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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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«Na, siehst du.«

«Willst du sehen, was ich für dich gemalt hab’?«

«Zeig!«

Es war ein Blatt voller Zahlen. Sie hatten Arme und Beine, fröhliche und traurige Gesichter, eine Sieben trug einen Hut, eine Fünf mit dickem Bauch rauchte Zigarre und hielt eine kleine pummelige, schafsartige Acht, die Dackelohren hatte, an der Leine.

«Schön! Das hast du fein gemalt. Das ist für mich?«

«Weil du Geburtstag hast.«

«Wie kommst du denn auf die Zahlen?«

«Die hab’ ich gesehen! Wenn Mama mich in den Kindergarten bringt, kommen wir immer an einer Sieben vorbei!«

Josta lachte.»Es ist ein Plakat zum siebenten Oktober. Im Kindergarten lernen sie jetzt Zahlen, deswegen.«

«Und bleibst du jetzt da, Papa?«

Richard wandte sich von dem hellen, zu ihm so vertrauensvoll aufschauenden Gesichtchen ab, es tat ihm weh, und alle Düsternis, die Lucies Anblick vertrieben hatte, kehrte zurück.»Heute nicht.«

Richard ging. Josta stand am Fenster und antwortete nicht auf seinen Abschiedsgruß.

Er stieg im Dunkeln die Treppe hinab. Es schien nicht nur seine Augen zu schärfen, auch die Gerüche und Geräusche meinte er intensiver wahrzunehmen als vor einer halben Stunde, als er die Treppe hinaufgestiegen war. Aschegeruch, klamme Wäsche, unausgelüftete Betten, Feuchtigkeit und Schimmel im schadhaften Mauerwerk, Kartoffelsuppe. Aus einer Wohnung in der zweiten Etage — Josta wohnte in der vierten, unter dem Dach — drangen laute Stimmen, Geschrei, Gekeif, das Klirren von Geschirr. Frau Freese im Hochparterre, der ehemaligen Blockwartswohnung, mußte ihn gehört haben, denn er bemerkte schon auf dem eine halbe Treppe höher liegenden Absatz, wo eine Außentoilette offenstand und penetrant nach» Ata «roch, daß der Spion geöffnet war: eine gelbe Lichtnadel stach ins Flurdunkel und verschwand sofort, als er sich, auf Zehenspitzen, vorbeischleichen wollte — entweder hatte Frau Freese den Spion verschlossen oder gierig ihre Gluckenaugen ganz nah an die Öffnung gepreßt.

