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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Warum tue ich das? Ich habe meinen Vater gesehen, mein Zeigefinger streicht über den Auslöser, geht schwebend in Position. Es wäre so einfach gewesen, die Lektion für beendet zu erklären, zu demonstrieren, dass ich kein Kind mehr war. Ihn einfach zu fotografieren. Aber stattdessen –

— Schau, lass mich, ich mach’s dir noch mal vor.

Spätestens als ich meine Matura hinter mich brachte, erkannte ich, dass ich ein vollkommener Heuchler geworden war, jemand, der nichts, absolut gar nichts Aufrichtiges mehr an sich hatte.

Ich sah mich in die ernsten Gesichter der Reifeprüfungskommission blicken, sah mich die richtigen Gesten zu meinen lückenlosen Erklärungen ausführen — eine Hand, die würdevolle Purzelbäume macht, während ich die wichtigsten Eigenschaften des Epischen Theaters aufzählte, oder der zum Zeigestock umfunktionierte Folien-marker, mit dem ich den hügeligen Verlauf einer Interpolationskurve nachzeichnete —, sah mich ein ernstes Gesicht zu der ganzen Komödie machen, zu den Angabezetteln, der Sitzordnung, den Konzeptpapieren, sah mich das Lob entgegennehmen, mit den charakteristischen Gebärden der Bescheidenheit, einem etwas schüchternen Zu-Boden-Schauen, einem nicht zu kräftigen Händedruck beim Verabschieden der Prüflinge.

Ich schämte mich nicht einmal. Denn vor wem hätte ich mich schämen sollen, wenn mein Marionettentheater das war, was von allen Alexander Kerfuchs genannt wurde. Ich war ein Komödiant, über den ein einziger Mensch lachte — und der war für alle unsichtbar und wohnte als finsterer, rechthaberischer Einsiedler hinter meiner Stirn.

In einem Buch über einen jungen Dichter entdeckte ich den Satz: Ich ist ein anderer. Ich musste lachen. Bei allem Respekt, aber dieser junge Wilde hatte nicht die geringste Ahnung, wovon er sprach. Der Satz war eine erschwindelte und triviale Lösung, wie die des Gordischen Knotens von Alexander dem Großen.

Als meine Großeltern wieder nachhause fuhren, war ich um einige Zentimeter größer und dünner geworden, die Haut meines Gesichts und Oberkörpers durchlitt in mehreren qualvollen Phasen noch einmal die Geschichte Mitteleuropas während des 14. Jahrhunderts, und Millionen unschuldiger Hautzellen fielen einer mysteriösen Seuche zum Opfer. Und wie die völlig verängstigten und entkräfteten Menschen des Mittelalters beschmierte ich mich mit Wundermitteln und Salben, die ungefähr so viel halfen wie ein Gebet. Gleichzeitig verwandelte sich meine Stimme in die eines Sexualstraftäters aus einer Dokumentation, hinter einer Blende sitzend, eine Sonnenkappe auf dem Kopf, wurde tief und hoch zugleich, und an manchen Tagen konnte man sogar zwei separate Stimmen heraushören. Aus dem aufgeregten Jungen, dem kleinen Hund, der sich regelmäßig in einem Wald aus Hosenbeinen verlief und sich durch ständiges Auf-und-ab-Hüpfen, Ziehen, Zerren und Kläffen vergewisserte, dass er noch existierte, war ein nervöser, nachtaktiver Jugendlicher geworden, der plötzlich Fragen stellte, die allesamt mit Warum sind alle anderen begannen.

In einem einzigen Sommer, in dem ich mehr schwitzte als in allen vorhergehenden zusammen, verwandelten sich alle Mädchen zu quälenden Aufforderungen, zu Verhöhnungen eines fehlenden Mutes, der vielleicht bewirkt hätte, dass man irgendetwas zu sagen oder zu tun imstande gewesen wäre. Ihre abschätzigen Blicke begleiteten mich überall, selbst beim Einschlafen und Aufwachen, beim Baden, bei einer Schularbeit, beim Zubinden der Schuhe, beim Tennisspielen, beim Fernsehen, beim Schwitzen. Ich war drei- bis viermal pro Woche unglücklich verliebt, die Mädchen wechselten wie Schattenspiele an der Wand.

