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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Ihnen erscheinen irgendwelche Aussprüche Miloradowitschs und die Auszeichnungen, die diesem und jenem General zuteil wurden, und die Pläne und Vorschläge solcher Leute sehr interessant; aber für die fünfzigtausend Menschen, die in den Lazaretten und Gräbern zurückblieben, interessieren sie sich überhaupt nicht, weil dies keinen Gegenstand ihres Studiums bildet.

Und doch braucht man nur das Studium der Rapporte und der allgemeinen Kriegspläne beiseite zu lassen und in die Bewegung jener Hunderttausende von Menschen einzudringen, die an den Ereignissen direkt und unmittelbar beteiligt waren: und alle die Fragen, die vorher unlösbar schienen, finden plötzlich in überaus leichter, einfacher Weise ihre unzweifelhafte Lösung.

Eine Absicht, Napoleon und seine Armee abzuschneiden, hat niemals existiert, außer in der Phantasie von etwa einem Dutzend Menschen. Diese Absicht konnte nicht existieren, weil sie sinnlos und ihre Erreichung unmöglich war.

Die Nation hatte nur eine Absicht: ihr Land von den Eindringlingen zu säubern. Diese Absicht ist erreicht worden, erstens ganz von selbst, da die Franzosen flohen und daher weiter nichts nötig war, als diese Bewegung nicht aufzuhalten; zweitens wurde diese Absicht erreicht durch die Wirksamkeit des Volkskrieges, der die Franzosen vernichtete, und drittens dadurch, daß das große russische Heer den Franzosen auf dem Fuß folgte, bereit, Gewalt anzuwenden, falls die Flucht der Franzosen zum Stillstand käme.

Das russische Heer mußte wirken wie die Peitsche auf ein laufendes Tier. Und der erfahrene Treiber wußte, daß es am vorteilhaftesten ist, die Peitsche hoch zu halten und mit ihr zu drohen, nicht aber das laufende Tier mit ihr auf den Kopf zu schlagen.

Fünfzehnter Teil

I

Wenn der Mensch ein Tier sterben sieht, so ergreift ihn Entsetzen: ein Leben, wie es ihm selbst innewohnt und ihn zu dem macht, was er ist, wird da vor seinen Augen vernichtet und hört auf zu sein. Aber wenn das sterbende Wesen ein Mensch ist und ein geliebter Mensch, dann empfindet man, außer dem Entsetzen über die Vernichtung eines Lebens, in der Seele einen Riß und eine Wunde, die, ebenso wie eine leibliche Wunde, machmal den Tod herbeiführt, manchmal zwar wieder heilt, aber immer schmerzhaft bleibt und sich vor jeder äußeren Berührung scheut, durch die sie wieder gereizt werden könnte.

Nach dem Tod des Fürsten Andrei hatten Natascha und Prinzessin Marja beide in gleicher Weise diese Empfindung. Seelisch gebeugt und niedergedrückt von der drohend über ihnen hängenden Wolke des Todes, wagten sie nicht dem Leben ins Antlitz zu schauen. Vorsichtig hüteten sie ihre offenen Wunden vor verletzenden, schmerzlichen Berührungen. Alles mögliche: eine schnell auf der Straße vorüberfahrende Equipage, die mahnende Mitteilung, daß es Zeit sei zum Mittagessen zu kommen, die Anfrage des Stubenmädchens, welches Kleid sie bereitmachen solle, und als das Schlimmste eine Äußerung unaufrichtiger, lauer Teilnahme, all dergleichen reizte in schmerzhafter Weise die Wunde, erschien ihnen als eine Kränkung, störte die notwendige Stille, in der sie beide auf den ersten, furchtbaren Chorgesang lauschten, den sie mit ihren Seelen immer noch zu hören glaubten, und hinderte sie, in jene geheimnisvollen, unendlichen Fernen hineinzublicken, die sich ihnen für einen Augenblick erschlossen hatten.

Nur wenn sie beide miteinander allein waren, fühlten sie sich sicher vor schmerzlichen Verletzungen. Sie redeten nur wenig miteinander, und immer nur über ganz unwichtige Gegenstände. Eine wie die andere vermied es in gleicher Weise, irgend etwas zu erwähnen, was auf die Zukunft hindeutete.

Bei dem, was sie sagten, die Voraussetzung zugrunde zu legen, daß sie noch eine Zukunft vor sich hatten, das erschien ihnen als eine Beleidigung gegen sein Andenken. Noch vorsichtiger vermieden sie in ihren Gesprächen alles, was auf den Verstorbenen Bezug haben konnte. Sie hatten das Gefühl, daß das, was sie durchlebt und empfunden hatten, sich nicht mit Worten ausdrücken lasse. Sie hatten das Gefühl, daß, wenn sie mit Worten Einzelheiten seines Lebens erwähnten, dadurch die Erhabenheit und Heiligkeit des Mysteriums verletzt werde, das sich vor ihren Augen vollzogen hatte.

