Der Hypnotiseur
- Автор: Кеплер Ларс
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Der Hypnotiseur». Краткое содержание книги:
»Wenn wir Benjamin finden wollen, müssen wir uns diese Fragen stellen.«
Sie nickt mit dem Gefühl, dass ihr Gesicht zerfetzt ist, und sagt kaum hörbar:
»Vielleicht hat Erik ja gedacht, es würde jemand anderes anklopfen.«
»Wer denn?«
»Ich glaube, dass er sich mit einer Frau trifft, die Daniella heißt«, antwortet sie, ohne ihrem Vater in die Augen zu sehen.
25.
Sonntagmorgen, der dreizehnte Dezember,
Luciafest
Simone wacht um fünf Uhr morgens auf. Kennet muss sie ins Bett getragen und zugedeckt haben. Sie geht mit einer flatternden Hoffnung in der Brust zu Benjamins Zimmer, aber das Gefühl verschwindet abrupt, als sie auf der Türschwelle stehen bleibt.
Das Zimmer ist verwaist.
Sie weint nicht, denkt jedoch, dass der Geschmack von Tränen und Angst in alles eingedrungen ist, so wie ein Tropfen Milch klares Wasser trübt. Sie versucht, ihre Gedanken zu lenken, wagt es nicht, zu sehr an Benjamin zu denken, wagt nicht, die Furcht an sich heranzulassen.
In der Küche brennt Licht.
Kennet hat den Tisch mit Zetteln bedeckt. Auf der Spüle steht ein Polizeifunkgerät, aus dem ein knisterndes Surren dringt. Er steht vollkommen still, starrt für einen kurzen Moment ins Leere und reibt sich dann zwei Mal übers Kinn.
»Schön, dass du ein bisschen schlafen konntest«, sagt er.
Sie schüttelt den Kopf.
»Sixan?«
»Ja«, murmelt sie und geht zum Wasserhahn, füllt ihre Hände mit kaltem Wasser und wäscht sich das Gesicht. Als sie sich mit dem Küchenhandtuch abtrocknet, sieht sie ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. Noch ist es dunkel, aber in ein paar Stunden kommt die Dämmerung mit ihrem Netz aus Silber, Winterkälte und Dezemberzwielicht.
Kennet schreibt auf einem Stück Papier, legt ein Blatt zur Seite und notiert sich etwas in einem College-Block. Sie setzt sich auf den Stuhl ihm gegenüber und versucht zu verstehen, wohin Josef Benjamin entführt haben könnte, wie er in die Wohnung gelangen konnte und warum er ausgerechnet Benjamin entführt hat und keinen anderen.
»Der Sohn des Glücks«, flüstert sie.
»Was hast du gesagt?«, fragt Kennet.
»Ach, nichts …«
Sie denkt daran, dass die hebräische Bedeutung von Benjamin Sohn des Glücks ist. Rahel war im Alten Testament die Frau Jakobs. Er arbeitete vierzehn Jahre dafür, sie heiraten zu dürfen. Rahel gebar ihm zwei Söhne, Josef, der die Träume des Pharaos deutete, und Benjamin, den Sohn des Glücks.
Unterdrückte Tränen verzerren Simones Gesicht. Wortlos lehnt Kennet sich vor und drückt ihre Schulter.
»Wir finden ihn«, sagt er.
Sie nickt.
»Die Akte hier habe ich bekommen, kurz bevor du wach geworden bist«, sagt er und klopft auf eine Mappe, die auf dem Tisch liegt.
»Was sind das für Papiere?«
»Tja, weiß du, dieses Reihenhaus in Tumba, in dem Josef Ek … Das ist der Bericht über die Tatortuntersuchung.«
»Bist du nicht in Rente?«
Er lächelt und schiebt ihr die Mappe zu. Sie schlägt die Akte auf und liest die systematische Auflistung von Finger- und Handabdrücken, Schleifspuren, Haaren, Hautresten unter Fingernägeln und den Schäden an der Messerklinge, von Rückenmark auf einem Paar Pantoffeln, Blut auf dem Fernsehschirm, Blut auf der Reislampe, auf dem Flickenteppich, auf den Vorhängen. Fotos rutschen aus einer Plastikhülle. Simone versucht, sie nicht zu sehen, aber ihr Gehirn registriert trotzdem einen Raum des Grauens: Alltägliche Gegenstände, Bücherregale, die Stereoanlage sind von schwarzem Blut bedeckt.
Ein Fußboden mit verstümmelten Körpern und Körperteilen.
Sie steht auf, geht zur Spüle und versucht, sich zu übergeben.