Natürlich gab es auch kurze Lichtblicke. Einmal onanierte ich mit verzweifeltem Gesichtsausdruck vor dem Spiegel, in Erinnerung an ein Mädchen aus der Schule, das rote Korkenzieherlocken hatte. Dann, kurz bevor ich zum Höhepunkt kam, musste ich niesen und mein Penis wippte, ohne dass ich ihn berühren musste, albern auf und ab. Ein seltsames Gefühclass="underline" Du stehst im Badezimmer, allein auf der Welt, ringsum alles wüst und leer, und dein Körper gesteht dir, um dich abzulenken, dass es Muskeln in deinem Körper gibt, von denen du noch nichts gewusst hast.

Doch meine Selbstquälerei war im Grunde ein Segen, denn ich dachte kaum mehr an flüchtende Nummernschilder und tote Lehrer. Ich reparierte sogar einige der Dinge, die ich kaputt gemacht hatte, und meine Fantasien beschäftigten sich fast ausschließlich mit unbekannten, schönen, sommerlich ausgehungerten Frauen, die mir mit unauffälligen Gesten bedeuteten, sie an verschiedenen Stellen zu berühren. Sie gingen langsam durch die leer gefegten Räume meiner Vorstellung, um dann an einer in Zeitlupe vor sich hin plätschernden Trinksäule haltzumachen und ihre Lippen unter den Wasserstrahl zu halten. Dann richteten sie sich auf und schauten mich von der Seite her an; ein dicker, glänzender Tropfen perlte von ihren Lippen und niemand leckte ihn ab.

Ich onanierte in alles, was mir einigermaßen brauchbar erschien. In stinkende Waschlappen, in Taschentücher, in vollgeschriebene Ringmappen, in alte Vokabelhefte, in einen Luftballon, ja sogar in den lasziv offen stehenden Pappmaschee-Mund einer alten Faschingsmaske. Oft musste ich hinterher den Teppich oder den Fußboden reinigen.

Ich las Bücher über Verschwörungstheorien und beteiligte mich zum ersten Mal an Demonstrationen, obwohl ich nicht einmal verstand, worum es ging, davon abgesehen, dass wir es den Mächtigen ordentlich zeigten.

Die Mächtigen. Trotz meiner jungen Jahre hatte ich bereits eine ziemlich präzise Vorstellung davon, was das war. Eine Handvoll Männer, die in das hübsche, gesunde Gehirn der westlichen Welt ein gefräßiges Astrozytom aus Ölfirmen und Waffenindustrie gepflanzt hatten; die sich unverhohlen dem Satanismus hingaben; die mit gekaperten und aufgemotzten Nazi-Flugscheiben (die Modelle Vril und Haunebu) zur Arbeit flogen; die in abgelegenen Wäldern eine riesige Eulenstatue umtanzten und dabei die Namen altsumerischer Gottheiten murmelten; die ein perverses Vergnügen an der Vernichtung von Lebensraum hatten und die ganze Dritte Welt über Nacht in ein Feuerwerk blitzender Machetenklingen verwandeln konnten. Dicke, häufig operierte, alte Männer mit Sauerstoffschläuchen in beiden Nasenlöchern und einem hässlich quakenden Sprachsynthesizer.

Ich durchstöberte Webseiten nach immer ausgefalleneren Ideen und fand Alien-Autopsien (dieses in körnigem Schwarzweiß gefilmte Mädchen, das wie ein an Progerie verstorbenes Kind aussieht und das von merkwürdigen, wie unter Trance arbeitenden Wissenschaftler-Handpuppen seziert wird, jede Menge schwarzes Blut und Pappmaché-Organe, die auf eine Fleischerwaage gelegt werden), das Philadelphia-Experiment, Augenzeugenberichte von Engelserscheinungen, bei denen hinterher immer jemand schwanger zurückblieb, und ein paar Leute, die behaupteten, sie hätten schon den dritten oder vierten Zeitsprung hinter sich. Ein Mann, der die Buchstabensequenzen der hebräischen Bibel in einer gigantischen Matrix nebeneinandergestellt und darin verschiedene quer und vertikal zu lesende Wörter ausfindig gemacht hatte, prophezeite die nukleare Zerstörung Jerusalems für das Jahr 2002.

So.

Kurz darauf trat Lydia in mein Leben, dieses fragile Kartenhaus. Und es fiel unter der Wucht des Tritts in sich zusammen.

— Alles in Ordnung? frage ich Martina.

— Ja, ich hab mich nur erschreckt.

— Entschuldige. War nur Spaß.

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