Der Hypnotiseur
- Автор: Кеплер Ларс
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Der Hypnotiseur». Краткое содержание книги:
Kennet bremst, lässt den Motor im Leerlauf an, dreht dann aber doch den Zündschlüssel, zieht die Handbremse und steigt aus. Dem geräumigen Kofferraum entnimmt er ein Brecheisen, ein Maßband und eine Taschenlampe. Ehe er den Kofferraumdeckel zuschlägt, hört er Simone sagen, dass sie Schluss machen muss.
»Was glaubst denn du?«, schreit Simone in ihr Handy.
Kennet hört sie durch die Scheiben des Wagens und sieht ihr erregtes Gesicht, als sie mit den Plänen in der Hand den Beifahrersitz verlässt. Schweigend gehen sie zu einem weißen Gartentor in dem niedrigen Zaun. Kennet schüttelt den Haustürschlüssel aus einem Umschlag, geht zur Tür und schließt auf. Ehe er hineingeht, dreht er sich zu Simone um, nickt ihr kurz zu und sieht ihr verbissenes Gesicht.
Als sie den Flur betreten, schlägt ihnen der ekelerregende Geruch ranzigen Bluts entgegen. Simone spürt für einen Moment Panik in ihrer Brust aufwallen: Das Haus ist von einem fauligen, süßen, an Exkremente erinnernden Gestank erfüllt. Sie schielt zu Kennet hinüber, der nicht ängstlich, nur konzentriert wirkt, seine Bewegungen sind beherrscht. Sie kommen am Wohnzimmer vorbei, und Simone nimmt aus den Augenwinkeln die blutige Wand, das überwältigende Chaos und das Grauen wahr, das vom Fußboden und dem Blut auf dem Topfsteinkamin ausgeht.
Irgendwo im Haus ertönt ein seltsames Knacken. Kennet bleibt abrupt stehen, zieht ruhig seine frühere Dienstwaffe, entsichert sie und kontrolliert, dass eine Patrone im Lauf liegt.
Dann hören sie es wieder. Ein schwankendes, schweres Geräusch. Es klingt nicht nach Schritten, sonder eher nach einem Menschen, der langsam kriecht.
26.
Sonntagmorgen, der dreizehnte Dezember,
Luciafest
Erik erwacht auf der schmalen Pritsche in seinem Arbeitszimmer im Krankenhaus. Es ist mitten in der Nacht. Er schaut auf die Uhrzeit im Telefondisplay. Es ist fast drei. Er nimmt noch eine Tablette und liegt anschließend fröstelnd unter der Decke, bis sich in seinem Körper ein Kribbeln ausbreitet und die Dunkelheit Einzug hält.
Als er einige Stunden später erwacht, hat er starke Kopfschmerzen. Er nimmt eine Schmerztablette, stellt sich ans Fenster und lässt den Blick über die düstere Fassade mit ihren Hunderten von Fenstern schweifen. Der Himmel ist grau, und die Fenster sind noch ausnahmslos dunkel. Erik lehnt sich vor, spürt das kühle Glas an seiner Nasenspitze und stellt sich vor, dass er in diesem Moment gleichzeitig durch all diese Fenster sich selbst anstarrt.
Er legt das Handy auf den Schreibtisch und zieht sich aus. Die kleine Dusche riecht nach Plastik und Desinfektionsmitteln. Das heiße Wasser fließt über Kopf und Hals und klatscht gegen die Plexiglaswand.
Nachdem er sich abgetrocknet hat, wischt er etwas Kondenswasser vom Spiegel, befeuchtet sein Gesicht und verteilt Rasierschaum, kleistert sich aus Versehen die Nasenlöcher zu und schnaubt den Schaum fort. Die saubere Fläche des Spiegels schließt sich während seiner Rasur um ein immer kleiner werdendes Oval.
Er denkt daran, dass die Tür Simone zufolge auch schon am Abend vor Josef Eks Flucht aus dem Krankenhaus offen gestanden hat. Sie wurde wach und ging sie zumachen. In jener Nacht kann Josef Ek sie jedoch nicht geöffnet haben. Wie sollte das möglich sein? Erik versucht zu verstehen, was in der Nacht passiert ist, aber es gibt zu viele offene Fragen. Wie ist Josef in die Wohnung gekommen? Vielleicht hat er einfach angeklopft, bis Benjamin wach geworden ist und ihm aufgemacht hat. Erik stellt sich vor, wie sich die beiden Jungen gegenüberstehen und einander im matten Licht der Treppenhausbeleuchtung betrachten. Benjamin ist barfuß, seine Haare stehen in alle Richtungen ab, er steht in seinem kindlichen Schlafanzug im Flur und blinzelt den größeren Jungen mit verschlafenen Augen an. Man könnte durchaus sagen, dass sie einander ähnlich sehen, aber Josef hat seine Eltern und seine kleine Schwester ermordet, er hat kurz zuvor eine Krankenschwester mit einem Skalpell umgebracht und auf dem Nordfriedhof einen Mann schwer verletzt.