Indem sie so in ihren Reden beständig Zurückhaltung übten, fortwährend sorgsam alles vermieden, wodurch das Gespräch auf ihn hingelenkt werden konnte, immer von allen Seiten her an der Grenze dessen, was nicht gesagt werden durfte, haltmachten, trat ihnen das, was sie empfanden, noch reiner und klarer vor die Seele.

Aber eine reine, volle Trauer ist ebenso unmöglich wie eine reine, volle Freude. Zuerst von den beiden erfuhr dies Prinzessin Marja. Infolge ihrer Stellung als alleinige, unabhängige Herrin ihres Schicksals und als Vormund und Erzieherin ihres Neffen wurde sie durch das Leben aus jener Welt der Trauer herausgerissen, in der sie die ersten zwei Wochen hindurch gelebt hatte. Sie hatte von Verwandten Briefe erhalten, auf die sie antworten mußte; das Zimmer, in dem Nikolenka untergebracht war, erwies sich als feucht, und er begann zu husten; Alpatytsch kam nach Jaroslawl mit geschäftlichen Abrechnungen sowie mit dem Vorschlag und Rat, Prinzessin Marja möge nach Moskau in das Haus in der Wosdwischenka-Straße ziehen, das unversehrt geblieben war und nur geringer Reparaturen bedurfte. Das Leben blieb nicht stehen, und Prinzessin Marja konnte sich seinen Anforderungen nicht entziehen. So schwer es ihr wurde, aus jener Welt einsamer Beschaulichkeit, in der sie bisher gelebt hatte, herauszutreten, so sehr sie es bedauerte und sich gewissermaßen schämte, Natascha allein zu lassen: die Sorgen des Lebens verlangten ihre tätige Teilnahme, und sie konnte nicht umhin, sich ihnen zu widmen. Sie sah mit Alpatytsch die Rechnungen durch, konferierte mit Dessalles über ihren Neffen und traf Anordnungen und Vorbereitungen für ihre Übersiedelung nach Moskau.

Natascha blieb allein und begann auch ihrerseits der Prinzessin Marja aus dem Weg zu gehen, seit diese sich mit den Vorbereitungen zu ihrem Umzug beschäftigte.

Prinzessin Marja machte der Gräfin den Vorschlag, ihr Natascha nach Moskau mitzugeben, und Mutter und Vater erklärten sich freudig damit einverstanden, da sie sahen, daß die körperlichen Kräfte ihrer Tochter von Tag zu Tag mehr abnahmen, und der Meinung waren, eine Ortsveränderung und eine Behandlung durch Moskauer Ärzte würde ihr Nutzen bringen.

»Ich reise nirgends hin«, antwortete Natascha, als sie ihr von diesem Vorschlag Mitteilung machten. »Laßt mich nur, bitte, ganz in Ruhe!« Und damit lief sie aus dem Zimmer, nur mühsam die Tränen nicht sowohl des Grams als des Ärgers und Ingrimms zurückhaltend.

Seit Natascha sich von der Prinzessin Marja verlassen und in ihrem Gram allein fühlte, saß sie den größten Teil des Tages über allein in ihrem Zimmer mit hinaufgezogenen Beinen in einer Sofaecke, zerriß oder zerknetete etwas mit ihren schlanken, nervös zuckenden Fingern und blickte starr und regungslos nach irgendeinem Gegenstand hin, auf den sich ihre Augen einmal geheftet hatten. Diese Einsamkeit machte sie matt und war ihr eine Qual; aber trotzdem war sie ihr geradezu notwendig. Sowie jemand zu ihr ins Zimmer trat, stand sie schnell auf, änderte die Richtung und den Ausdruck ihres Blickes, griff nach einem Buch oder einer Näharbeit und wartete offenbar mit Ungeduld darauf, daß der, welcher sie gestört hatte, wieder hinausginge.

Es war ihr stets so zumute, als werde sie im nächsten Augenblick das verstehen und durchdringen, worauf ihr geistiger Blick mit furchtbarer, ihre Kräfte übersteigender Anstrengung fragend gerichtet war.

Gegen Ende des Dezembers saß Natascha eines Tages in einem schwarzen Wollkleid, den Zopf nachlässig in einen Kauz zusammengesteckt, mager und blaß, mit hinaufgezogenen Beinen in ihrer Sofaecke, knitterte nervös die Enden ihres Gürtels zusammen und breitete sie wieder auseinander und blickte unverwandt nach der Türnische.

Sie schaute dahin, wohin er fortgegangen war, nach dem jenseitigen Leben. Und das jenseitige Leben, an das sie früher nie gedacht hatte und das ihr früher so fern, so unwahrscheinlich vorgekommen war, erschien ihr jetzt näher, vertrauter, verständlicher als das diesseitige Leben, in welchem alles entweder Öde und Verwüstung oder Leid und Kränkung war.

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