Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Sie schaute dorthin, wo sie wußte, daß er war; aber sie konnte ihn nicht anders sehen als in der Gestalt, die er hier gehabt hatte. Sie sah ihn wieder so, wie er in Mytischtschi, in Troiza und in Jaroslawl gewesen war.
Sie sah sein Gesicht, hörte seine Stimme und wiederholte seine Worte und die Worte, die sie zu ihm gesprochen hatte, und ersann sich manchmal für sich und für ihn neue Worte, die sie beide damals hätten sagen können.
Er hatte vor ihr gelegen auf seinem Lehnstuhl in seinem samtenen Pelz, den Kopf auf die magere, blasse Hand gestützt, die Brust furchtbar eingesunken, die Schultern hochgezogen, die Lippen fest zusammengepreßt; die Augen hatten geglänzt, und auf seiner bleichen Stirn hatte sich eine Falte zusammengezogen und war dann wieder verschwunden. Sein eines Bein hatte ein ganz klein wenig gezittert. Natascha hatte gewußt, daß er mit einem qualvollen Schmerz rang. »Was hat es für eine Bewandtnis mit diesem Schmerz? Wozu ist dieser Schmerz da? Was fühlt der Kranke? Wie tut es ihm weh?« hatte Natascha gedacht. Er hatte bemerkt, daß ihre Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war, hatte die Augen in die Höhe gehoben und, ohne daß er gelächelt hätte, zu reden begonnen.
»Eines ist schrecklich«, hatte er gesagt, »sich für das ganze Leben mit einem leidenden Menschen zu verbinden. Das ist eine lebenslängliche Qual.« Und er hatte sie mit einem prüfenden Blick angeschaut. Natascha hatte, wie sie das immer tat, so auch damals geantwortet, ehe sie das, was sie antworten wollte, überdacht hatte; sie hatte gesagt: »Das kann ja nicht so bleiben, das wird nicht so bleiben; Sie werden wieder gesund werden, ganz gesund.«
Jetzt sah sie ihn wieder vor sich und durchlebte noch einmal von Anfang alles, was sie damals empfunden hatte. Sie erinnerte sich an den langen, traurigen, ernsten Blick, mit dem er sie bei diesen ihren Worten angeschaut hatte, und verstand, welch ein Vorwurf und welch eine Verzweiflung in diesem langen Blick gelegen hatte.
»Ich stimmte ihm darin zu«, sagte Natascha jetzt zu sich selbst, »daß es schrecklich wäre, wenn er immer leidend bliebe. Meine Antwort damals hatte nur den Sinn, daß es für ihn schrecklich sein würde, und er faßte sie anders auf. Er glaubte, es würde für mich schrecklich sein. Er hatte damals noch den Wunsch weiterzuleben und fürchtete sich vor dem Tod. Und ich habe ihm so plump, so dumm geantwortet. Das habe ich nicht gemeint. Ich meinte etwas ganz anderes. Wenn ich gesagt hätte, was ich wirklich meinte, so hätte ich gesagt: selbst wenn er immerzu im Sterben läge, immerzu vor meinen Augen dahinstürbe, so würde ich dennoch glücklich sein im Vergleich mit dem, was ich jetzt bin. Jetzt ist nichts und niemand mehr da. Hat er wohl gewußt, wie ich dachte? Nein. Er hat es nicht gewußt und wird es nie erfahren. Und jetzt läßt sich das nie, nie wiedergutmachen.« Und nun sprach er wieder zu ihr dieselben Worte; aber jetzt antwortete ihm Natascha in ihrer Phantasie anders. Sie unterbrach ihn und sagte: »Schrecklich für Sie, aber nicht für mich. Sie wissen, daß ohne Sie mir das Leben leer und öde ist; mit Ihnen zu leiden ist für mich das schönste Glück.« Und er ergiff ihre Hand und drückte sie so, wie er sie an jenem furchtbaren Abend vier Tage vor seinem Tod gedrückt hatte. Und in ihrer Phantasie sagte sie ihm jetzt noch andere zärtliche Liebesworte, die sie ihm damals hätte sagen können. »Ich liebe dich …! Dich … Ich liebe dich, liebe dich …«, sagte sie, indem sie die Hände krampfhaft zusammendrückte und die Zähne mit grausamer Anstrengung aufeinanderpreßte. Und ein süßer Gram überkam sie, und schon traten ihr die Tränen in die Augen; aber auf einmal fragte sie sich, wem sie das alles sage, wo er sei und was er jetzt sei. Und wieder wurde alles von einem trockenen, harten Zweifel verhüllt, und wieder schaute sie mit nervös zusammengezogenen Brauen im Geist dahin, wo er war. Und da, da war es ihr, als durchdringe sie das Geheimnis. Aber gerade in dem Augenblick, als das Unbegreifliche sich ihr schon zu offenbaren schien, traf ein lautes Klappern der Türklinke schmerzlich ihr Ohr. Eilig und ohne Vorsicht, mit einem ängstlichen, ihr sonst fremden Gesichtsausdruck trat das Stubenmädchen Dunjascha ins Zimmer.
