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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Das meiste davon sagte Steiner laut. Vieles murmelte er nur. Aber da es im Park vollkommen still geworden war, wusste er, dass der Junge seine Worte auch so hören würde, ohne dass er sie deutlich aussprach. Alles in allem war der Junge ja kein Monster, das einer Besserung nicht fähig war.

— Eine eigene Familie, sagte Herr Steiner, einen eigenen Arbeitsplatz. Du wirst das alles haben. Denk nur! Kein Grund, das alles für einen Igel einfach so zum Fenster hinauszuwerfen. Ein kleiner Igel gegen das Familienglück. Gegen die Verantwortung, die man hat, wenn man Kinder in die Welt setzt. Ah. Ich wünschte mir wirklich, du würdest nicht so schlecht von mir denken.

Den letzten Satz hatte er ganz leise gesagt, mit gesenktem Kopf. Er war müde. Das lange Gespräch mit dem Jungen hatte ihn erschöpft. Sein Blick fiel auf seinen Schuh, auf einen braunen Blutfleck an der Seite. Er stand auf.

Der Junge lag immer noch mit dem Gesicht zum Asphalt und spielte mit der Welt Verstecken. Vielleicht zählte er gerade still bis tausend und wartete, bis Steiner verschwunden war. Gut. Mehr konnte man vermutlich nicht machen. Eine schwer zu knackende Nuss, dachte Steiner und zuckte mit den Schultern. Er drehte sich zu dem verlassenen Park um, mit demonstrativ erhobenen Händen, wie um zu sagen: Soll keiner behaupten, ich hätte mich nicht bemüht.

Dann ging er über den schwarzen Spazierweg davon. Am Teich wusch er sich die Hände. Sie waren voller Rindenstücke. Das Wasser roch sonderbar scharf. Der Geruch reizte seine Nase und er nieste. Seine Frau reichte ihm ein Taschentuch.

Aber er konnte sich damit nicht schnäuzen. Es roch nach ihr.

— Entschuldigung, fragte eine weibliche Stimme. Sie haben nicht zufällig meinen Hund gesehen? So ein kleiner, rötlicher Hund.

Uljana war ein schreckhaftes Tier, schon oft war sie der Welt abhanden gekommen. Außerdem hatten räumliche Distanzen für sie keinerlei Bedeutung. Das letzte Mal war es an einem finsterkalten Winternachmittag passiert. Ein Laternenpfahl, der nach Katzen roch, hatte dabei eine Rolle gespielt, aber die genauen Umstände dieses schwarzen Tages waren alle längst in der Versenkung verschwunden. Sie wusste nur noch: Nachdem sie wieder zuhause war, hatte sich das kleine Mädchen, das so gut roch wie sonst nur eine Steckdose, wiederholt bei ihr entschuldigt. Lange strich es über ihr Fell, wühlte mit den Fingern darin herum, als wasche sie sich ihre Hände. Und andauernd entschuldigte sie sich für irgendetwas und wurde spürbar leichter, um zwei oder drei Kilo. Kinder wiegen ja nicht viel.

Und Uljana hatte ihr die Finger geleckt, ohne auf ihre Erklärungen einzugehen. Doch das machte das Mädchen völlig hilflos, und beinahe hätte sie die Geduld verloren, wenn sie nicht durch Zufall entdeckt hätte, dass Uljana unter den Achseln kitzlig war. Also kitzelte sie sie und Uljana schüttelte sich vor Lachen und japste ekstatisch nach Luft.

Jetzt kümmerte sich jemand anders um Uljana, und das war manchmal sehr verwirrend. Im Augenblick war die Erinnerung an das überwältigende Gefühl von damals so stark, dass sie plötzlich einen Stock im Maul hatte und damit losrannte, als wäre jemand im Spiel hinter ihr her.

Aber etwas stimmte nicht mit dem Stock.

Sie ließ ihn fallen und drückte die Schnauze hinein. Der Geruch eines Kindes, das große Angst hatte. Vermischt mit dem herben Geruch von Kastanien, die heuer früh gefallen waren.

Eine solche Angst durfte sie nicht mit sich herumtragen.

Sie musste sie jemandem bringen.

Es war ein ruhiger Tag. Gabi war seit ihrem Zusammenbruch das erste Mal wieder auf dem Balkon gewesen, hatte die grelle Welt angestarrt, hatte ein wenig an ihren Pflanzen herumgezupft, als besäßen sie so etwas wie Kleiderfalten, und war wieder hineingegangen. Jetzt saß sie langsam vor, und zurückwippend, eine lebendige Erinnerung an eine Schaukel, auf dem Sofa und blätterte mit einer Hand in einem Modemagazin. Wolfgang kümmerte sich um sie, so gut er konnte. Er näherte sich ihr immer von vorne, niemals von hinten, da sie bereits der geringste Schreck in Panik versetzen konnte.

Am Morgen hatten sie es wild miteinander getrieben, er hatte ihr Gesicht von hinten in die Kissen gedrückt und sie an den Haaren gezogen. Jetzt tat es ihm leid. Sonst beruhigte sie ihn immer, das sei schon alles in Ordnung. Die normalen Schwierigkeiten einer Übergangszeit. Aber Wolfgang hatte bemerkt, dass Gabi heute ein wenig anders war als sonst. Er hatte einen Verdacht, woran das liegen konnte. Es war Mittwochnachmittag und sie waren nicht in die Stadt gefahren und hatten sich auch keinen Film angesehen oder ausgeborgt. Natürlich war daran niemand schuld, dachte Wolfgang. Er stand in der Tür und beobachtete seine Frau. Als sie ihren Blick hob und ihn entdeckte, wich er zuerst zurück, als hätte er etwas Verbotenes getan, dann überwand er sich und ging zu ihr.

— Was machst du? fragte er.

— Hm. Nichts.

— Alles in Ordnung?

Sie blätterte eine Seite um.

— Sollen wir irgendwas spielen? fragte Wolfgang.

Der Satz verfehlte seine Wirkung nicht.

— Du musst mich nicht beschäftigen, sagte Gabi. Ich habe ja mit dem Kind genug zu tun.

Sie legte sich hin, indem sie sich einfach auf die Seite fallen ließ. Er wich ihr aus, stand vom Sofa auf und ging im Zimmer herum.

— Du kommst schon wieder auf die Beine, sagte er.

Sie drehte sich von ihm weg. Ihr Gesicht verschwand in der Sitzbeuge des Sofas.

— Ich weiß, wie du dich jetzt fühlst, sagte Wolfgang. Aber das geht vorbei. Und wenn es nicht vorbeigeht, dann lernen wir halt, damit zu leben.

Es dauerte lange, bis Gabi antwortete.

— Nein, sagte sie leise.

— Doch, sagte Wolfgang und nahm wie zur Bestätigung seiner kühnen Theorie die Fernbedienung vom Tisch und drückte ein paar Knöpfe.

— Mmh, machte Gabi.

— Zuerst klappern wir hier alle Therapeuten ab, und wenn das nichts hilft, dann überall sonst. Das sind ziemlich viele, wir haben noch lange nicht alle Karten verspielt.

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