Die Haustür klappte hinter ihm ins Schloß. Die Luft war kalt wie Eisen. Er ging zur Rehefelder Straße und schlug den Weg zum Sachsenbad ein. Dort hatte er seine Schwimmutensilien deponiert, der Bademeister kannte ihn als Stammgast und hatte ihm sogar, als Gegenleistung für ein Attest, das ihn vor dem Reservistenwehrdienst bewahrte, einen Schlüssel angeboten, falls er einmal später zum Schwimmen kommen wollte oder noch zu viele andere Gäste ihre Bahnen zogen. Daß er an jedem Donnerstag, wenn er keinen Dienst hatte, nach der Arbeit dorthin zum Schwimmen ging, war sein Alibi gegenüber Anne und den Jungen. Anne hatte es akzeptiert, daß er einmal in der Woche einige Stunden für sich beanspruchte und auf alle Vorschläge, sie gemeinsam zu nutzen, mit entschiedener Abwehr reagierte. Anne, das fühlte er, würde ihm nicht nachspionieren. Richard fürchtete die Jungen, am ehesten Robert. Christian war jetzt die Woche über in der EOS, da war es unwahrscheinlich, ihm hier zu begegnen. Außerdem neigte er zum Stubenhocken. Anders Robert. Der war unternehmungslustig, fand nichts dabei, mit Kumpanen kreuz und quer durch Dresden zu fahren, sich in S-Bahnen oder Vorortzüge zu setzen und der verblüfften Anne von seinem Taschengeld Brot und frische Semmeln von einem Meißner Bäcker mitzubringen. Außerdem schwamm er so gern wie er, Richard, und in Dresden gab es nicht viele Hallenbäder. Auch glaubte er, daß Robert ihn manchmal beobachtete, ihn skeptisch musterte an diesen Donnerstagen, wenn er vom Schwimmen nach Hause kam. Sah er Gespenster? Er hatte sich den raschen, nach allen Seiten sichernden Gang eines scheuen, sich beobachtet fühlenden Menschen angewöhnt. Nicht nur Anne und seine Jungen mußte er fürchten, es mochte Bekannte geben, von denen er nichts ahnte — womöglich war Frau Freese die Tante oder Großmutter eines von Roberts Kumpanen? Oder des Jungen, mit dem sich Daniel geprügelt hatte … Der Zufall, der» dumme «noch dazu, wie man sagte, liebte solche tückischen Begegnungen. Oder einer seiner Arbeitskollegen, eine Krankenschwester oder Physiotherapeutin, die in dieser Gegend wohnen mochten, sah ihn, wunderte sich, was Oberarzt Hoffmann zu dieser Stunde im Haus zu suchen hatte, in dem Frau Josta Fischer, die geschiedene und attraktive Sekretärin im Rektorat der Medizinischen Akademie, allein mit zwei Kindern eine Zweieinhalbzimmerwohnung unter dem Dach bewohnte, schon das war verdächtig bei der berüchtigten Wohnungsnot … Und er konnte sich nicht sicher sein, ob Josta ihren Teil der Abmachung mit der gleichen konsequenten Strenge, der immerwährenden, nie nachlassenden Vorsicht einhielt wie er … Gab es Fragen, Lucies wegen? Hielt Daniel den Mund? Er fühlte sich elend und hätte viel darum gegeben, aus den Lügen herauszukommen. Vor fünf Jahren hatte er versucht, die Affäre mit Josta zu beenden, dann aber war die Schwangerschaft gekommen, er hatte Josta spontan zur Abtreibung geraten, aber sie hatte sich kategorisch geweigert, ihm gegenüber das Wort Mörder gebraucht. Willst du ein Mörder sein an deinem Kind? Noch jetzt schauderte es ihn vor diesem Vorwurf. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Weniger eine Schwangerschaftsunterbrechung gemacht, das Feld» Kindesvater «in der Anamnese wäre leer geblieben. Seine Lucie, seine Tochter, die er über alles liebte! Richard lehnte sich an eine Mauer. Was ist aus mir geworden …! Ein Lump und Betrüger, der jeden Donnerstag durch die Straßen schleicht, gefangen in einem Netz aus Falschheit, Schwindeleien, Boshaftigkeit … Manchmal konnte er Anne nicht mehr in die Augen sehen, manchmal quälte ihn Angst, wenn er Meno oder Ulrich traf, die ihn als ihren Schwager begrüßten … Was würden sie von ihm denken, wenn es herauskäme? Daß er ein Schwein war sicherlich, eine nichtswürdige Figur … Die nicht loskam von Josta. Wenn ihre Augen wie vorhin funkelten, sie das Haar herausfordernd zurückwarf, schon wenn sie diesen seitlichen Pferdeschwanz trug, der für andere nichts weiter als ein flippiges Detail sein mochte — ihn erregte es bis zum Atemverschlagen, hatte es erregt, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, damals, als er Vorlesungstyposkripte zum Hektographieren in das Büro brachte. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt und in der Blüte ihrer Weiblichkeit gewesen. Sie war sich ihrer bewußt und setzte sie ein. Nicht wie ein Mädchen, das kokettieren will, aber noch nicht recht weiß, was daraus werden soll, weil es das andere Geschlecht und sich selbst noch nicht recht kennt. Sondern wie eine reife, erfahrene Frau, und wenn man allein mit ihr im Zimmer war, herrschte knisternde Spannung — ihm fielen dann jedesmal jene Plaststäbe ein, die der Lehrer im Physikunterricht mit einem Tuch rieb und die man nicht berühren konnte, ohne einen elektrischen Schlag zu bekommen. Wenn er mit ihr schlief, fühlte er sich jung, es gab nicht die Tristesse danach, die ihn bei anderen Frauen befallen hatte. Sie packte ihn und wimmerte und schrie, trieb ihn zu Leistungen, die er kaum als Dreißigjähriger vollbracht hatte. Josta war unersättlich und machte kein Hehl aus ihrem sexuellen Appetit und der Lust, die sie empfand. Alles an ihr war heftig: ihre körperlichen Reaktionen, ihr Verlangen, wenn es einmal entfacht war — manchmal dachte er, daß es einem Faß Pulver gliche, und wenn man an ihr vorüberging, genügte schon das bißchen Reibung, es zu entzünden —, ihre Wut, ihre Muskulatur, ihre Ansprüche und ihr Haß. Blindwut, rasendes Begehren, besinnungsloses, von ihrer Hexenglut (so nannte er es bei sich) bis ins letzte heimgesuchtes Versprengen: so hatte er Lucie gezeugt, in Sekunden unvorstellbaren Glücks. Seine Tochter! Er dachte an ihr Haar, die großen braunen Augen, die ihn so fragend und klug ansahen, die ruhige, aufmerksame Anstelligkeit des Kindes, seine unaufdringliche Neugier und rührende Phantasie. Ein Bild mit Zahlen hatte sie ihm geschenkt, die Augen, Ohren und Kleider hatten, Zahlen,»die hab’ ich gesehen, wir kommen immer an einer Sieben vorbei!«Er hatte das Blatt bei Josta gelassen, aber es war sein schönstes Geburtstagsgeschenk. Am liebsten hätte er es mitgenommen und jedem gezeigt! Manchmal hatte er das Bedürfnis, das Mädchen mit nach Hause zu Anne zu nehmen, sie ihr stolz zu präsentieren und zu sagen: Ist sie nicht herrlich? Mein Töchterchen Lucie! Einfach damit Anne sich mit ihm freute, dieses beschwingende Gefühl mit ihm teilte, damit er ihr abgeben konnte davon und es nicht egoistisch für sich behielt. Weißt du, was für ein großes Glück es in meinem Leben gibt, von dem du noch keine Ahnung hast, komm her und sieh es dir an, es heißt Lucie, Lucie, ich kann es nicht für mich behalten, gleich platze ich, so närrisch bin ich vor Glück; ich muß es mit vollen Händen austeilen, sonst zerreißt es mich! So stellte er es sich vor. Mein Gott, bin ich wirklich so naiv, dachte Richard, das ist doch nicht möglich. Könnte ich ihr das wirklich antun? — Du hast es ihr schon angetan, hörte er sich. Du hast es ihr schon angetan.

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