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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Die Raketen zischten davon. Markus salutierte vor dem Himmel. Im Hof hörte man den kleinen Stecken meiner Rakete aufschlagen. Die größere explodierte mit einem unschuldigen Pop! ein paar Meter oberhalb der Nussbäume.

— Auf Paris, sagte Walter mit jener seltsamen Rührung in der Stimme, wie sie Männer (und nur Männer) manchmal im derben Chaos der ausgelassensten Brüllgelage überkommt.

Unten ging ein Fenster auf und ein entsetztes, weißes Gesicht erschien. Man konnte ein paar Wortfragmente der Entrüstung hören.

— Scheiße, der Hausbesitzer, sagte ich und trat vom Balkongeländer zurück.

— Glaubst du, er hat uns gesehen? fragte Markus.

— Bestimmt. Der blöde Grottenolm merkt immer alles.

Ich bemerkte, dass meine Finger ganz schwarz geworden waren. Außerdem war meine Kehle gereizt und verlangte nach Wasser. Ich hörte, wie das empörte Fenster von Herrn Steiner unten wieder zugemacht wurde. Bestimmt würde er jeden Moment klingeln. In diesem Fall war es bestimmt nicht ratsam, die Tür mit rußgeschwärzten Fingern aufzumachen.

— Ich glaube, ich gehe mir mal Gesicht und Hände waschen.

— Ich geh auch rein, sagte Markus. Wird kalt hier draußen.

Walter blieb auf dem Steinboden des Balkons sitzen.

— Mir ist ein wenig schwindlig geworden, sagte er. Vom Rauch. Ich komm gleich nach.

Das war das letzte Mal, dass ich Walter gesehen habe. Er ging tatsächlich für ein Jahr nach Paris, und wenn es stimmte, was man hörte, war er drauf und dran, ein großer Regisseur, Journalist und Frauenheld zu werden. Merkwürdig, man verliert Menschen so leicht aus den Augen, und wenn man sie nach Jahren zufällig irgendwo wieder trifft, sind sie einem peinlich und fremd wie altes Spielzeug.

Früher hatten Walter und ich oft ganze Tage zusammen verbracht. In den Sommerferien streiften wir gemeinsam durch den Park und kehrten schmutzig und aufgerissen wieder zurück. An besonders stürmischen Tagen hielten wir uns in den Innenhöfen auf und schossen mit Plastikpistolen auf kleine Raumschiffe. Wir hingen auf Wäschestangen und übten Klimmzüge, weil die Fremdenlegion unter der brennenden afrikanischen Sonne bei Kräften bleiben musste. Wir zündeten einen kleinen Strauch an, der entsetzlich stank. Und einmal landete eine kleine Propellermaschine im Hof. Darin befand sich eine winzige Gestalt, ein aufgeregt sich windendes Etwas, das aus dem Cockpit gefallen war. Die kleine Figur begann auf der Wiese im Kreis zu laufen, wie ein Stummfilmkomiker auf der Flucht vor Knüppel schwingenden Polizisten. Wir verfolgten das kleine Wesen, das ein Husarenröckchen und darüber eine moderne Fliegerjacke trug und in einer piepsenden Stimme wilde Flüche ausstieß. Walter hatte die Idee, es mit einer leeren Sektflasche, die von Silvester übrig geblieben war, einzufangen. Wir jagten den Zwergpiloten über Stock und Stein, schließlich flüchtete er sich in ein Mauseloch, das, wie wir wussten, eine Sackgasse war. Wir stopften ihn in die Flasche und trugen ihn in die Wohnung. Der Pilot zappelte wie wild. Wir schüttelten die Flasche, und der winzige Pilot mit den vielen Miniatur-Orden auf der Brust und der altertümlichen Fliegerhaube über dem Gesicht purzelte umher, brüllte Verwünschungen, zeigte uns durch die trübe Scheibe der Flasche, die zur Hälfte von einem eleganten Etikett verdeckt wurde, sein vor Zorn rot glühendes Gesicht und wedelte mit der geballten Faust. Er verlangte heiser, augenblicklich wieder in seine Maschine gesetzt zu werden, um den nächsten Angriff fliegen zu können. Wir lachten ihn aus und ließen die Flasche über den Teppichboden rollen. Der kleine Pilot schlug verzweifelte Purzelbäume. Völlig erschöpft fiel er in Ohnmacht. Wir holten ihn mit einer Pinzette aus seinem Gefängnis und beschlossen, ihn gnadenhalber aufzuspießen, solange er noch schlief. Wir entkleideten ihn. Wir leerten auch seine Taschen. In der Innentasche seiner Jacke fanden wir einen langen Brief und lasen ihn unter einer Lupe. Liebe Käthe — so begann er, aber mehr konnten wir nicht entziffern. Walter bestand zwar darauf, dass ihm gerade einfiel, wie der Brief weitergehen könnte, doch mich langweilte das Spiel bereits, und so stopften wir den Brief zurück in die Tasche und zogen den Piloten wieder an. Walter schien enttäuscht. Wir hätten die Flasche zumindest noch ein wenig über eine Flamme halten können, sagte er.

