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Oblomow
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Er packte ihn mit der Hand bei den Haaren, beugte ihm den Kopf herab und schlug ihn methodisch, gleichmäßig und langsam dreimal mit der Faust auf den Nacken.

»Der Herr hat fünfmal geläutet«, fügte er in Form einer Moralpredigt hinzu, »und man schimpft mich deinetwegen, eines solchen jungen Hundes wegen! Marsch!«

Und er wies ihn mit der Hand befehlend auf die Stiege hin. Der Knabe blieb eine Weile verwirrt stehen, blinzelte ein paarmal, blickte den Lakai an, und als er sah, daß von diesem außer einer Wiederholung des Vorangegangenen nichts zu erwarten sei, schüttelte er die Haare und ging wie ein begossener Pudel auf die Stiege.

Was das für ein Triumph für Sachar war!

»Ordentlich, ordentlich, Matwej Mosseitsch! Noch, noch!« sagte er schadenfroh. »Ach, das ist zu wenig! Danke, Matwej Mosseitsch! Er ist zu naseweis ... Das hast du für den ›kahlköpfigen Teufel‹! Wirst du noch grinsen?«

Die Dienerschaft lachte voll Mitgefühl für den strafenden Lakai und für den schadenfrohen Sachar. Nur der Laufbursche fand keine Teilnahme.

»Ganz genau so pflegte es mein früherer Herr zu machen«, begann wieder derselbe Lakai, der Sachar immer unterbrochen hatte, »sowie man sich einen guten Tag machen wollte, schien er zu erraten, was du gedacht hast, ging vorüber und packte einen so, wie Matwej Mosseitsch den Andrjuschka gepackt hat. Was macht es denn, wenn einer schimpft! Was schadet es, wenn er einen ›kahlköpfigen Teufel‹ nennt!«

»Dich hätte vielleicht auch dein Herr gepackt«, antwortete ihm der Kutscher, auf Sachar hinweisend, »du hast ja den reinsten Filz auf dem Kopf! Wo soll er denn aber Sachar Trofimitsch packen! Er hat ja einen Kopf wie ein Kürbis ... Vielleicht nur bei den zwei Bärten, die er auf den Backenknochen hat; da hätte er schon was zum Packen! ...«

Alle lachten, und Sachar war durch diesen Ausfall des Kutschers wie von einem Schlag gerührt, denn das war der einzige unter der Dienerschaft, mit dem Sachar bis dahin freundschaftliche Gespräche geführt hatte.

»Wart, bis ich's meinem Herrn sage«, begann er den Kutscher wütend anzukrächzen, »dann findet er auch bei dir etwas, wo er dich anpacken kann. Er wird dir deinen Bart schon glätten; er ist bei dir ganz zerrauft!«

»Das ist ein netter Herr, der fremden Kutschern den Bart glättet! Nein, da müßt ihr euch erst eure eigenen anschaffen, dann könnt ihr sie glätten; du bist zu freigebig!«

»Soll man vielleicht dich aufnehmen, du Schuft?« krächzte Sachar, »du bist ja nicht einmal wert, daß man dich selbst für meinen Herrn einspannt!«

»Das ist mir auch ein Herr!« bemerkte der Kutscher höhnisch, »wo hast du so einen nur aufgegabelt?«

Er selbst, der Hausbesorger, der Friseur und der Lakai, der das Schimpfsystem verteidigt hatte, sie alle lachten.

»Lacht nur, lacht nur, ich sag's aber dem Herrn!« krächzte Sachar.

»Und du«, sagte er, sich an den Hausbesorger wendend, »solltest diese Räuber im Zaume halten und nicht lachen. Wozu bist du hier angestellt? Um Ordnung zu halten. Und was machst du? Ich werd's dem Herrn sagen; wart nur, du kriegst es schon!«

»Nun, laß gut sein, Sachar Trofimitsch!« sagte der Hausbesorger, um ihn zu beruhigen, »was hat er dir getan?«

»Wie wagt er es, über meinen Herrn so zu sprechen?« entgegnete Sachar leidenschaftlich, auf den Kutscher hinweisend. »Weiß er denn, wer mein Herr ist?« fragte er ehrfurchtsvoll. »Du hast so einen Herrn nicht einmal im Traum gesehen«, sagte er, sich an den Kutscher wendend, »so klug, gut und schön ist er! Und der deinige ist wie ein verhungertes Droschkenpferd! Es ist eine Schande zuzuschauen, wie er auf der braunen Stute vom Hof herausfährt; der reinste Bettler! Ihr eßt ja nur Rettich mit Kwaß. Schau einmal deinen Rock an; man kann die Löcher gar nicht zählen.«

Es muß bemerkt werden, daß der Rock des Kutschers ganz ohne Löcher war.

»Ja, man findet nicht so leicht einen solchen«, unterbrach ihn der Kutscher und zog geschickt den unter Sachars Arm hervorschauenden Hemdzipfel ganz heraus.

