herzurichten. Ein Teil der Soldaten zerstreute sich, bis an die Knie im Schnee, in einem rechts vom Dorf gelegenen Birkenwald, und sogleich erscholl im Wald der Klang der Beile und Seitengewehre, das Krachen zerbrochener Äste und fröhliche Stimmen. Ein anderer Teil war rings um den Mittelpunkt des Biwaks, den die Fuhrwerke des Regiments und die in einem Haufen zusammenstehenden Pferde bildeten, eifrig damit beschäftigt, die Kessel und den Zwieback hervorzuholen und den Pferden Futter zu geben. Ein dritter Teil hatte sich im Dorf verteilt, richtete Quartiere für die höheren Offiziere ein, trug die in den Häusern liegenden Leichen von Franzosen hinaus und schleppte Bretter, trockenes Holz und Dachstroh weg, um Wachfeuer anzuzünden, und Flechtwerk von Zäunen, um daraus Schutzwände herzustellen.
Etwa fünfzehn Soldaten rüttelten am Rand des Dorfes, außerhalb des Bereiches der Häuser, mit fröhlichem Geschrei an der hohen geflochtenen Wand einer Scheune, von der bereits das Dach abgenommen war.
»Na nun, jetzt, alle mit einemmal, legt euch dagegen!« riefen mehrere Stimmen, und in der Dunkelheit der Nacht schwankte die große, mit Schnee bestäubte, geflochtene Wand mit frostigem Knistern hin und her. Immer häufiger knackten die unteren Pfosten, und endlich stürzte die Wand mitsamt den Soldaten, die sich dagegengestemmt hatten, zu Boden. Es erscholl ein lautes, derb fröhliches Schreien und Lachen.
»Nun zu zweien anfassen! Reicht mal einen Hebebaum her! So ist’s recht! Wo willst du denn da hin?«
»Nun also, alle zusammen … Wartet mal, Kinder …! Mit Gesang.«
Alle schwiegen, und eine mäßig starke, samtartige, angenehme Stimme stimmte ein Lied an. Am Ende der dritten Strophe, gleichzeitig mit dem Ausklingen des letzten Tones, schrien zwanzig Stimmen zusammen: »Uuuu! Sie rührt sich! Alle zusammen! Immer kräftig zufassen, Kinder …!« Aber trotz der gemeinsamen Anstrengungen bewegte sich die Wand nur wenig vom Fleck, und in dem Stillschweigen, das nun eintrat, hörte man schweres Keuchen.
»Heda, ihr von der sechsten Kompanie! Ihr Kerle! Ihr Racker! Helft uns mal … Wir tun euch auch schon mal wieder einen Gefallen.«
Etwa zwanzig Mann von der sechsten Kompanie, die gerade in das Dorf gingen, vereinigten sich mit denen, die die Wand fortzuschleppen suchten; und die zehn Meter lange und zwei Meter breite Wand bewegte sich, indem sie sich krumm zog und den keuchenden Soldaten die Schultern zerdrückte und zerschnitt, auf der Dorfstraße vorwärts.
»So geh doch zu, vorwärts …! Fällt der Kerl hin, na so was …! Was bleibst du denn stehen, du …«
Lustige, derbe Schimpfworte erschollen unaufhörlich.
»Was fällt euch denn ein?« rief auf einmal jemand, der auf die Träger zugelaufen kam, im Ton des Vorgesetzten. »Dadrin sind die Herren, der General selbst ist im Haus, und ihr verfluchten Kerle macht hier mit euren Schimpfereien solchen Spektakel. Na wartet, ich will euch lehren!« schrie der Feldwebel, und ausholend versetzte er dem erstbesten Soldaten, den er vor sich hatte, einen Schlag in den Rücken. »Könnt ihr euch denn nicht ruhig verhalten?«
Die Soldaten verstummten. Der Soldat, den der Feldwebel geschlagen hatte, wischte sich hustend das Gesicht, das bei dem Stoß gegen die geflochtene Wand ganz blutig geworden war.
»Na, dieser Satan, gleich so zu hauen! Die ganze Fresse hat er mir blutig gemacht«, sagte der Soldat schüchtern, als der Feldwebel weggegangen war.