Der Hypnotiseur
- Автор: Кеплер Ларс
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Der Hypnotiseur». Краткое содержание книги:
Aus dem Flur dringen dumpfe, plumpsende Laute zu ihr herein. Simone schaltet die Lampe wieder aus und steht auf wackeligen Beinen auf. Sie massiert ihren schmerzenden Arm und geht ins Wohnzimmer. Ihr Mund ist ausgedörrt, und ihre Beine sind heiß und steif. Im Flur flüstert jemand und lacht leise und gurrend. Das klingt nicht nach Erik. Simone läuft ein Schauer über den Rücken. Die Wohnungstür steht sperrangelweit offen. Im Treppenhaus ist es dunkel. Kühle Luft strömt herein. Aus Benjamins Zimmer dringt ein Geräusch, ein schwaches Wimmern.
»Mama?«
Benjamin klingt ängstlich.
»Aua«, hört sie ihn jammern. Er fängt an, leise und heiser zu weinen.
Im Flurspiegel sieht Simone jemanden mit einer Spritze in der Hand über Benjamins Bett gebeugt stehen. Gedanken schießen ihr durch den Kopf. Sie versucht zu verstehen, was passiert, was sie da sieht.
»Benjamin?«, sagt sie mit ängstlicher Stimme. »Was tut ihr da? Darf ich reinkommen?«
Sie räuspert sich und tritt einen Schritt näher, aber im nächsten Moment geben die Beine unter ihr nach, und sie tastet mit der Hand über das Büfett, kann sich aber nicht auf den Beinen halten. Sie fällt zu Boden, schlägt mit dem Kopf gegen die Wand und spürt den brennenden Schmerz im Schädel.
Sie versucht, sich aufzurappeln, kann sich aber nicht mehr bewegen, hat keinen Kontakt zu ihren Beinen, kein Gefühl im Unterkörper. Es kribbelt seltsam in der Brust, und ihr Atem geht schwerer. Sekundenlang wird ihr schwarz vor Augen, und danach sieht sie nur noch trübe, verschwommen.
Jemand zieht Benjamin an den Beinen über den Fußboden, seine Schlafanzughose rutscht hoch, seine Arme bewegen sich langsam, verwirrt. Er versucht, sich am Türpfosten festzuhalten, ist aber zu schwach. Sein Kopf holpert über die Türschwelle. Benjamin sieht Simone in die Augen, er hat panische Angst, sein Mund bewegt sich, aber er bringt kein Wort heraus. Sie streckt sich nach seiner Hand, greift aber ins Leere. Es gelingt ihr nicht, ihm hinterherzukriechen, ihre Augen verdrehen sich, sie sieht nichts mehr, zwinkert und nimmt in kurzen, fragmentarischen Bildern wahr, dass Benjamin durch den Eingangsflur ins Treppenhaus geschleift wird. Die Tür wird leise geschlossen. Simone versucht, um Hilfe zu rufen, bringt aber keinen Ton heraus, ihre Augen fallen zu, sie atmet langsam, schwer, bekommt nicht genug Luft.
Alles wird schwarz.
23.
Samstagmorgen, der zwölfte Dezember
Simones Mund fühlt sich an, als wäre er voller winziger Glassplitter. Als sie Luft holt, hat sie furchtbare Schmerzen. Sie versucht, mit der Zunge ihren Gaumen abzutasten, aber sie ist geschwollen, steif. Sie versucht etwas zu sehen, aber ihre Lider geben nur einen Spalt frei. Sie begreift nicht, was sie sieht. Langsam tauchen gleitendes Licht, Metall und Vorhänge auf.
Erik sitzt neben ihr auf einem Stuhl und hält ihre Hand. Seine Augen, liegen tief in den Höhlen und sind müde. Simone versucht zu sprechen, aber ihr Hals ist ganz wund:
»Wo ist Benjamin?«
Erik zuckt zusammen.
»Was hast du gesagt?«, fragt er.
»Benjamin«, flüstert sie. »Wo ist Benjamin?«
Erik schließt die Augen, und sein Mund ist angespannt, er schluckt und begegnet ihrem Blick.
»Was hast du getan?«, fragt er leise. »Ich habe dich auf dem Fußboden gefunden, Sixan. Du hattest kaum noch Puls, und wenn ich dich nicht entdeckt hätte …«
Er streicht sich über den Mund und spricht zwischen den Fingern:
»Was hast du nur getan?«
Das Atmen fällt ihr schwer. Sie schluckt mehrmals. Ihr wird bewusst, dass man ihr den Magen ausgepumpt hat, aber sie weiß nicht, was sie sagen soll. Sie hat keine Zeit, ihm klarzumachen, dass sie nicht versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Es spielt keine Rolle, was er denkt. Nicht in diesem Moment. Als sie versucht, den Kopf zu schütteln, wird ihr schlecht.