»Bitte, kommen Sie recht schnell zum Papa«, sagte Dunjascha mit eigentümlich erregter Miene. »Ein Unglück … es ist ein Brief gekommen über Petja Iljitsch«, stieß sie schluchzend hervor.
II
Außer dem allgemeinen Gefühl der Entfremdung gegen alle Menschen empfand Natascha in dieser Zeit ein besonderes Gefühl der Entfremdung gegen die Mitglieder ihrer eigenen Familie. Alle ihre Angehörigen: der Vater, die Mutter, Sonja, waren ihr so gewohnte, alltägliche Erscheinungen, daß alle Worte und Gefühle derselben ihr wie eine Profanierung jener Welt vorkamen, in der sie in der letzten Zeit gelebt hatte, und sie benahm sich gegen sie nicht nur gleichgültig, sondern befand sich ihnen gegenüber in einer feindseligen Stimmung. Sie hatte gehört, was Dunjascha über Petja Iljitsch und ein Unglück gesagt hatte, es aber nicht verstanden.
»Was ist da bei denen für ein Unglück geschehen, was kann bei ihnen überhaupt für ein Unglück vorkommen? Bei denen nimmt ja alles seinen alten, gewohnten, ruhigen Gang«, sagte sich Natascha in Gedanken.
Als sie in den Saal trat, kam der Vater eilig aus dem Zimmer der Gräfin heraus. Sein Gesicht war von Falten überzogen und feucht von Tränen. Augenscheinlich war er aus jenem Zimmer herausgelaufen, um den Tränen, die ihn zu ersticken drohten, freien Lauf zu lassen. Als er Natascha erblickte, machte er mit beiden Armen eine Gebärde der Verzweiflung und brach in ein schmerzliches, krampfhaftes Schluchzen aus, bei dem sich sein rundes, weiches Gesicht verzerrte.
»Pe … Petja … Geh hinein, geh hinein, sie ruft nach dir …« Und wie ein Kind aufschluchzend, ging er hastig mit kleinen Schritten auf seinen schwach gewordenen Beinen auf einen Stuhl zu, fiel beinah auf ihn nieder und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
Auf einmal lief gleichsam ein elektrischer Strom durch Nataschas ganzes Wesen. Eine Art von furchtbarem, schmerzhaftem Schlag traf ihr Herz. Sie empfand einen entsetzlichen Schmerz; es war ihr, als wäre in ihrem Innern etwas von ihr losgerissen und als sei sie dem Tod nahe. Aber gleich nach diesem Schmerz fühlte sie eine Befreiung von dem Verbot zu leben, das auf ihr gelastet hatte. Als sie den Vater sah und durch die Tür einen schrecklichen, lauten Schrei der Mutter hörte, hatte sie augenblicklich sich und ihren Gram vergessen.
Sie lief auf den Vater zu; der aber winkte ihr matt mit der Hand ab und wies auf die Tür der Mutter. Prinzessin Marja, blaß, mit zitternder Kinnlade, kam aus der Tür, ergriff Natascha bei der Hand und sagte etwas zu ihr. Natascha sah sie nicht und hörte sie nicht. Mit schnellen Schritten trat sie in die Tür, blieb, wie im Kampf mit sich selbst, einen Augenblick stehen und lief dann zu ihrer Mutter hin.
Die Gräfin lag in seltsamer, unbequemer Haltung ausgestreckt auf einem Lehnstuhl und schlug mit dem Kopf gegen die Wand. Sonja und die Stubenmädchen hielten sie an den Armen.
»Ruft Natascha, ruft Natascha!« schrie die Gräfin. »Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr … Er lügt … Ruft Natascha!« schrie sie und stieß die Umstehenden von sich. »Geht alle fort, es ist nicht wahr! Er soll tot sein? Hahaha …! Es ist nicht wahr!«
Natascha kniete sich mit dem einen Bein auf den Lehnstuhl, beugte sich über die Mutter, umarmte sie, hob sie mit überraschender Kraft in die Höhe, drehte das Gesicht der Mutter zu sich hin und schmiegte sich an sie.
»Mamachen …! Täubchen …! Hier bin ich, du Liebe, Gute. Mamachen …«, flüsterte sie ihr zu, ohne auch nur eine Sekunde lang zu schweigen.