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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Er merkte, dass er mit sich selbst sprach. Gabi lag da, ein Stein, eine unbewegliche Grenzmarkierung. Hinter der Oberfläche, hinter dem hübschen Gesicht, das sie immer noch in den Sofabezug gedrückt hielt, hinter den Schultern, dem leicht gekrümmten Rücken und den zwei angewinkelten Beinen lag ein tiefer Burggraben, den er nicht einfach so überschreiten konnte. Zumindest jetzt nicht. Das Einzige, was ihm erlaubt war, war ein Blick auf die uneinnehmbare Festung ihres Leidens. Er nahm sich vor, einmal beim Sex mit ihr über diese Dinge zu sprechen, vielleicht bekam er dann endlich eine Antwort. Aber er wusste auch, dass das ein gefährliches Spiel war. Wenn sie in Fahrt kam, war sie imstande, ihm die Nase zu brechen.

Wolfgang hob die Fernbedienung auf und richtete sie auf Gabis Rücken, überließ sich eine Weile dem männlichen Genuss des Zielens, und feuerte dann zwei konzentrierte Infrarotsignale auf sie ab. Zweimal Ton Aus, das kleine Symbol, das wohl einen zweimal durchgestrichenen Grammophontrichter darstellen sollte.

Stille, Stille.

Gabis Körper hob und senkte sich, sie atmete die gleiche Luft wie er und wusste doch in diesem Augenblick nicht einmal mehr, dass er hinter ihr stand. Oder es interessierte sie nicht, weil sie eingeschlafen war. Das waren die Tabletten. Ihr normaler Tag-und-Nacht-Rhythmus war vollkommen durcheinandergekommen. Sie wachte um vier Uhr morgens auf, ging dann unruhig in der Wohnung umher und stürzte sich, wenn er aufwachte, sofort auf ihn, um sich einen Orgasmus und ein paar blaue Flecken zu holen.

Wolfgang legte die Fernbedienung wieder hin und setzte sich vorsichtig neben sie. Jetzt konnte er sogar ihr Gesicht erkennen, das sich an den kühlen Stoff des Sofas schmiegte, die kleinen knospenartigen Augen, die fest geschlossen waren, die breiten Wangenknochen, die kleinen Falten um die Mundwinkel, die sich im Alter zu einem melancholischen Flussdelta verdichten würden.

Was, wenn er Gabi nun einfach in einen Rollstuhl setzen und in die Stadt fahren würde? Wenn er sie vor ihrem Lieblingsrestaurant wecken, den Rollstuhl stehen lassen und mit ihr durch die Passage gehen würde, in die Geschäfte, die sie am liebsten hatte? Würde sie irgendwas Verrücktes machen, alle Bücher in einem Geschäft wie wild zu ordnen beginnen, nach Farben oder sonst irgendeiner zwanghaften inneren Logik? Würde sie wieder einen Anfall bekommen?

Natürlich würde er nichts dergleichen unternehmen. Er saß hier mit ihr fest und wurde unter der Last immer schwächer. Aber er musste sich beherrschen. Sie war eine zarte, filigrane Qualle, die an dieses blaue Sofa gespült worden war und die man nicht berühren durfte, wenn man nicht riskieren wollte, dass sie einem unter den Fingern zu Staub zerfiel.

Am nächsten Tag in der Früh, als Wolfgang die ohnehin nicht besonders fest geschnürten Fesseln von ihren Handgelenken entfernte, sagte Gabi, dass sie heute mit dem Kind spazieren gehen wolle. Wolfgang fragte, ob es nicht vielleicht ein bisschen zu früh sei, allein mit dem Kind.

Nein, sie war sich sicher. Und sie musste unbedingt wieder raus. Es war September, der Sommer war schon so gut wie vorbei.

Ein wunderbarer Anblick: Parkbänke im Sonnenlicht. Und unter ihnen, am Kiesboden, die Schattenrisse ihrer Sitzflächen, wie ein doppelter Boden, Ersatzbretter für den Fall, dass jemand durchbricht. Bänke, die Verkörperung absoluter Bewegungsunfähigkeit. Nichts scheint so unverrückbar wie eine Wartebank, in einem Bahnhof, an einer Haltestelle, in einer Klinik, ein Objekt völlig ohne den Wind der Zeit, der an allem zerrt und nagt.

Gabi ging mit dem Kinderwagen über den Parkweg. In der Ferne hörte man jenes halb verstimmte Glockenspiel, das immer um diese Tageszeit in einem der vielen Kirchtürme der Umgebung gespielt wurde. Gerade hatte sie eine seltsame Begegnung mit einem kleinen, rötlichen Hund gehabt. Er hatte einen Stock im Maul getragen. Und Gabi hatte den Kinderwagen losgelassen und ihn entgegengenommen. Jetzt schlief das Baby neben dem Stock.

