Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
14. Josta
Richard stellte den Lada beim» Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft «am Puschkin-Platz ab und beschloß zu laufen. Die Leipziger Straße war abendlich belebt, die Laternen streuten müdes Licht auf den Verkehr. Eine Hechtbahn der Linie 4 ratterte in Richtung Radebeul vorüber, schlenkerte in den Gleisen, Richard sah, wie die Fahrgast-Traube an den Halteschlaufen hin- und herschwankte. Er überquerte die Straße und ging so langsam und gedankenversunken, daß ein militärgrüner Wolga hielt und ein russischer Offizier, Chauffeur einer höheren Charge, deren Handschuhe Richard im Wageninneren ungehalten gestikulieren sah, den Kopf zum Fenster hinaussteckte und ihm ein rauhes, aber nicht unfreundlich klingendes» Nu, Dawai!«zurief. Richard wich aus, der Wolga, ein breiter Stahlkasten, schlingerte im Schneematsch davon.
Vom Paul-Gruner-Stadion wehten Rufe, heute spielten Feldhandballmannschaften, es existierte noch eine Liga, vorwiegend aus Arbeitern und Angestellten städtischer Betriebe, Robotron, Pentacon, Sachsenwerk. Längst hatte der Hallenhandball den Feldhandball verdrängt, aber hier, in der Vorstadt, gab es ihn noch. Richard kannte die Umkleidekabinen im Paul-Gruner-Stadion, die Fotografien ehemaliger Sportheroen: der Dresdner Fußballer Richard Hofmann, wegen seines Schusses» der Bomber «genannt; die deutsche und die ungarische Nationalmannschaft von 1954 mit Signaturen; Töppen, wie man hier die Fußballschuhe nannte, von Mitgliedern des 1. FC» Dynamo Dresden«, die hier in Jugendmannschaften gespielt hatten. Wind frischte auf, trug Gerüche heran: Brackig roch es vom nahen Pieschener Hafen, von den Elb-Altarmen, in denen das Flußwasser träge stand und selbst in strengen Wintern nur mürbes Eis bildete. Süßlich und widerlich mischte sich der Abdunst vom Schlachthof, am anderen Elbufer, im Ostragehege, in den Flußgeruch, dann drehte der Wind und trug die Gerüche der Vorstadt heran: Autoabgase, Metall, den säuerlichen Schornsteinrauch schlecht verbrennender Braunkohle. Es dämmerte schnell. Wie rasch die Tage vergehen! dachte Richard. In der Dunkelheit geht man aus dem Haus, in der Dunkelheit kehrt man zurück. Und er dachte daran, daß er nun fünfzig Jahre alt und dies etwas Unbegreifliches war, denn jener Tag, an dem er im Garten des Vaters ein Vogelnest gefunden und sich erstaunt über die grünen, rostrot gesprenkelten Eier gebeugt hatte, schien doch nicht lange zurückzuliegen, und es waren doch vierzig Jahre. Er beobachtete die Menschen. Wie sie dahintrieben in der Dämmerung, in graue oder braune Mäntel gekleidet, nur hin und wieder etwas Farbe, Blaßblau, Beige, vorsichtiges Rosa, und jeder in Gedanken und Geschäften, niemand mit erhobenem Kopf, den Blick offen einem anderen Menschen zugewandt: all das erfüllte ihn mit Traurigkeit, einem Gefühl von Unentrinnbarkeit und Hoffnungslosigkeit. Fünfzig Jahre — und erst gestern das erste Mädchen geküßt! Sie war älter gewesen als er, neunzehn oder zwanzig, fast schon eine Frau, hatte er mit seinen zwölf Jahren empfunden, als er mit der Phosphorbrandverletzung im Krankenhaus gelegen hatte. Rieke hatte sie geheißen, eine stille Handelsschulabsolventin, die im Krankenhaus Pflegedienst leistete, ihre Firma war beim Bombenangriff vollständig vernichtet worden. Was für schönes Haar sie gehabt hatte: Dunkelblond mit einzelnen helleren Strähnen darin; manchmal, wenn er Christian ansah oder mit der Hand über seinen Kopf strich, mußte er an Rieke denken — und sich vor einem Lächeln hüten, das niemand außer ihm verstand und dessen Erklärung mit Verstimmung enden würde. Wie leicht und zärtlich die Berührung seiner Haut gewesen war, wenn sie Brandsalbe aufgetragen oder seinen Rücken mit Franzbranntwein überrieben hatte, wobei er ihren Atem spürte, wenn sie vornübergebeugt hinter ihm auf dem Bett saß, eine vorwitzige Strähne ihres Haars, die sie in regelmäßigen Abständen zurückpustete. Sie beugte sich zurück, bevor das, was in ihm erwachte und die Ahnung von etwas bisher nicht Gekanntem, Pochendem, Verbotenem gab, nicht mehr für einen Zufall, einen beiläufigen, bei dieser Art von Behandlung immer wieder vorkommenden Kontakt gehalten werden konnte. Eines Abends, als sie allein gewesen waren, dauerte es zu lange für seine Sinne, aufgestellte, überscharfe Antennen, er drehte sich um, er wußte selbst nicht, was er da tat und warum, und woher er den Mut dazu nahm, nur, daß etwas ihn trieb über die Angst und seinen stolpernden Puls hinaus, ihr verdutztes Gesicht in beide Hände zu nehmen und sie auf die Lippen zu küssen. Sie war nicht zurückgewichen, hatte ihn nicht