Oblomow
- Автор: Гончаров Иван Александрович
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Oblomow». Краткое содержание книги:
»Das ist nicht nötig, nenne sie mir nicht«, unterbrach ihn Andrej, »ich gehe dann zu ihm hin, wenn ich selbst ein vierstöckiges Haus besitze, und jetzt werde ich auch ohne ihn auskommen.«
Ein erneutes Klopfen auf die Schulter.
Andrej sprang aufs Pferd. Am Sattel hingen zwei Taschen, in der einen lag der Gummimantel und waren schwere mit Nägeln beschlagene Stiefel und ein paar Hemden aus Werchljower Leinwand zu sehen - lauter Sachen, die er auf Wunsch des Vaters hin gekauft und mitgenommen hatte; in der zweiten Tasche lagen ein eleganter Frack aus feinem Tuch, ein haariger Überzieher, ein Dutzend feiner Hemden und Schuhe, die er zur Erinnerung an die Ratschläge der Mutter in Moskau bestellt hatte.
»Nun!« sagte der Vater.
»Nun!« sagte der Sohn.
»Hast du alles?« fragte der Vater.
»Alles!« antwortete der Sohn.
Sie blickten einander schweigend an, als wollten sie sich gegenseitig mit den Augen durchdringen.
Unterdessen hatte sich ein Häufchen neugieriger Nachbarn angesammelt, die mit offenem Munde zusahen, wie der Verwalter seinen Sohn in die Fremde fortschickte. Vater und Sohn drückten einander die Hand. Andrej ritt in schnellem Schritte fort. »Wie der junge Hund ist; er hat keine einzige Träne vergossen!« sagten die Nachbarn. »Da sitzen zwei Krähen auf dem Zaun und krächzen, soviel sie können; sie bringen ihm Unglück, wart nur!« - »Was können ihm die Krähen anhaben? Er treibt sich in der Johannisnacht allein im Walde herum; ihnen macht das alles nichts, Brüder. Bei einem Russen würde das nicht so gut ablaufen!« - »Und der alte Heide macht's auch gut!« bemerkte eine Mutter, »er hat ihn wie eine junge Katz auf die Straße hinausgeworfen, hat ihn nicht umarmt und hat nicht geweint!«
»Halt, halt! Andrej!« schrie der Alte.
Andrej hielt das Pferd auf.
»Ah! Das Herz hat wohl gesprochen!« sagte man beifällig in der Menge.
»Nun?« fragte Andrej.
»Der Sattelgurt ist zu lose, du mußt ihn fester zusammenziehen.«
»Ich werde ihn in Ordnung bringen, wenn ich nach Schamschewka komme. Ich darf jetzt keine Zeit verlieren, ich muß, bevor es dunkel wird, ankommen.«
»Nun!« sagte der Vater, die Hand schwenkend.
»Nun!« wiederholte der Sohn, mit dem Kopfe nickend, neigte sich nach vorne und gab dem Pferde die Sporen.
»Ach, die Hunde, das sind wahre Hunde! Wie Fremde!« sagten die Nachbarn.
Plötzlich ertönte in der Menge ein lautes Weinen; irgendeine Frau hatte nicht länger an sich halten können.
»Ach, du mein Väterchen!« jammerte sie, sich mit einem Zipfel ihres Kopftuches die Augen wischend, »du arme Waise! Du hast keine Mutter, es ist niemand da, der dich segnet ... Laß mich, ich werde dich bekreuzigen, du mein Lieber! ...«
Andrej ritt an sie heran, sprang vom Pferde herab, umarmte die Alte, wollte dann weiterreiten - und weinte plötzlich auf, während sie ihn bekreuzigte und küßte. Er glaubte in diesen Worten die Stimme der Mutter zu hören, und ihr zartes Bild erstand auf einen Augenblick vor ihm. Er umarmte noch einmal fest die Frau, wischte sich schnell die Tränen ab und sprang aufs Pferd. Er schlug es auf die Seiten und verschwand in einer Staubwolke; ihm stürzten verzweifelt drei Hofhunde von zwei verschiedenen Richtungen nach und bellten lange.
Zweites Kapitel
Stolz war Oblomows Altersgenosse; auch er war schon über dreißig Jahre alt. Er war im Staatsdienste gewesen, trat dann aus, gab sich mit seinen persönlichen Angelegenheiten ab und erwarb sich tatsächlich ein Haus und Geld. Er ist an irgendeiner Gesellschaft beteiligt, die Waren nach dem Auslande schickt. Er ist immer in Bewegung. Wenn die Gesellschaft nach Belgien oder England einen Agenten schicken muß, reist er hin; wenn ein neues Projekt ausgearbeitet werden muß oder wenn irgendeine neue Idee dem Geschäfte anzupassen ist, wird das immer ihm übergeben. Und dabei kommt er in Gesellschaft und liest; Gott weiß, wann er das alles fertig bringt. Er besteht nur aus Knochen, Muskeln und Nerven, wie ein reinrassiges englisches Pferd. Er ist schmächtig, hat fast gar keine Wangen, das heißt er hat Knochen und darauf Muskeln, aber keine Spur einer fetten Rundung; seine Gesichtsfarbe ist gleichmäßig, dunkel und ohne jede Röte; die Augen sind zwar ein wenig grünlich, aber ausdrucksvoll. Er hatte keine überflüssigen Bewegungen. Wenn er saß, verhielt er sich ganz ruhig, wenn er aber irgend etwas tat, wandte er dabei nur so viel von seiner Mimik an, als notwendig war. Ebenso wie es in seinem Organismus nichts Überflüssiges gab, suchte er auch in den moralischen Funktionen seines Lebens nach einem Gleichgewichte zwischen den praktischen Seiten und den feineren Bedürfnissen seiner Seele. Diese beiden Gebiete liefen parallel, kreuzten sich und verstrickten sich unterwegs, verknüpften sich aber niemals zu unlösbaren, quälenden Knoten. Er ging festen Schrittes frisch vorwärts, lebte nach einem Budget, indem er bestrebt war, jeden Tag, ebenso wie jeden Rubel, unter eine beständige, nie versagende Kontrolle der verbrauchten Zeit, Arbeit, Kraft der Seele und des Herzens zu stellen.