Der Hund war zu seiner Besitzerin, die eine Lederjacke trug und sich in einiger Entfernung mit einem Mann unterhielt, zurückgerannt. Es war — sie war sich sicher — jener ältere Mann mit dem runden, freundlichen Gesicht, den sie vor längerer Zeit einmal im Park getroffen hatte. Sie hatte ihm von ihrem Kindersegen erzählt und er ihr von seiner Frau, die an einem Silvesterabend gestorben war. Er erschien ihr verständnisvoll, und sie unterhielten sich sehr ausführlich und vernünftig über das Wetter.

Etwas Großes kam hinter ihr näher, sie hörte einen anschwellenden Lärm, bestimmt eines dieser albernen Parkfahrzeuge, diese Miniaturen von echten Straßenräummaschinen, die man zum Plattfahren des Herbstlaubs oder zum Säubern der Gehwege verwendete. Und drinnen saß meist ein hagerer, ungesund aussehender Mann, der auf dem Kopf eine Mütze trug und darüber einen Lärmschutz-Kopfhörer.

Das musste es sein, und dem Anschwellen des Motorengeräuschs nach zu urteilen, kam das Räumfahrzeug nur sehr langsam näher. Trotzdem wich sie mit dem Kinderwagen aus und trat an den Wegrand, wo die Wiese endete.

Sie wollte sich nicht umblicken, wollte nicht den Eindruck erwecken, sie fühle sich verfolgt oder gestört.

Sie kam an einer Parkbank vorbei, auf der ein Bettler schlief. Sein Nacken ruhte auf der Armlehne. Der verwahrloste Mann musste stocktaub sein, wenn er bei so einem Krach schlafen konnte. Vielleicht war auch sein Genick im Schlaf gebrochen, sanft und leise; es konnte unmöglich angenehm sein, in einer solchen Stellung zu schlafen. Und dann auch noch unter freiem Himmel. Alkohol schraubte eben alles herunter, die Wahrnehmung wie die Wünsche und Ansprüche. Der Mann stank fürchterlich.

Sie ging weiter und war einige Male kurz davor, sich nach dem kriechenden Fahrzeug umzudrehen, das sich scheinbar einen Spaß daraus machte, ihr auf die Nerven zu gehen.

Das Kind lag mit geschlossenen Augen im Kinderwagen, ein Daumen steckte zwischen den winzig kleinen, Speichel glänzenden Lippen. Gleich würde er herausfallen, da niemand mehr an ihm lutschte. Das Bild war so wunderschön, dass sie sich beherrschen musste, nicht laut aufzulachen. Auch wenn sie ihr Lachen vermutlich gar nicht hören würde.

Der Lärm schwoll weiter an, jetzt musste ihr der Witzbold schon fast auf den Fersen kleben. Gabi stieß einen wütenden Seufzer aus, den sie nicht einmal mehr hörte, so laut war es inzwischen — und wandte sich um.

Der Riss, zweiter Akt

Im Nachhinein war mir, als wäre meine große Winterdepression nur gespielt gewesen. Ich meine, ich hätte natürlich zu jeder Zeit aufstehen können. Ich ging ja auch zur Toilette. Und mit dieser Einsicht ging eine andere, sehr seltsame, einher. Es schien mir, dass ich im Grunde nie etwas anderes getan hatte als vorzutäuschen. So zu tun als ob. Diese zwei unscheinbaren Wörter, als ob — vielleicht waren sie das Schlüsselloch, durch das man mein Leben betrachten musste.

Nicht nur in den üblichen Dingen der Kindheit, die ein gepflegtes Als-ob erfordern — Fleiß in der Schule oder die sonderbaren Verrichtungen der Religion, mit der man aufwächst und die so gut ist wie jede andere —, nein, in beinahe allen Situationen gab es diese erdabgewandte Seite von mir, die immer ein wenig schlauer war als die sichtbare.

Ich bin vier Jahre alt. Mein Vater bringt mir bei, wie man einen Fotoapparat bedient. Damals gibt es noch diese unförmigen Zauberkästen, die ehrfurchtsvoll SofortbildKamera genannt werden und die einem, sobald man auf den Auslöser gedrückt hat, die Zunge rausstrecken: ein weißes, glänzendes Quadrat.

— So, da ist der Auslöser, und durch dieses Loch da … probier mal … Siehst du mich?

Er winkt. Ich sehe ihn, ja, aber irgendetwas in mir will noch nicht zugeben, dass alles bereits durchschaut ist, dass die Lektion, kaum hat sie begonnen, ausgelutscht ist und leer — ich senke die Kamera, mein Gesicht verformt sich im Ausdruck kindlichen Zweifels, und ich — sehen Sie nur: ich schüttle die Kamera, nach Art eines Kleinkinds, das wissen will, was in seinem Geschenkpaket ist, eine lächerliche Bewegung, die bedeuten solclass="underline" Funzoniert nicht, Papa helfen.

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