geohrfeigt. Danach saß sie schweigend, sah ihn an, begann zu lächeln und wischte sich mit einer scheuen, ihn sonderbar erregenden Bewegung das verrutschte Haar zurück.»Na, du fängst ja früh an«, hatte sie gemurmelt, und er dachte: Was kommt jetzt? und ein Rausch aus Bruchstücken erschlichener Lektüren, Andeutungen und Zoten von älteren Flakhelfern, obszönen Bildern in einschlägigen Heften überschwemmte seine Gedanken. Dann war etwas in ihren Augen erschienen, das er nicht kannte, eine Art von zärtlichem und respektvollem Spott; sie hatte seine Schlafanzughose gelüpft:»Du bist mir einer. Erst zwölf, und schon hat’s Konsequenzen. «Er sagte nichts, sie lachte leise.»Komm später wieder, jetzt mußt du noch ein bißchen auf die Weide. «Damals hatte es ihn beleidigt, er konnte sich an das dumpfe, dunkle Gefühl der Scham, der mit Empörung gemischten Trauer noch genau erinnern; jetzt mußte Richard lachen. Danke, Rieke, du zärtliche, junge, nach Franzbranntwein und Kernseife riechende Frau! Sag, ist es dir gut ergangen? Möge es dir gut ergangen sein — ich begehre dich noch immer! Richard machte einen kleinen Sprung und tat, als ihn ein entgegenkommender Passant erstaunt musterte, als wäre er noch rechtzeitig einem auf dem Bürgersteig liegenden Hundehaufen ausgewichen. Er kam am Faunpalast vorbei und erinnerte sich an manchen Film, den er in dem Kino, das früher ein Tanz-Etablissement und Versammlungsort der Arbeiter gewesen war, gesehen hatte. Ein verwinkelter Bau mit abgeschabten Polsterstühlen; im Vestibül verstaubten Scherenschnitte von Hans Moser, Vilma Degischer, Anny Ondra und manch anderem UFA- oder Wien-Film-Star. Signierte Porträts von DEFA-Schauspielern hingen gerahmt an den Seiten des hölzernen Kassenverschlags, der mit seiner in den Raum vorbugenden Front und den abgerundeten, messingbeschlagenen Ecken wie ein gestrandeter Orientexpreß-Waggon wirkte. Auf dem Pfeiler der breiten, mit einem fadenscheinig gewordenen Spannteppich belegten Salontreppe stand eine Schlangenpflanze, die irgendein verschollener Betreiber des Kinos aus den Tropen mitgebracht hatte. Richard nannte sie so, weil sie weißgrün gefleckte Blätter besaß, die wie ein Bündel schlummernder Nattern aus dem Kübel hingen. Er nahm sich vor, Meno bei Gelegenheit nach dem genauen Namen der Pflanze zu fragen. Er sah die langen Wartereihen vor der Schwingtür des Kinos, das webelnde, grünliche Licht in den Schaukästen mit den Filmplakaten des Progress-Filmverleihs: ein Mann mit Trenchcoat und aufgeschlagenem Kragen, hinter ihm stach der Turm der Lomonossow-Universität mit dem roten Stern auf der Spitze in den Moskauer Abendhimmel, und dem Mann gegenüber stand eine Frau, die ihn mit weitgeöffneten, zugleich enttäuscht, noch liebend und schon abschiednehmend wirkenden Augen betrachtete. Sie ähnelte Anne, Richard wandte den Kopf. Traurigkeit, Wehmut erfaßte ihn, das Lächeln Riekes, die vor wenigen Minuten aufgeblitzte heitere Stimmung war verflogen, so gründlich, als hätte es sie nie gegeben. Er versuchte zu verdrängen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Anne, dachte er. Fünfzig Jahre, dachte er. Medizinalrat bist du geworden, genau wie Manfred es prophezeit hat auf der Geburtstagsfeier; Ansprache, Dank im Namen des Volkes undsoweiter, Urkunde auf, Urkunde zu, Händedruck, Beifall, Dankesrede, klippklapp wie im Affentheater. Und Pahl in Friedrichstadt hat richtig den Fetscherpreis bekommen … ein guter Chirurg, man sollte es ihm endlich sagen, in unserem Alter sollten Eitelkeiten keinen Wert mehr haben. Fünfzig Jahre, dachte er, und Erinnerungen. Du bist voller Erinnerungen, aber wohin ist die Jugend? Das Lachen, der Überschwang, die bäumeausreißende Energie —? Der Wind, der Wind geht durch dein Haar. Er hatte das vor kurzem irgendwo gelesen, in einer Zeitschrift wahrscheinlich, wie sie die Schwestern während des Nachtdiensts lasen; vielleicht war es eine Zeile aus einem Schlager, einem dieser ganz und gar billigen Lieder, wie sie im» Kessel Buntes «oder im» Wunschbriefkasten «gespielt wurden — und die er nicht ohne Widerwillen und Abscheu anhören konnte. Manchmal waren es aber gerade diese einfachen, rührseligen und oft nur allzu berechnend naiven Weisen, die ein Wort wie dieses enthielten, eine einzige, aus der übrigen Zubereitung gefallene Zeile, die einen Nerv auch bei ihm traf, den viele der ernsthaften, komplexen und harmonisch ungleich reicheren Partituren in den Konzertsälen verfehlten, so daß man kalt blieb. Sie tönten, aber sie drangen nicht durch die siebente Haut des Herzens vor bis ins Innerste … Dort, wo das Geheimnis war, unerforschlich allen, selbst dem nächsten Menschen.