»Nein«, sagt Erik zu sich selbst. »Das glaube ich nicht, das passt einfach nicht zusammen.«
Wer sonst hätte in die Wohnung gelangen können, wem würde Benjamin die Tür öffnen, wem würden Simone oder Benjamin einen Schlüssel anvertrauen? Benjamin dachte vielleicht, Aida würde zu ihm kommen. War sie es vielleicht? Erik sagt sich, dass er alle Möglichkeiten in Betracht ziehen muss. Vielleicht hat Josef einen Komplizen, der ihm bei der Tür geholfen hat, vielleicht hat Josef tatsächlich vorgehabt, schon in der ersten Nacht zu kommen, aber nicht fliehen können. Deshalb hat die Tür offen gestanden, so ist es abgemacht gewesen.
Erik beendet seine Rasur, putzt sich die Zähne, nimmt das Handy vom Tisch, schaut auf die Uhr und ruft Joona an.
»Guten Morgen, Erik«, sagt eine heisere Stimme mit finnischem Akzent.
Joona muss Eriks Nummer im Display wiedererkannt haben.
»Habe ich Sie geweckt?«
»Nein.«
»Entschuldigen Sie, dass ich schon wieder anrufe, aber …«
Erik hustet.
»Ist etwas passiert?«, fragt Joona.
»Ihr habt Josef noch nicht gefunden?«
»Wir müssen mit Simone sprechen, alles gründlich durchgehen.«
»Aber Sie glauben nicht, dass Josef Benjamin entführt hat?«
»Nein, das glaube ich nicht«, antwortet Joona. »Aber sicher bin ich mir nicht, ich würde mir gerne die Wohnung ansehen und die Nachbarn befragen, um vielleicht Zeugen zu finden.«
»Soll ich Simone bitten, Sie anzurufen?
»Nicht nötig.«
Ein Tropfen löst sich vom Mundstück der rostfreien Mischbatterie und fällt mit einem markanten Laut ins Waschbecken.
»Ich bin immer noch der Meinung, dass Sie Polizeischutz akzeptieren sollten«, sagt Joona.
»Ich bin im Karolinska-Krankenhaus und glaube nicht, dass Josef freiwillig hierher zurückkehrt.«
»Und was ist mit Simone?«
»Fragt sie, kann sein, dass sie es sich anders überlegt hat«, sagt Erik. »Auch wenn sie schon einen Beschützer hat.«
»Stimmt, davon habe ich gehört«, erwidert Joona und muss lachen. Er geht unwillkürlich zum Du über. »Weißt du, es fällt mir ehrlich gesagt schwer, mir ein Leben mit Kennet Sträng als Schwiegervater vorzustellen.«
»Mir auch«, antwortet Erik.
»Das kann ich gut verstehen«, lacht Joona und verstummt anschließend.
»Hat Josef vorgestern versucht abzuhauen?«, fragt Erik.
»Nein, das glaube ich nicht, jedenfalls deutet nichts darauf hin«, antwortet Joona. »Warum fragst du?«
»Jemand hat in der Nacht unsere Wohnungstür geöffnet, genau wie letzte Nacht.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass Josefs Ausbruch die Reaktion darauf gewesen ist, dass ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt werden sollte, und das hat er erst Freitagabend erfahren«, erwidert Joona bedächtig.
Erik schüttelt den Kopf, reibt sich mit dem Daumen über den Mund und sieht, dass die Wände des Badezimmers an graue Plastikplatten erinnern.
»Das passt alles nicht zusammen«, seufzt er.
»Hast du gesehen, dass die Tür offen stand?«, fragt Joona.
»Nein, Sixan … Simone ist aufgestanden.«
»Könnte sie aus irgendeinem Grund lügen?«
»Der Gedanke ist mir noch nicht gekommen.«
»Du musst die Frage nicht jetzt beantworten.«
Erik sieht sich im Spiegel in die Augen und erprobt ein zweites Mal seinen Gedankengang: Was ist, wenn Josef einen Komplizen hatte, der am Abend vor der Entführung Vorbereitungen traf, der vielleicht nur ausgesandt worden war, um zu testen, ob das Schlüsselduplikat passte? Der Mithelfer sollte sich nur vergewissern, dass der Schlüssel passte, betrat jedoch eigenmächtig die Wohnung. Er konnte es sich einfach nicht verkneifen, herumzuschleichen und sich die schlafende Familie anzusehen. Er genoss das Gefühl von Kontrolle, bekam Lust, Eriks Familie einen Streich zu spielen, und ließ Kühl- und Gefrierschrank offen stehen. Vielleicht erzählte er später Josef von allem, beschrieb seinen Besuch und wie die Zimmer aussahen und wer wo schlief.