»Wo ist er?«, flüstert sie. »Ist er weg?«
»Was meinst du?«
Tränen laufen ihre Wangen hinab.
»Ist er weg?«, wiederholt sie.
»Du lagst im Flur, Liebling. Benjamin war schon gegangen, als ich aufgestanden bin. Habt ihr euch gestritten?«
Sie versucht erneut, den Kopf zu schütteln, aber ihr fehlt die Kraft dazu.
»Jemand war in unserer Wohnung … und hat ihn mitgenommen«, sagt sie schwach.
»Wen?«
Sie wimmert.
»Benjamin?«, fragt Erik. »Was ist mit Benjamin?«
»Oh Gott«, murmelt sie.
»Was ist mit Benjamin?«, schreit Erik fast.
»Jemand hat ihn mitgenommen«, antwortet sie.
Erik wirkt ängstlich, schaut sich um, streicht sich zitternd über den Mund und fällt neben ihr auf die Knie.
»Erzähl mir, was passiert ist«, sagt er mit gefasster Stimme. »Simone, was ist passiert?«
»Ich habe jemanden gesehen, der Benjamin durch den Flur geschleift hat«, sagt sie fast lautlos.
»Was meinst du mit geschleift, was willst du mir sagen?«
»Ich bin in der Nacht von einem Stich im Arm aufgewacht, ich habe eine Spritze bekommen, jemand hat mir eine …«
»Wo? Wo hat man dir eine Spritze gegeben?«
»Du glaubst mir nicht?«
Sie versucht den Ärmel ihres Krankenhauskittels hochzuschlagen, und er hilft ihr und findet ein kleines rotes Mal auf ihrem Oberarm. Als er die Schwellung um den Stich mit den Fingerspitzen abtastet, weicht alle Farbe aus seinem Gesicht.
»Jemand hat Benjamin entführt«, sagt sie. »Ich konnte es nicht verhindern.«
»Wir müssen herausfinden, was man dir gegeben hat«, sagt er und drückt auf den Alarmknopf.
»Vergiss das, es ist mir egal, du musst Benjamin finden.«
»Das werde ich«, sagt er kurz.
Eine Krankenschwester kommt herein, erhält Anweisungen für eine Blutprobe und eilt hinaus. Erik wendet sich erneut Simone zu:
»Was ist passiert? Du bist sicher, dass du jemanden gesehen hast, der Benjamin durch den Flur geschleift hat?«
»Ja«, antwortet sie verzweifelt.
»Aber du hast nicht gesehen, wer es war?«
»Er schleppte Benjamin an den Beinen durch den Flur und zur Tür hinaus. Ich lag auf dem Fußboden … ich konnte mich nicht bewegen.«
Sie bricht wieder in Tränen aus und weint, müde und schluchzend, mit zitterndem Körper, an seiner Brust. Als sie sich ein wenig beruhigt hat, schiebt sie ihn sanft von sich.
»Erik«, sagt sie. »Du musst Benjamin finden.«
»Ja«, antwortet er und verlässt das Zimmer.
Die Krankenschwester klopft an die Tür und tritt ein. Simone schließt die Augen, um nicht sehen zu müssen, wie sie die vier kleinen Röhrchen mit Blut füllt.
Erik geht zu seinem Arbeitszimmer im Krankenhaus und denkt dabei an die morgendliche Fahrt im Krankenwagen, nachdem er Simone leblos und fast ohne Puls auf dem Fußboden gefunden hatte. Die schnelle Fahrt durch die helle Stadt, die Autos, die auf die Bürgersteige auswichen. Simones Magen wurde ausgepumpt, die Effektivität der Ärztin, ihre ruhige Schnelligkeit. Die Sauerstoffzufuhr und der dunkle Schirm mit dem unregelmäßigen Herzrhythmus.
Im Flur schaltet Erik sein Handy ein, bleibt stehen und hört seine Mailbox ab. Am Vortag hat ein Polizist namens Roland Svensson vier Mal versucht, ihn zu erreichen, um ihm Personenschutz anzubieten. Es gibt keine Nachricht von Benjamin oder jemandem, der etwas mit seinem Verschwinden zu tun haben könnte.
Er ruft Aida an und spürt eine eisige Panikwelle heranrollen, als sie mit heller, furchtsamer Stimme sagt, dass sie keine Ahnung habe, wo Benjamin stecken könnte.
»Ist er vielleicht zu diesem Laden in Tensta gefahren?«
»Nein«, antwortet sie.
Erik ruft David an, Benjamins alten Spielkameraden. Davids Mutter ist am Telefon. Als sie ihm sagt, dass sie Benjamin seit Tagen nicht mehr gesehen hat, unterbricht er die Verbindung mitten in ihren besorgten Erklärungen.
Er wählt die Nummer des Labors, um sich nach den Ergebnissen der Blutprobe zu erkundigen, aber man kann ihm noch nichts sagen, Simones Blut ist eben erst hereingekommen.