»Laßt gut sein!« sagte der Hausbesorger, die Hände zwischen sie streckend.

»Was? Du zerreißt mir meine Kleider!« schrie Sachar, noch mehr vom Hemd hervorziehend, »wart, ich zeig's dem Herrn! Schaut, Brüder, was er gemacht hat; er hat mir mein Kleid zerrissen.«

»Ich hab's getan?« sagte der Kutscher, ein wenig eingeschüchtert; »das hat wohl dein Herr zerrissen.«

»So ein Herr wird mir die Kleider zerreißen!« sagte Sachar, »das ist ja eine gute Seele; das ist ja Gold und kein Herr, Gott schenke ihm Gesundheit! Ich lebe bei ihm wie im Himmelreich; ich kenne keine Not, und er hat mich noch sein Lebtag nicht einen Dummkopf genannt; ich lebe in Ruhe und bin zufrieden, ich esse von seinem Tisch und gehe, wohin ich will - so ist's ... und auf dem Gut habe ich mein eigenes Haus, einen Gemüsegarten, und bekomme mein Pachtkorn. Die Bauern verneigen sich bis zur Erde vor mir! Ich bin der Verwalter Majordom! Und ihr da ...«

Ihm versagte vor Zorn die Stimme, um seinen Gegner endgültig zu vernichten. Er hielt eine Weile an, um Kräfte zu sammeln und sich ein giftiges Wort auszudenken, konnte aber vor dem Übermaß der in ihm angehäuften Galle auf nichts kommen.

»Wart nur, was du noch fürs Kleid kriegst; man wird dich das Reißen lehren! ...« sagte er endlich.

Dadurch, daß man seinen Herrn angegriffen hatte, war auch Sachar empfindlich verletzt worden. Man hatte seinen Ehrgeiz und seine Eitelkeit geweckt. Seine Anhänglichkeit war erwacht und äußerte sich in ihrer ganzen Macht. Er war bereit, nicht nur seinen Gegner, sondern auch dessen Herrn, die Verwandtschaft dieses Herrn, von der er nicht einmal wußte, ob sie existierte, und die Bekannten mit dem Gift seiner Galle zu netzen. Jetzt wiederholte er mit einer bewunderungswürdigen Genauigkeit alle Verleumdungen und Klatschgeschichten, die er aus seinen früheren Gesprächen mit dem Kutscher aufgefangen hatte.

»Und ihr seid mit eurem Herrn ein verfluchtes Lumpenpack, ihr seid Juden, und das ist noch ärger als Deutsche!« sagte er, »ich weiß schon, wer euer Großvater war; ein Kommis vom Trödelmarkt. Gestern sind von euch Gäste herausgekommen, und ich habe geglaubt, daß Diebe sich ins Haus eingeschlichen haben; es war ein Erbarmen, das anzusehen! Auch die Mutter hat auf dem Trödelmarkt mit gestohlenen und abgetragenen Kleidern gehandelt.«

»Genug, genug! ...« redete ihnen der Hausbesorger zu.

»Ja!« sagte Sachar, »ich hab' Gott sei Dank einen Herrn, der ein Edelmann ist; seine Freunde sind lauter Generale, Grafen und Fürsten. Er setzt nicht einmal einen jeden Grafen neben sich; mancher kommt und muß lange im Vorhaus stehen ... Es kommen lauter Schriftsteller ...«

»Wie sind denn diese Schriftsteller?« fragte der Hausbesorger, der den Streit beilegen wollte. »Sind das solche Beamte?«

»Nein, das sind Herrschaften, die immer auf dem Sofa liegen, Sherry trinken und eine Pfeife rauchen. Manchmal tragen sie mit den Füßen so viel Schmutz hinein, daß es gar nicht zu sagen ist ...« erklärte Sachar und stockte, da er bemerkte, daß fast alle spöttisch lächelten.

»Und ihr seid hier alle Schufte, alle miteinander!« sagte er rasch und warf allen einen bösen Blick zu. »Ich werde dir zeigen, wie man fremde Kleider zerreißt. Ich gehe zum Herrn und erzähle ihm das!« sagte er und ging eilig dem Hause zu.

»Aber laß doch gut sein! Wart, wart!« schrie der Hausbesorger. »Sachar Trofimitsch! Komm in die Bierschenke, bitte, komm mit ...«

Sachar blieb stehen, wandte sich schnell um und stürzte noch schneller, ohne die Dienerschaft anzublicken, auf die Straße.

Er erreichte, ohne sich nach irgend jemand umzuschauen, die Tür der Bierschenke, welche sich gegenüber befand; hier wandte er sich um, umfing die ganze Gesellschaft mit einem düstern Blick, winkte noch düsterer allen mit der Hand zu, daß sie ihm folgen möchten, und verschwand hinter der Tür.

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