Weil es schon spät geworden war und Walter bald von seinem Vater abgeholt werden würde, beschlossen wir, dass Folgendes passierte: Ein paar Wochen päppelten wir den völlig entkräfteten und leicht verletzten Piloten mit Brotkrumen und klein gehackten Nüssen auf, die wir ihm mit einer Pinzette in seine Sektflasche reichten. Er streckte sich jedes Mal gierig nach dem nächsten Brocken. Als er wiederhergestellt war, ließen wir ihn frei. Eines friedlichen Morgens schließlich kletterte er in seine Propellermaschine und hob ab.

Die Gruppe

1. Szene. Ein halber Sesselkreis in einem kleinen Zimmer. Vor den Fenstern Abend. In einer Ecke des Zimmers ein kleiner Käfig, darin ein kleiner bunter Vogel, der sich kaum bewegt. Eine große, grüne Zimmerpflanze mit Blättern in Form eines gefrorenen Springbrunnens.

Personen: Die Gruppenleiterin, eine Frau um die Vierzig mit Schweißflecken unter den Achseln; die verschiedenen Teilnehmer der Gesprächsgruppe.

Gemurmel unter den Teilnehmern, bevor die Leiterin mit der Begrüßung beginnt.

LEITERIN: So … dann möchte ich gern alle begrüßen, die heute Abend gekommen sind … hier ins Institut für Lebensführung. Mein Name ist Valerie und ich werde diesen Gesprächsabend leiten. Das Gruppengespräch versteht sich … gewissermaßen als Ergänzung zur Einzeltherapie. Und … ja.

Sie klemmt sich die Stirnfransen hinters Ohr. Sie bleiben nicht hängen, fallen ihr wieder in die Stirn.

Auftritt Walter. Er trägt eine unauffällige Weste, so wie sie Menschen mit psychischen Problemen in schlechten Hollywoodfilmen tragen. Die Schirmkappe, die er auf dem Kopf getragen hat, hält er in der Hand und fächelt sich damit Luft zu. Es ist Sommer und sehr heiß. Walter schwitzt entsetzlich.

LEITERIN: Guten Abend. Bitte setzen Sie sich.

WALTER setzt sich auf den einzigen noch freien Sessel, dreht die Schirmkappe nervös zwischen seinen Fingern. Er sieht auf seine Schuhe. Sehr leise: Hallo.

Felix, ein in leichter Seitenlage gehender Musikstudent, hat sich unterdessen von seinem Platz erhoben und streunt im Zimmer herum.

FELIX vor dem Vogelkäfig: Kann er … kann er sprechen?

LEITERIN bemerkt ihn: Was?

FELIX: Der Vogel. Kann der sprechen?

Pause

LEITERIN: Ja.

FELIX aufgeregt: Und?

LEITERIN scheint zu überlegen: Wollen Sie sich nicht vielleicht lieber setzen?

Pause. Felix bleibt vor dem Käfig stehen. Er lacht auf. Was ist so komisch?

FELIX: Der Papagei … er hat geseufzt!

LEITERIN: Geseufzt?

FELIX: Ja! So richtig, mit Heben und Senken der Schultern, so –

Er macht es vor.

LEITERIN: Nehmen Sie doch erst einmal Platz. Wir fangen dann an.

FELIX bleibt stehen: Man könnte einem Papagei ja im Prinzip alles beibringen. Gebete …

LEITERIN steht auf.

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