Er schien die Freuden und Leiden ebenso wie die Bewegungen seiner Hände und die Schritte seiner Füße zu beherrschen und sich dabei wie bei gutem oder schlechtem Wetter zu verhalten. Er öffnete den Schirm, solange es regnete, das heißt, er litt, solange der Schmerz anhielt, tat es aber ohne schüchterne Demut, sondern mit Ärger, und ertrug ihn nur deshalb geduldig, weil er den Grund jeden Schmerzes sich selbst zuschrieb und ihn nicht wie einen Rock auf einen fremden Nagel hängte. Er genoß auch die Freude, wie eine unterwegs gepflückte Blume, bis sie in seiner Hand verwelkte, ohne den Kelch jemals bis auf jenen Wermutstropfen zu leeren, der auf dem Boden eines jeden Genusses ruht. Es war eine beständige Aufgabe, sich eine einfache, das heißt eine gerade und wahre Ansicht über das Leben zu bilden, und während er allmählich ihrer Lösung zustrebte, begriff er ihre ganze Schwierigkeit und war jedesmal, wenn er auf seinem Wege eine Krümmung bemerkte und ihm ein gerader Schritt gelang, innerlich stolz und glücklich. »Es ist kompliziert und schwer, einfach zu leben!« sagte er sich oft und sah eilig hin, wo es schief wurde und wo der Faden der Lebensschnur sich zu einem unregelmäßigen, komplizierten Knoten zu verwickeln begann. Am meisten fürchtete er die Phantasie, diesen heuchlerischen Begleiter, der auf der einen Seite ein freundschaftliches und auf der anderen ein feindliches Gesicht hat, der ein desto größerer Freund ist, je weniger man ihm glaubt, und zum Feind wird, wenn man, seinem süßen Geflüster vertrauend, einschlummert. Er fürchtete jeden Traum; wenn er aber in dieses Gebiet eintrat, tat er es, wie man in eine Grotte tritt, die die Inschrift: ma solitude, mon hermitage, mon repos trägt, wobei man die Stunde und die Minute weiß, zu der man wieder herauskommt. Der Traum, als etwas Rätselhaftes und Geheimnisvolles, fand in seiner Seele keinen Platz. Das, was sich der Analyse der Erfahrung der realen Wahrheit nicht unterwarf, war für ihn eine optische Täuschung, die eine oder andere Brechung der Strahlen und Farben auf dem Netze des Sehorganes, oder endlich eine Tatsache, an die die Erfahrung noch nicht herangetreten ist. Er frönte auch nicht jenem Dilettantismus, der sich auf dem Gebiete des Wunderbaren zu ergehen liebt oder mit Zuhilfenahme von Ahnungen und Entdeckungen für tausend Jahre im vorhinein sich auf den Don Quijote hinausspielt. Er blieb an der Schwelle des Geheimnisses hartnäckig stehen, ohne den Glauben eines Kindes oder das Zweifeln eines Laffen zu äußern, und wartete das Erscheinen des Gesetzes ab, das auch den Schlüssel zu dem Unbegreiflichen brachte. Er kontrollierte seine Gefühle ebenso fein und vorsichtig wie seine Phantasie. Hier strauchelte er oft und mußte sich eingestehen, daß das Gebiet der Herzensfunktionen noch eine terra incognita war. Er dankte inbrünstig dem Schicksal, wenn es ihm gelang, auf diesem unbekannten Gebiete die geschminkte Lüge vor der bleichen Wahrheit rechtzeitig zu unterscheiden; er klagte nicht einmal dann, wenn er vor dem mit Blumen geschmückten Betruge zurücktrat und nicht fiel und wenn sein Herz nur fieberhaft und beschleunigt schlug, er war froh und glücklich, wenn es nicht von Blut überströmte, wenn ihm kein kalter Schweiß auf die Stirne trat und sich dann für lange Zeit ein tiefer Schatten auf sein Leben senkte. Er hielt sich schon dann für glücklich, wenn er sich stets auf der gleichen Höhe zu halten vermochte und wenn er, auf dem Steckenpferde des Gefühls reitend, den feinen Strich, der die Welt des Gefühls von der Welt der Lüge und Sentimentalität und die Welt der Wahrheit von der Welt des Komischen trennte, nicht unbemerkt ließ oder wenn er beim Zurückreiten nicht auf den sandigen, trockenen Boden der Härte, des Räsonierens, des Mißtrauens, der Kleinlichkeit und der Kastration des Herzens geriet.