»Entschuldige«, sagt Kennet. »Ich habe nicht daran gedacht … Manchmal vergesse ich, dass nicht jeder Polizist ist.«
Sie schließt die Augen und denkt an Benjamins ängstliches Gesicht und ein dunkles Zimmer mit eisig kaltem Blut auf dem Boden. Sie lehnt sich vor und übergibt sich. Schleim und Galle legen sich auf Kaffeetassen und Esslöffel. Als sie sich den Mund ausspült und ihren Puls mit einem hohen Ton in den Ohren pochen hört, bekommt sie Angst, völlig hysterisch zu werden.
Sie hält sich an der Spüle fest und atmet ruhig, sammelt sich und sieht Kennet an.
»Ist schon in Ordnung«, sagt sie schwach. »Ich kann das alles nur einfach nicht mit Benjamin in Verbindung bringen.«
Kennet geht eine Decke holen, legt sie um Simone und setzt sie behutsam wieder auf den Stuhl.
»Wenn Josef Ek Benjamin entführt hat, dann will er etwas, oder? Denn so hat er sich bis jetzt nicht verhalten …«
»Ich halte das vielleicht nicht aus«, flüstert sie.
»Ich will damit nur sagen, dass ich glaube, Josef Ek hat nach Erik gesucht«, fährt Kennet fort. »Als er ihn nicht finden konnte, hat er stattdessen Benjamin mitgenommen, um ihn später austauschen zu können.«
»Dann müsste er am Leben sein, oder?«
»Natürlich lebt er«, sagt Kennet. »Wir müssen nur herausfinden, wo er sich versteckt hat, wo Benjamin ist.«
»Überall, er könnte überall sein.«
»Im Gegenteil«, erwidert Kennet.
Sie sieht ihn an.
»Im Grunde kommt nur sein Elternhaus oder irgendein Sommerhaus in Frage.«
»Aber das hier ist doch sein Elternhaus«, sagt sie mit erhobener Stimme und klopft mit dem Finger auf die Plastiktasche mit den Fotos.
Kennet fegt mit der Handkante Brotkrümel vom Tisch.
»Dutroux«, sagt er.
»Wie bitte?«, fragt Simone.
»Erinnerst du dich noch an Dutroux?«
»Ich weiß nicht …«
Kennet erzählt auf seine sachliche Art von dem Pädophilen Marc Dutroux, der in Belgien sechs Mädchen gekidnappt und gefoltert hatte. Julie Lejeune und Melissa Russo verhungerten, als Dutroux eine kürzere Gefängnisstrafe wegen Autodiebstahls verbüßte. Eefje Lambrecks und An Marchal wurden in seinem Garten lebendig begraben.
»Dutroux hatte ein Haus in Charleroi«, fährt er fort. »Im Keller hatte er einen Raum mit einer 200 Kilo schweren Geheimtür gebaut. Beim Abklopfen der Wände ließen sich keine Hohlräume feststellen. Die einzige Möglichkeit, den Raum zu finden, bestand darin, das Haus auszumessen, es hatte unterschiedliche Maße innen und außen. Sabine Dardenne und Laetitia Delhez wurden lebendig gefunden.«
Simone versucht aufzustehen. Sie spürt ihr Herz seltsam pochend in der Brust schlagen. Sie denkt daran, dass es Männer gibt, die von dem Bedürfnis getrieben werden, andere Menschen einzumauern, denen die Angst der anderen in der Dunkelheit und das Wissen, dass sie hinter stummen Wänden um Hilfe rufen, Ruhe schenken.
»Benjamin braucht sein Medikament«, flüstert sie.
Simone sieht ihren Vater zum Telefon gehen. Er wählt eine Nummer, wartet kurz und sagt dann schnelclass="underline"
»Charley? Du, es gibt da etwas, das ich über Josef Ek wissen muss. Nein, es geht um sein Haus, das Reihenhaus der Eltern.«
Es wird kurz still, dann hört Simone jemanden mit leiser und rauer Stimme sprechen.
»Ja«, sagt Kennet. »Mir ist schon klar, dass ihr es untersucht habt, den Bericht über die Tatortuntersuchung habe ich mir schon angesehen.«
Der andere Mann spricht weiter. Simone schließt die Augen und lauscht dem Rauschen des Polizeifunks, das sich im brummenden Hummellaut der Telefonstimme auflöst.
»Aber ihr habt das Haus nicht ausgemessen, oder?«, hört sie ihren Vater fragen. »Nein, schon klar, aber …«
Sie öffnet die Augen und spürt plötzlich einen kurzen Adrenalinschub, mit dem sie ihre Schläfrigkeit abschüttelt.
»Ja, das wäre gut … könntest du mir die Pläne per Kurier schicken?«, sagt Kennet. »Und alle Baugenehmigungen, die … Ja, an die gleiche Adresse. Ja … tausend Dank.«
Er beendet das Gespräch und schaut anschließend aus dem schwarzen Fenster.
»Könnte Benjamin in diesem Haus sein?«, fragt sie. »Hältst du das für möglich, Papa?«
»Das werden wir untersuchen.«